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Ausmalbücher für Erwachsene : Bildschirm aus und ran an die Buntstifte

  • -Aktualisiert am

Schnell nur einige Skizzen: Amelie Persson hat dazu Buntstifte genommen, Wolfgang Eilmes hat fotografiert. Bild: Wolfgang Eilmes

Gibt es eine bessere Zeit zum Entspannen? Malen mit Buntstiften kann weit mehr sein als Kinderkram. Unsere Autorin entführt in die Welt der Farben.

          Ausmalbücher für Erwachsene gelten als ultimatives Mittel zur Entschleunigung und damit gegen Stress. In Buchhandlungen, Kaufhäusern und im Zeitschriftenhandel stößt man auf die meist großformatigen Bücher, die Seite für Seite mit detaillierten Motiven gefüllt sind. Ob verwunschene Zaubergärten, Unterwasserszenarien oder mandalaähnliche Ornamente, es gilt die feinen schwarzen Linienzeichnungen mit Farbe zu füllen – und das kann dauern.

          Da die meisten Filzstifte durch das relativ dünne Ausmalbuchpapier durchschlagen und die Verwendung von Wasserfarben zu welligen Seiten führt, sind Buntstifte die erste Wahl für das meditative Kolorieren. Abgesehen vom Anspitzen machen sie keinen Dreck, sind geruchlos und farbintensiv. Führen sie zu Unrecht ein unspektakuläres Dasein in der Schublade, in der sie nach dem Ende der Schulzeit verstaubt sind?

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          1988 wollte ein scheinbarer Buntstift-Phantast seine Leidenschaft für die hölzernen Malstifte bei „Wetten, dass...?“ demonstrieren und behauptete, die Farben am Geschmack erkennen zu können. Er schaffte es mit seinem Scherz bis ins Fernsehen, landete damit einen kleinen Aufreger und sorgte dafür, dass die Kandidaten der Show fortan strenger unter die Lupe genommen wurden. Der Journalist Bernd Fritz, damals Chefredakteur der Satirezeitschrift „Titanic“, hatte einfach an der großen, verdunkelten Skibrille, die man ihm aufgesetzt hatte, vorbei gelinst.

          Den Geschmackstest kann man sich also getrost sparen. Die Mine des Buntstiftes setzt sich größtenteils aus Farbpigmenten, Fetten, Wachsen und Bindemitteln zusammen und unterscheidet sich je nach Hersteller. Als grobe Faustregel gilt: Höherpreisige Stifte enthalten mehr Pigmente, haben damit stärkere Leuchtkraft auf dem Papier und unterscheiden sich beim Farbauftrag oftmals durch eine cremigere Textur.

          Buntstiftangebot ist stark auf Zielgruppen zugeschnitten

          Das Buntstiftangebot der meisten Hersteller ist stark auf spezielle Zielgruppen zugeschnitten. So produziert der Nürnberger Hersteller Lyra für Kinder von drei Jahren an extradicke Stifte in einer abgerundeten Dreikantform (Super Ferby genannt), ebenso wie Staedler (Ergosoft Jumbo). Faber-Castell nennt den Buntstift für die Jüngsten „Jumbo Grip“ und hat ihn für einen besseren Halt beim Zeichnen mit kleinen Noppen ausgestattet. Weitere Unterteilungen gibt es in ein breitgefächertes Angebot an Schul- und Hobbybedarf sowie ein höherpreisiges Segment mit Profibedarf, der qualitativ höchsten Ansprüchen genügen muss.

          Ein näherer Blick auf das Angebot an klassischen Buntstiften für Schul- und Hobbykünstler bietet eine nahezu verwirrende Vielfalt. Um herauszufinden, welches Buntstiftset mit zwölf oder mehr Farben zu einem passt, hilft es zu wissen, was man damit vorhat. Wer keinen Wert auf eine Marke legt, bekommt auch beim Discounter für eine Handvoll Euro ein einfaches Set bunter Holzstifte. Vergleichbare Stiftesets aus der Produktion traditioneller deutscher Hersteller wie beispielsweise Staedler, Lyra oder Faber Castell, Koh-I-Noor Hardtmuth aus Tschechien oder Caran D’Ache aus der Schweiz kosten zwischen zehn und 40 Euro.

          PEFC: internationales Zertifizierungssystem für nachhaltige Waldbewirtschaftung

          Doch egal ob Billigware oder Markenprodukt, auf fast allen Packungen der hölzernen Farbstifte prangen Gütesiegel, die für eine Produktion aus nachhaltiger Forstwirtschaft stehen. PEFC ist ein internationales Zertifizierungssystem für nachhaltige Waldbewirtschaftung; eine alternative Zertifizierung für die Herkunft der Bäume, aus deren Holz jährlich Millionen Stifte produziert werden, ist das Forest Stewardship Counsel (FSC). Der klassische Buntstift hat einen Durchmesser von sechs bis acht Millimeter, ist sechseckig geformt und überzogen mit glänzendem Lack, zur einfachen Unterscheidung meist in der Farbe der Mine. Doch es gibt auch rund geformte Stifte, wie beispielsweise das klassische Faber- Castell-Modell „Polychromos“ oder die „Polycolor“-Variante von Lyra. Der hexagonale Stift ist im Gegensatz zum runden Stift griffiger und liegt stabiler in der Hand, was von Vorteil sein kann, wenn es um kleine Details oder das Ausmalen filigraner Muster geht. Dafür lässt sich der runde Farbstift flexibler in der Hand drehen, beispielsweise beim Schraffieren, und es besteht auch beim festen Umgreifen der Stiftspitze keine Gefahr von unangenehmen kleinen Druckstellen durch die Kantenform.

          Klassische Zwölfer-Farbsets bestehen meist aus den Grundtönen Gelb, Orange, Rot, Blau, Grün, Braun und Schwarz. Das „Supracolor“-Set von Caran D’Ache bietet ergänzend dazu Rosa, Lila und Türkis, sowie Weiß und Grau zum Nuancieren, während das Faber-Castell-„Polychromos“-Set Lila und noch jeweils einen weiteren Rot-, Blau-, Grün- und Gelbton aufbietet. Der Vorteil von Letzterem ist, dass im gutsortierten Schreibwarengeschäft oder Künstlerbedarf nach individuellem Belieben einzelne Stifte aus einer großen Auswahl an Farbabstufungen gezielt hinzugekauft werden können, beispielsweise ein türkisfarbenes Grün (Nr. 276 „Chromoxydgrün feurig“) oder ein sattes Lachsrosa (Nr. 131 „Fleischfarbe mittel“).

          Wer kleinteilige Ausmalvorlagen mit Farbe zum Leben erwecken will und mehr als nur die klassischen Grundfarben haben möchte, ist mit einem größeren Farbset, wie beispielsweise „Polycolor“ von Koh-I-Noor oder Lyra sowie „Noris“ von Staedler erst einmal gut versorgt. Von den genannten Stiftmodellen hat der Noris-Buntstift die härteste Mine und behält frisch gespitzt am längsten seine Minenform, was praktisch für das Schreiben mit dem Buntstift oder bei kleinteiliger Detailarbeit ist. Dafür ist der Farbauftrag etwas schwächer.

          Im Kontrast dazu ist der Lyra-Künstlerstift am schnellsten heruntergemalt und nach mehrmaligem Nachspitzen schon zusehends geschrumpft. Das Farbergebnis auf dem Papier ist jedoch satt und kräftig. Buntstift ist eben nicht gleich Buntstift: Lyras runder Polycolor-Stift aus mattlackiertem Holz hat eine circa vier Millimeter breite Mine und den typischen Buntstift-Holzgeruch, der festere Noris dagegen ist sechseckig geformt und besteht aus dem eigens von Staedler entwickelten Material Wopex. Im Gegensatz zur traditionellen Herstellungsart von Buntstiften – der Verleimung von zuvor eingekerbten Holzplatten, in deren Mitte die Stiftminen verschlossen werden – ist die Herstellung mit Wopex ein Gussverfahren mit verschiedenen hocherhitzten Granulaten. Dieses Verfahren soll nicht nur ressourcenschonender sein, sondern sorgt unter anderem für eine höhere Bruchsicherheit der Mine, was die Stifte unempfindlicher in der Aufbewahrung und im Transport macht.

          Der wasservermalbare Buntstift erfreut sich großer Popularität

          Doch ob weichere Ölkreidemine, wie beispielsweise der Polychromos, die ein Ineinanderblenden verschiedener Farbtöne begünstigt, oder eine festere Mine wie bei Noris – alle Farben erweisen sich gleich nach dem Farbauftrag als wischfest. Und je nach Druck der Mine auf das Papier auch als radierfest. Nur zart schraffierte Flächen hellerer Farbtöne lassen sich mit dem Radiergummi wieder ganz entfernen. Auch Wasserfestigkeit ist ein wichtiges Merkmal, zumal ein nah verwandtes Produkt, der wasservermalbare Buntstift, sich großer Popularität erfreut.

          Dieser erlaubt, zuvor angefertigte Buntstiftzeichnungen mit ein paar Pinselstrichen im Nachhinein zu aquarellieren, Farbflächen und -verläufe weicher zu gestalten und dem Bild mit etwas Wasser Farbe abzunehmen und damit zu mehr Leichtigkeit zu verhelfen.

          Idealerweise mit Aquarellpapier arbeiten

          Wenn der Malgrund nicht schon in Form eines Ausmalbuches vorliegt, spielt auch die Wahl des Papiers eine Rolle. Gut verfügbar ist oftmals hochweißes Standardkopierpapier, auf dem die Farbkraft der Buntstifte bereits wunderbar zur Geltung kommt. Bei Anschaffung eines Skizzenbuchs oder -papiers ist eine Grammatur ab 120 g/m² ratsam, gerade wenn auch mal mit stärkerem Druck gearbeitet wird. Unterschiedlicher Druck führt zu einer Variation des Farbtons auf dem Bild. Bei Verwendung wasservermalbarer Buntstifte sollte idealerweise mit Aquarellpapier gearbeitet werden.

          Neben dem Papier ist das wichtigste Accessoire beim Zeichnen mit holzgefassten Stiften der Spitzer. Ein schlichter Metallspitzer für Farbstifte ist ausreichend. Nur scharf muss er sein, denn wenn das Spitzermesser stumpf ist, brechen die Spitzen ständig ab, und beim dauernden Nachspitzen schwindet der Stift um Zentimeter, ohne auch nur einen Strich zu malen. Wer länger Freude an seinen Buntstiften haben will, sollte beim Anspitzen außerdem auf den Spitzwinkel achten. Der Staedler-Dosenspitzer ist auf einen 30-Grad-Winkel eingestellt, die Doppel-Spitzdose von Faber Castell sieht für Farbstifte aufgrund ihrer weicheren Mine einen 24-Grad-Winkel vor, während Bleistifte steiler auf 21 Grad gespitzt werden können.

          Aufbewahrung der Farbstifte spielt eine große Rolle

          Doch auch die Aufbewahrung spielt eine Rolle: Fallen die Stifte herunter, kann die Mine im Innern des Stiftes brechen, daher empfiehlt sich die Verwahrung in der ursprünglichen Verpackung, stehend in einem Behältnis auf dem Schreibtisch oder in einer speziellen Tasche wie dem sogenannten Stiftegürtel, der ideal für das Zeichnen unterwegs ist. Hier können die Stifte wie in einem Federmäppchen, einzeln in kleine Gummilaschen gesteckt, zusammengerollt und mit einem Druckknopf verschlossen, sicher aufbewahrt oder transportiert werden.

          Ob zu Hause oder unterwegs, Anfänger oder Fortgeschrittener – dem Zeichnen sollte jetzt nichts mehr im Weg stehen. Der große Vorteil von Buntstiften ist ihre kinderleichte Handhabung: Es bedarf außer der Stifte selbst lediglich etwas Papiers und eines Anspitzers. Im Gegensatz zu Aquarell- oder Acrylfarbe, wo mit Wasserbehälter, Pinsel, Lappen und Unterlage gearbeitet wird und das Bild nach der Fertigstellung erst trocknen muss. Buntstifte brauchen kein aufwendiges Set-up und sind in Sekundenschnelle wieder weggeräumt.

          Für die Zeichentechnik gilt: Übung macht den Meister. Ein guter Anfang ist das Kennenlernen und Ausprobieren unterschiedlichen Materials, um herauszufinden, was die bevorzugten Stifte und Papiersorten sind. Ausmalbücher können ein Einstieg sein, überhaupt mal wieder einen Stift in die Hand zu nehmen. Im amerikanischen Kinderbuch „The Day the Crayons Quit“ des Autors Drew Daywalt und des Illustrators Oliver Jeffers wird von einer Revolution der Farbstifte erzählt. Der graue Stift beschwert sich, immer nur zum Ausmalen von Mäusen oder Elefanten herhalten zu müssen, Blau hat es satt, stets dem Wasser und dem Himmel die Farbe verleihen zu dürfen. Gelb und Orange stehen im erbitterten Streit, wer von ihnen denn nun für die Farbe der Sonne zuständig sei. Ein amüsantes Plädoyer dafür, der Phantasie beim Malen wirklich einmal freien Lauf zu lassen. Also statt auf den Bildschirm zu starren, einfach mal ein paar Buntstifte zur Hand nehmen und die Welt mit mehr Farbe füllen.

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