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Neue Technik gegen Bremsabrieb : Aus dem Staub

Ausgebremst: Über eine Nut im Bremsbelag saugt Tamic Feinstaub ab und sammelt ihn in einem Filter. Bild: Tallano Technologie

Wird gebremst, gelangt feiner Abrieb in die Luft. Dabei steht vieles an schützender Technik parat. Ein französisches Start-Up etwa will Feinstaub absaugen, wo er entsteht – direkt an den Bremsen von Zügen, Autos oder Bussen.

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          Klagende Umweltorganisationen hat Deutschland nicht für sich gepachtet. Die Niederlande kennen sie, und Frankreich kennt sie auch. Der Verband „Respire“, zu Deutsch Atmen, hat im vergangenen Frühjahr vor dem Pariser Gericht aber keine Klage gegen Automobil- oder Ölkonzerne eingereicht, sondern gegen die RATP. Das Staatsunternehmen betreibt die Metro und die Stadtbahnen in Paris. Öffentlicher Nahverkehr also, der doch eigentlich ein Verbündeter grüner Interessen ist.

          Anna-Lena Niemann
          Redakteurin im Ressort „Technik und Motor“.

          Doch Respire wirft dem Unternehmen vor, die Gesundheit ihrer Kunden zu gefährden, weil die Luftverschmutzung an den Bahnstationen zu hoch sei. Im U-Bahn-Schacht mag man sich nicht lange aufhalten, dafür ist die Feinstaubbelastung umso höher. 2015 hat die französische Umweltbehörde genau nachgemessen: Mit durchschnittlich 100 Mikrogramm Partikeln je Kubikmeter war sie mehr als dreimal so hoch wie unter freiem Himmel auf Pariser Straßen.

          Für das französische Unternehmen Tallano Technologie kommt der Vorstoß zur rechten Zeit. Nach der Gründung 2012 ist die Technik von „Tamic“ entwickelt und einsatzbereit. Das System bietet eine technische Lösung, um den Feinstaub dort aufzuhalten, wo er zum großen Teil entsteht: an den Bremsen. Die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF kooperiert schon mit Tallano, die Region Île-de-France ist an dem Unternehmen beteiligt, kürzlich ist zudem der Abfallgigant Veolia eingestiegen, weil auch die Zweitverwertung der aufgefangenen Magnesium- oder Kupferpartikel lukrativ sein kann. Grund genug, einen Prototyp auf die Schiene zu schicken. Eine der Stadtbahnen, die RER, die quer durch Paris fahren, ist nun mit dem Bremsstaubsauger ausgestattet.

          Filter auch für Nutzfahrzeuge und Autos denkbar

          Tamic ist ein aktives Anti-Feinstaub-System. Betätigt der Fahrer die Bremsen seines Zuges, erzeugt eine Turbine Unterdruck. Er saugt die feinen Partikel in einen Filter, die an jedem Rad und jeder Achse zwischen Bremsscheibe und Bremsbacken abgerieben werden. Um 85 Prozent reduziere Tamic diese Emissionen, sagt Bert Stegkemper, der seit 2014 im Aufsichtsrat des Start-ups sitzt und nun die Verantwortung dafür trägt, die Technik auf dem deutschen Markt zu etablieren. In diesen Tagen gründet sich die deutsche GmbH aus, Gespräche mit der Deutschen Bahn führe man bereits, auch wenn Pilotprojekte wie in Frankreich bisher nicht vereinbart sind.

          Wo genau kann die Nut im Bremsbelag verlaufen, ohne die thermischen Eigenschaften oder die mechanische Integrität zu gefährden? Das hat Tallano auf Testständen probiert.
          Wo genau kann die Nut im Bremsbelag verlaufen, ohne die thermischen Eigenschaften oder die mechanische Integrität zu gefährden? Das hat Tallano auf Testständen probiert. : Bild: Tallano Technologie / TAMIC®-System

          Die Schiene ist aber nicht der einzige Ort, an dem so ein Filtersystem wirken kann. Nutzfahrzeuge, Busse und Lastwagen hat Tallano ebenso im Blick, und Autos. Denn auch wenn die Autohersteller selbst zögern, tut sich auf der Seite der Entwickler einiges. So tritt der deutsche Filterspezialist Mann + Hummel mit einem ähnlichen Produkt an. Nur dass dessen System den Feinstaub an den Bremsen passiv einfängt. Dafür sitzt oberhalb des Bremssattels ein mit Metallfaservlies gefülltes Gehäuse, in das die feinen Partikel bei jedem Bremsvorgang geschleudert werden. 80 Prozent der Partikelmasse könne man auffangen, so das Unternehmen.

          Beim Filtersystem der französischen Konkurrenz braucht es eine aktive elek­tronische Steuerung, dafür ist die Architektur der Scheibenbremsen kaum von gewöhnlichen zu unterscheiden. An einem Pariser Renault Zoe durfte sich das System schon erproben, und zusammen mit Audi hat es Tallano an einem RS 5 getestet. Vor allem um herauszufinden, ob sich die Bremseigenschaften verändern. Schließlich kann es eine Zulassung nur geben, wenn die sicherheitsrelevante Technik ohne Einschränkung funktioniert. „Das Einzige, was wir am Bremsbelag machen, ist eine kleine Nut einzubringen“, erklärt Stegkemper. „Die hat aber keine Auswirkungen auf das Bremsverhalten.“ Über die Nut kann der von der Turbine erzeugte Unterdruck den Feinstaub in einen dünnen Schlauch und schließlich in den Filter ziehen. Die Wärmeabfuhr verändere sich dadurch nicht, ebenso wenig wie die mechanische Integrität der Bremsbeläge. Weder Wasser noch Eis verstopften oder verschlammten den Filter. Der Unterdruck sei so dosiert, dass er nur die Schwebstoffe aufnehme.

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