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Aufnehmen mit Vinyl : Musik pur - ganz ohne Schummelei

Die gebürtige Ukrainerin Ela Steinmetz spielt eines ihrer Lieder ein Bild: Lüdecke, Matthias

In Berlin werden noch Schallplatten nach alter Väter Sitte gemacht. Aus Vinyl, live. Natürlich ohne jede digitale Nachbearbeitung.

          4 Min.

          Die Warnung war eindeutig. „Wenn ihr zwischendurch auf die Toilette müsst, kostet das gleich 25 Euro“, hat Rainer Maillard den jungen Musikerinnen noch zugerufen, bevor sie ins Aufnahmestudio liefen. Doch dann verpatzt ausgerechnet sein Tonmeister die erste Aufnahme, weil er das Handzeichen des Schneideingenieurs falsch gedeutet hat. Die tellergroße runde Lackfolie wandert also in den Abfall statt ins Schallplattenpresswerk.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Hier in den Emil Berliner Studios in Berlin-Kreuzberg führt Geschäftsführer Maillard professionelle Musiker zu den Ursprüngen der Tonaufnahmen zurück. Für sein kleines Plattenlabel „Berliner Meister Schallplatten“ zeichnet er ihre Stücke in einem nahezu vergessenen Verfahren auf: im Direktschnitt auf Lackfolie. Kein Magnetband ist zwischengeschaltet, kein Computer kann Spielfehler korrigieren. Eine Schneidemaschine kratzt die Toninformationen direkt als Rille in den Lack. Später werden nach der Vorlage Vinylschallplatten gepresst. Was gespielt ist, ist gespielt. Nachbearbeitung ausgeschlossen.

          Maarten de Boer öffnet noch einmal den Pappkarton. Uneingeweihte würden darin eine Pizza vermuten. Dabei liegen dort 25 Matrizen aufeinandergestapelt, auf denen das Aufnahmeteam gut eine Viertelstunde Musik konservieren kann. Eine der schwarzen Folien legt der Vinylcutter auf die Schneidemaschine, er säubert den heißen Schneidekopf mit einem Tropfen Alkohol und gibt Tonmeister Philip Krause wieder sein Handzeichen. Diesmal gelingt die Aufnahme.

          Das Röhrenmischpult ist Baujahr 1957
          Das Röhrenmischpult ist Baujahr 1957 : Bild: Lüdecke, Matthias

          “Es ist aufregend. Man hat Lampenfieber“, sagt Krause. Anders als bei modernen Produktionen, in denen beliebig viele Schnitte und Nachbearbeitungen möglich sind, müssen Musiker und Aufnahmeteam auf denselben Punkt hin vorbereitet sein. „Ansonsten wählen wir für jeden einzelnen Takt die jeweils beste Einspielung aus. Hier können wir die Aufnahme erst abhören, wenn sie fertig ist“, sagt Krause. In gemeinsamen Proben entwickeln sie vorab eine Choreografie: Die Reihenfolge kann nicht mehr korrigiert werden, denn die Matrize ist die direkte Vorlage für die spätere Pressung.

          Voller Elan gräbt Ela Steinmetz ihre Finger in die Tasten des schwarzen Flügels. Ihre kraftvolle Stimme trägt die selbstgeschriebenen englischsprachigen Songs. „Elaiza“ nennt sie ihr junges Trio. Ihre zwei Mitmusikerinnen legen am Kontrabass und mit dem Akkordeon Rhythmus und Fläche unter die Stücke der gebürtigen Ukrainerin. „Hier brennt man, sobald das Rotlicht leuchtet“, sagt sie. Genau müssen die drei spielen, aufeinander hören. Musiker sind regelmäßig begeistert, nachdem sie im Direktschnitt aufgenommen haben. „Man konzentriert sich auf die Geschichte des Musikstücks und nicht auf die Spieltechnik“, sagt Efraín Oscher, der mit seinen Bolívar Soloists vor zweieinhalb Jahren eine der ersten Direktschnitte des Labels eingespielt hat. In digitalen Produktionen achte man auf Perfektion, hier lasse man Ungenaues zu. „Der Gewinn ist viel größer als ein kleiner Fehler“, sagt er.

          Erst 1948 ersetzte die Vinyl- langsam die Schellackplatte, gleichzeitig etablierte sich die Produktion mit Magnetbändern. Mit dem Siegeszug der Compact Disc verschwand die LP (für Long Play im Gegensatz zur kleinen Single-Platte) in der Versenkung. Doch seit einigen Jahren erlebt sie ein bescheidenes Revival. Von den einst 74 Millionen jährlich verkauften Exemplaren in Deutschland ist sie mit zuletzt einer Million aber weit entfernt. Direktschnitt ist also eine winzige Nische in einem ohnehin kleinen Nischenmarkt. Außer den „Berliner Meister Schallplatten“ verwenden Capsule Records aus Los Angeles und die Studios in der berühmten Londoner Abbey Road das Verfahren.

          Schneidingenieur Maarten de Boer, ganz in seiner analogen Art
          Schneidingenieur Maarten de Boer, ganz in seiner analogen Art : Bild: Lüdecke, Matthias

          Die zweite Aufnahme von Maarten de Boer läuft wie geplant. Konzentriert beobachtet der kleine Holländer die Schneidanlage - eines der letzten Modelle, das die Berliner Georg Neumann GmbH 1991 gefertigt hat. Mit 33 Umdrehungen in der Minute bewegt sich der Teller, auf dem die Lackfolie befestigt ist. Im Schneidkopf ist ein heißer Stichel aus Saphir befestigt, der sich in zwei Richtungen bewegt: laute Töne erzeugen große Bewegungen, hohe Töne schnelle. Die akustischen Signale werden durch die Mikrofone im Studio in mechanische und elektrische Schwingungen verarbeitet. Die Spannungen steuern den Stichel in der Plattenrille.

          “Man muss schon in der Probe darauf achten, was der lauteste Ton ist“, sagt de Boer. Denn darauf hat er die Geschwindigkeit des Vorschubs abgestimmt, mit dem sich der Schneidkopf auf die Mitte der Platte hinbewegt. Verschätzt er sich, überschreibt er die Rille, und die Aufnahme ist missglückt. Die Dynamik eines Direktschnitts sei größer, sagt der Ingenieur. Denn bei der Umwandlung von analogen in digitale Signale ändere sich ihr Charakter. „Das kann man nicht messen, aber hören. Es fühlt sich kühler und steriler an“, sagt er. Und um ganz authentisch zu sein, erzeugt das Team um Rainer Maillard auch den Hall auf traditionelle Weise. Im Keller und im Treppenhaus haben sie Mikrofone aufgestellt und mischen sie der Aufnahme zu. „Der Hall ist wie die Sahne beim Kochen, die alle Elemente verbindet“, sagt Maillard.

          Nach ihrem Opener und zwei schnellen Nummern ist Ela Steinmetz inzwischen bei ihrer Ballade „Thank you“ angelangt. Noch immer spielt die kurzhaarige blonde Pianistin konzentriert und präzise. Ihre leichte Anspannung schwindet erst, als sie die gesamte erste Seite noch einmal einspielt. „Für uns ist die Aufnahme ein Beweis, dass wir auch ohne Nachproduktion fett klingen können“, sagt sie, nachdem die Einspielung im Kasten ist.

          Die Schneidanlage aus dem Jahr 1991
          Die Schneidanlage aus dem Jahr 1991 : Bild: Lüdecke, Matthias

          Ob das Publikum die Technik goutiert, muss sich noch zeigen. Die „Meister Schallplatten“ erscheinen zunächst in dreistelliger Auflage und sind mit 35 Euro teurer als übliche Pressungen. In den siebziger Jahren gab es schon einmal eine Welle von Direktmitschnitten. Damals war die digitale Technik noch nicht ausgereift, Musiker versprachen sich mehr Dynamik. Außer dem Album „Echoes from Africa“ von Abdullah Ibrahim ist aber kaum Bleibendes entstanden. „In heutiger Zeit herrscht eine solche Müdigkeit im Musikmarkt, dass vielleicht eine Chance für den Direktschnitt besteht“, meint Frank Wonneberg, Autor des „Vinyl-Lexikons“. Zudem haben sich die Preise vieler LP denen für direkt geschnittene Aufnahmen schon deutlich angenähert.

          Nachdem der letzte Akkord verklungen ist, hält Maarten de Boer den Plattenteller an. Nach der Aufnahme muss er noch sein persönliches Kürzel in den Lack ritzen. Danach kann die Matrize ins Presswerk geschickt werden. Dort wird mit einem galvanischen Prozess ein Negativ hergestellt. In Zeiten digitaler Musik-Files werde das Analoge wieder mehr geschätzt, hofft Geschäftsführer Rainer Maillard. „Heute wird so viel geschnitten. Keiner glaubt mehr, was er auf CD hört.“

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