https://www.faz.net/-gy9-9e9fk

Aeropress im Test : So gelingt der Filterkaffee perfekt

Sieht kompliziert aus, ist es aber im Alltag nicht: Filtern mit der Aeropress Bild: Jana Mai

Kaffeeliebhaber brühen ihren Pott meistens mit der Hand auf. Neben der klassischen Methode mit Glas- oder Keramikfilter, gibt es auch Aeropress - das eigentlich bessere Verfahren.

          4 Min.

          Wer trinkt heute noch einen Pott Kaffee? In Zeiten der heißen Milchmixgetränke outen sich Normalo-Kaffeetrinker schnell als kulturlose Deutsche, wenn sie nicht Latte Macchiato, Flat White oder Cortado bestellen, sondern bei ihrem guten alten Kaffee bleiben. Es sei denn, sie passen sich der modernen Kaffeehaus-Kultur an und bestellen einen „Filter“. Der mit Hand aufgebrühte Kaffee ist wieder en vogue, ob in New York, Rio, Tokio oder Berlin. Eigentlich ist er sogar schon darüber hinaus: In ernstzunehmenden Cafés ist der Filter längst eine feste Alternative zu den kurzen Schwarzen und flachen Weißen, die aus der Siebträgermaschine kommen.

          Marco Dettweiler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese Entwicklung müssen die Trendscouts von Nespresso lange übersehen haben. Denn erst jetzt sind die Schweizer zu der Erkenntnis gelangt, dass in Deutschland 70 Prozent der Kaffeetrinker lieber zum Pott Kaffee greifen, als mit spitzen Fingern die Espressotasse an die Lippen zu führen. Hätten die Schweizer regelmäßig den „Tchibo Kaffee Report“ gelesen, zum Beispiel die aktuelle Ausgabe 2018, wüssten sie, dass in Deutschland im Durchschnitt 3,4 Tassen Kaffee getrunken werden. Tassen, nicht Tässchen. Knapp 70 Prozent der Deutschen besitzen eine Filterkaffeemaschine, mehr als 30 Prozent einen Handfilter.

          Deutschland ist eben nicht Italien, da können Nespresso und Nachahmer Kapseln produzieren, wie sie wollen. Doch das Unternehmen ist nicht umsonst so erfolgreich - es passt sich dem Markt an. Deshalb wird Vertuoline nach Deutschland kommen, ein Kapselsystem für Pott-Trinker. Genauer: Aus einer Kapsel, die mit bis zu 7000 Umdrehungen pro Minute rotiert, werden 236 Millimeter extrahiert. Weil es das System in Amerika schon gibt, lässt sich auch der Preis pro Kapsel abschätzen: Etwa ein Euro wird pro Pott fällig werden.

          Etwas Druck gehört dazu.
          Etwas Druck gehört dazu. : Bild: Patricia Kühfuss

          Das ist viel Geld, viel Müll und wenig nachhaltig. Deshalb gibt es nun auch eine andere Möglichkeit für alle, die mit Filterkaffee womöglich falsche Erinnerungen verbinden, die Zubereitung dennoch zelebrieren und die Tasse gerne voll haben, und das in guter Qualität: Aeropress.

          Schon der Name klingt besser als Vertuoline. Für viele Kaffeefreunde ist die Aeropress aber immer noch ein Geheimtipp, auch wenn sie in der Welt der Kaffeekenner längst bekannt ist. Dort gilt sie als eine der besten Methoden - für viele gar als die beste -, einen Kaffee zu brühen.

          Dabei sieht die Aeropress nicht besonders sexy aus. Das fängt schon bei der sehr amerikanisch wirkenden Verpackung an. Beim Auspacken hält man ein paar Kunststoffteile in der Hand, die sich nur nach Anleitung zusammenstecken lassen. Das macht nicht gerade Lust aufs Kaffeebrühen - und schreckt womöglich schon vor der ersten Tasse manchen von der Aeropress ab.

          Doch Youtube hilft. Dort gibt es gute Videos, die den Umgang mit der Aeropress erklären. Das Prinzip funktioniert so: In den Zylinder wird zunächst der gemahlene Kaffee eingefüllt, dann das heiße Wasser darauf gegossen und beides miteinander verrührt, damit der Kaffee in Ruhe ziehen kann. Auf der einen Seite des Zylinders sitzt ein Kolben, auf der anderen eine gitternetzartige Abdeckung, in die vor jedem Brühvorgang ein Papierfilter eingelegt wird. Ist die Ziehzeit vorüber, drückt man langsam den Kolben in den Zylinder, sodass sich der Kaffee auf der anderen Seite durch den Papierfilter presst. Fertig ist der Kaffee.

          Filterkaffee : Mahlen, brühen, trinken

          Die Verehrer der French Press, also der Stempelkanne, dürften zu Recht bemerken, dass ihr Lieblingsverfahren dem der Aeropress sehr ähnlich ist. In eine Glaskanne wird dabei ebenfalls gemahlener Kaffee mit heißem Wasser gefüllt und verrührt. Nach der selbst gewählten Ziehzeit drückt man einen Stempel von oben nach unten. Das Sieb lässt den Kaffee durch, das feuchte Mehl wird nach unten gedrückt, wo es gepresst übrig bleibt. Die French-Press-Freunde müssen aber auch zugeben, dass selbst nach sofortigem Ausschank des Kaffees in den Pott stets ein nicht zu tolerierender Anteil an Kaffee mit in die Tasse gelangt, der feinste Partikel des feuchten Kaffeemehls enthält.

          Wer die reine Lehre bevorzugt und seinen Kaffee stilgerecht mit einem Porzellan- und darin liegenden Papierfilter von Hario zubereitet, kennt dieses Problem nicht. Dafür hat dieses Verfahren eine andere - wenn auch kleine - Schwäche: Die Zeit, in der das Kaffeemehl zusammen mit dem heißen Wasser zieht, kann nicht exakt bestimmt werden. Man kann sich einem Wert nähern, indem der Mahlgrad, die Menge des Mehls und des Wassers variiert werden. Es ist aber nicht möglich, 15 Gramm gemahlenen Kaffee in 250 Milliliter heißem Wasser exakt für 30 Sekunden ziehen zu lassen, weil ein Teil des Kaffees schon in der Tasse ist, bevor der andere noch im Filter steht. Zudem sollte der Mahlgrad nicht beliebig variiert werden, um die Ziehzeit genau zu bestimmen. Zu grobes Mehl, das eine hohe Fließgeschwindigkeit des Wassers erlaubt, wird den Kaffee flach schmecken lassen. Ist das Mehl zu fein, sodass das Wasser lange im Filter steht, schmeckt der Kaffee bitter.

          Mit der Aeropress lassen sich alle Parameter exakter bestimmen - und vor allem: auch unabhängig voneinander. Der Mahlgrad des Mehls bestimmt nicht die Dauer der Ziehzeit. Egal ob grobes oder feines Mehl, der Kolben drückt den Kaffee in wenigen Sekunden heraus. Die Menge des Pulvers lässt sich ohne Rücksicht auf die Menge des Wassers bestimmen. Das Rezept für den Morgen kann zum Beispiel so aussehen: 16 Gramm Kaffee mit mittlerem Mahlgrad werden in den Zylinder gefüllt. Das Aufgießen mit dem 81 Grad heißen Wasser dauert etwa 15 Sekunden, das Umrühren endet nach zehn Sekunden. Danach ruht die Mischung aus Kaffeemehl und Wasser für 30 Sekunden, bevor sie langsam herausgepresst wird, was noch einmal etwa 20 Sekunden dauert.

          Jahrelang war unser morgendlicher Pott mit Kaffee gefüllt, der nach allen Regeln der Filter-Kunst zubereitet wurde. Nun ist seit einigen Monaten Aeropress das bevorzugte Verfahren. Der Kaffee schmeckt noch besser. Besonders aus modern gerösteten hellbraunen Bohnen lassen sich gut die Aromen herauslösen. Auch bei Aeropress gibt es aber eine Einschränkung: Mehr als 200 Milliliter Kaffee lassen sich damit nicht auf einmal zubereiten. Der Pott wird nicht ganz voll - so richtig wach wird man also nicht unbedingt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Asylbewerber im bayerischen Manching im Mai 2018

          Was zu tun ist : Migration besser steuern

          Deutschland ist ein Einwanderungsland – aber es sollte sich nicht übernehmen. Die neue Bundesregierung muss vor allem in der EU für eine Asylreform eintreten.

          Radikalisierung der Querdenker : „Es sind Rufe nach Exekutionen“

          Nach dem tödlichen Angriff auf den Kassierer einer Tankstelle in Idar-Oberstein zeigen sich Politiker entsetzt vom Ausmaß der Radikalisierung des Täters. Kenner der Verschwörungstheoretiker-Szene sind dagegen weniger überrascht.
          Großflächige Aufforstung ist eine Möglichkeit, die Kohlendioxid-Pegel langfristig zu stabilisieren. Doch ob die dafür nötigen Flächen zu Verfügung stehen, ist eine politisch-gesellschaftliche Frage.

          Negative Emissionen : Wie man das CO2 aus der Luft entfernt

          Ohne die aktive, technische Entfernung von CO2 aus der Luft bleiben alle Klimaziele Makulatur. Tragisch, dass nicht zuletzt Klimaschützer sie so lange verteufelt haben.
          Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Sonntag bei einer Pressekonferenz der EU-Außenminister in New York

          EU im U-Boot-Streit : „Was heißt, Amerika ist zurück?“

          Die Spitzen der EU stellen sich im U-Boot-Streit mit Amerika, Australien und Großbritannien hinter Paris. Ratspräsident Charles Michel fragt offen, was unter Joe Biden anders sei als unter Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.