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Fluchtweglenkung : Bitte folgen Sie mir zum Notausgang

Auf diesem Bild ist der Fluchtweg über die zwei Eingänge offen. Bild: Eaton

Adaptive Fluchtweglenkung reagiert auf die Situation, weist den richtigen Weg und sperrt die falsche Richtung.

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          Manchmal schmerzt es, nicht in eine schöne Veranstaltung hineinzukommen. Keine Karten mehr, tut uns leid. Das ist übel, aber es hätte schlimmer kommen können: Zum Beispiel, wenn man zwar drinnen ist, aber nicht mehr hinauskommt, weil die Massen in Panik geraten und die Fluchtwege verstopft sind. Um die Gebäudeevakuierung zu erleichtern und den Menschen den Weg zu weisen, gibt es Zeichen. Indes orientiert sich offenbar kaum jemand an dem laufenden Männlein auf weißem Untergrund. Vor einigen Monaten hat Eaton, ein Konzern, der unter anderem Energiemanagement-Lösungen anbietet, die Leute befragen lassen, wie sie denn im Notfall reagieren würden – mit dem erschreckenden Ergebnis, dass fast jeder Dritte einfach zum nächsten Ausgang rennen und nur jeder Fünfte den Rettungszeichen folgen wird. Die anderen warten auf Anweisung von Personal, Polizei und Feuerwehr, oder sie suchen nach einem Evakuierungsplan. Der Anlass muss nicht immer ein Feuer sein; Naturkatastrophen, Unruhen und Terroranschläge können ebenso erfordern, dass ein Gebäude oder ein Veranstaltungsort zügig, aber ohne Panik auszulösen geräumt wird.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Offenbar ist das Vertrauen in die grün-weißen Schilder, die meist auch als Notbeleuchtung dienen, nicht übermäßig ausgeprägt. Das ist, mit Blick auf deren feste Installation ohne Rücksicht auf die aktuelle Situation, kein großes Wunder. Denn das Piktogramm kann nicht wissen, ob der gezeigte Ausweg in diesem Fall auch der richtige ist. Doch lässt sich diese Unsicherheit inzwischen mit Hilfe moderner Elektronik beseitigen. Der Arbeitskreis Fluchtwegelenkung des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) beschäftigt sich schon seit einigen Jahren mit adaptiven Systemen. Sebastian Festag, Vorstandsmitglied des Fachbereichs Sicherheit und Vorsitzender des Arbeitskreises, beschreibt das so: „Durch intelligente Verknüpfung von Gefahrenerkennung, Alarmierung und Evakuierung werden verschiedene Systeme zu einer adaptiven Anlagetechnik weiterentwickelt, die eine Anpassung der Fluchtlenkung an sich verändernde Entwicklungen der Gefahrenlage erlaubt.“ Denn nicht immer ist der kürzeste Weg auch der sicherste.

          Eine flexible Reaktion wird durch die konsequente Weiterentwicklung bestehender Zeichen ermöglicht. Im ersten Schritt konnten die statischen Schilder durch solche ersetzt werden, die im Fall eines Alarms durch Beleuchtung aktiviert werden, dann aber unverändert bleiben. Die nächste Generation waren dynamische Zeichen, die in der Lage sind, einzelne Fluchtwegänderungen anzuzeigen, also etwa eine Route wegen zu hoher Rauchentwicklung mit einem roten Kreuz im Piktogramm zu sperren. Stand der Technik sind aber heute adaptive Systeme, die je nach Situation die Anzeigen ändern und Wege sperren oder wieder freigeben, meist in Kombination mit Durchsagen oder anderen akustischen Signalen. Die Schaltung der Zeichen über eine zentrale Leitstelle ist dabei nur ein Teil des vernetzten Systems. Informationen über den Zustand der Fluchtwege müssen einfließen. Zum Beispiel erkennt ein Rauchmelder unter der Decke zwar zuverlässig einen Brand. Um zu wissen, ob der Fluchtweg noch begehbar ist, sind aber Erkenntnisse über den Rauch in Kopfhöhe erforderlich. Oder ein Fluchtweg ist überfüllt, Nachfolgende müssen dann umgeleitet werden. Dafür muss eine Kameraüberwachung installiert sein, das adaptive System kann dann der Situation entsprechend auf Gefahren reagieren. Bei einer Bombendrohung zum Beispiel können die Fluchtwege genutzt werden, solange es keine Explosion gab. Wenn ein Amokläufer die Menschen bedroht, kann es andererseits sicherer sein, sich in einem Raum einzuschließen. Auch im Fall eines Umweltalarms – etwa brennende Chemikalien – ist es besser, wenn die Menschen im Gebäude bleiben.

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