https://www.faz.net/-gy9-ai3rd

Sylt und der Hindenburgdamm : Watt für ein Fortschritt

  • -Aktualisiert am

Am 1. Juni 1927 wurde die Verbindung der Insel Sylt mit dem Festland eingeweiht. Bild: picture-alliance / dpa

Festland und Sylt verbindet eine Bahnstrecke über den Hindenburgdamm. Jetzt steht ein kleines Jubiläum an: Vor einem halben Jahrhundert wurde der zweigleisige Ausbau in Betrieb genommen.

          3 Min.

          Ohne Bahnanschluss wäre die nordfriesische Insel Sylt heute nur schwer vorstellbar. Die Züge vom Festland über den Hindenburgdamm nach Morsum, Keitum und Westerland bringen Touristen und Arbeitspendler, Autos und Güter übers das Wattenmeer. Jetzt steht ein kleines Jubiläum bevor: 1972 wurde der zweigleisige Ausbau des 11,3 Kilometer langen Eisenbahndamms eröffnet, von dem gut acht Kilometer direkt im Watt verlaufen. Zuvor war der Damm nur eingleisig befahrbar. Das be­deutete für den Bahnbetrieb nach Sylt ei­nen Flaschenhals, trotz des 1955 eröffneten und mitten im Watt gelegenen Be­triebsbahnhofs, an dem Zugkreuzungen und -überholungen möglich waren.

          Das Hamburger Abendblatt berichtete am 9. Juni 1972 über die Erweiterungsarbeiten: „Das alte Gleis wurde Zentimeter um Zentimeter zur Seite geschoben, der Damm auf einer Seite aufgeschüttet und so Platz für das zweite Gleis geschaffen.“ Die Geschichte des Damms reichte da schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Erste Vorschläge gab es im 19. Jahrhundert. Dazu schrieb diese Zeitung 1977: „Derlei Initiativen gehen auf die Zeit zurück, als Westerland offiziell (1855) Badeort geworden war: Der Reisende hatte die Wahl zwischen einem langen Seeweg von Hamburg aus zur Südspitze (ei­nen nicht minder beschwerlichen Landweg von Hörnum nach Westerland inbegriffen) und einer etwas längeren Eisenbahnreise nach Nordschleswig mit einer kürzeren, dafür von Unsicherheiten ge­prägten Seefahrt etwa zur Mitte der Sylter Ostküste, wo ein nur mäßig tiefer Priel ge­rade noch flachgehenden Raddampfern einen Verkehr ermöglichte.“

          1876 bestätigte der Geologe Ludwig Meyn die Machbarkeit eines Dammbauwerks im Watt. Es würde einer sogenannten Wattwasserscheide folgen, an der die Kräfte der Flut vergleichsweise gering sind. Vor dem Ersten Weltkrieg konkre­tisierte sich das Projekt, wurde aber nicht weiterverfolgt. Unter der Federführung des „Preußischen Wasserneubauamtes Dammbau Sylt“ begannen schließlich 1921 die Vorarbeiten für die heute be­stehende Eisenbahnverbindung. Mit der eigentlichen Baumaßnahme ging es im Mai 1923 los.

          Die Züge vom Festland über den Hindenburgdamm nach Morsum, Keitum und Westerland bringen Touristen und Arbeitspendler, Autos und Güter übers das Wattenmeer. Bilderstrecke
          Sylt : Der Hindenburgdamm

          Anfangs setzte man auf herkömmliche Wasserbautechniken mit Sandaufspülung. Dazu die F.A.Z. vom 3. Juni 1977: „Zwischen Buschdämmen aus Pfählen und Flechtwerk, die Sohlbreite von fünfzig Me­tern markierend, wurde im ‚Nassbaggerverfahren‘ Schlick eingespült, dessen Wasseranteil seitlich zurückfließen konnte.“ Nach schweren Schäden an der Baustelle durch eine Sturmflut noch im selben August entschied man sich um. Nun wurde der Damm auf einer mit hölzernen Spundwänden gesicherten Gründung ge­baut. Diese aufwendige Technik hat sich seither bewährt. Wie schwer es ist, die Sandstrände der Sylter Küste durch Aufspülungen gegen die Gezeiten zu vertei­digen, weiß man auf der Insel nur zu gut. So entstand ein an der Sohle rund 50 Meter und an der Krone elf Meter breites Bauwerk, das den Oberbau der Eisenbahnanlagen trägt.

          Die Höhe der Krone hatten die Planer auf zwei Meter über der höchsten do­kumentierten Sturmflut angelegt. Für den Verlauf des Damms wählte man den schmalsten Bereich zwischen Festland und Insel. Zugleich wurde die Route des Bauwerks so weit wie möglich nach Norden gerückt, um Abstand zum Föhrer Tief zu gewinnen. Nach Angaben des „Sylt Le­xikons“ wurden für den Bau 3,6 Millionen Kubikmeter Erde und Sand sowie 400.000 Tonnen weiteres Material (Steine, Kies, Buschwerk, Pfähle) verbraucht. Rund 1500 Arbeitskräfte waren an der Kons­truktion beteiligt.

          Andere Nordseeinseln wie Borkum waren weitsichtiger

          Mit der Eröffnung des Eisenbahndamms am 1. Juni 1927 war Sylt nun erstmals auf dem Landweg zu erreichen, statt die beschwerliche Reise mit der Fähre antreten zu müssen. Diese war für Inselbewohner und Touristen seit 1920 noch umständlicher geworden, weil der nordschleswigsche Hafen Hoyerschleuse nun in Dänemark lag. Um nach Sylt zu gelangen, musste man erst eine Ländergrenze überqueren, Zollabfertigung inklusive.

          Die Kapazitätssteigerung des Hindenburgdamms durch die Eröffnung des zwei­ten Gleises im Jahr 1972 war dringend nötig. Dazu trug auch ein anderes Verkehrsmittel bei, das Auto: 1932 gab es erstmals Autoreisezüge nach Westerland, heute bieten sowohl die Deutsche Bahn („DB Sylt Shuttle“) als auch RDC („Der Blaue Autozug“) solche Verbindungen an. Für den Eisenbahnverkehr auf der Insel mit der 1888 gegründeten Schmalspurbahn bedeutete die Konjunktur des Straßenverkehrs bereits 1970 das Ende. Andere Nordseeinseln wie Borkum waren hier weitsichtiger und haben die Bahninfrastruktur erhalten.

          Rundum zufrieden ist man 50 Jahre nach dem zweigleisigen Ausbau des Hindenburgdamms längst nicht mit der Bahnanbindung der Insel. Als „unzuverlässigste Bahnstrecke in Deutschland“ wird die Verbindung manchmal verspottet. Erst in diesem Sommer hat dieser nördlichste Teil der Marschbahn von Hamburg nach Westerland wieder mit einem zu geringen Platzangebot für Schlagzeilen gesorgt. Ob der vollständige zweigleisige Ausbau der Strecke Abhilfe bringt? Insbesondere vor dem Damm liegt zwischen Niebüll und Klanxbüll noch immer ein eingleisiges Na­­delöhr. Im April 2021 teilte die Bahn mit, dass diese 13 Kilometer lange Strecke im laufenden Betrieb für mehr als 220 Millionen Euro zweigleisig ausgebaut wer­den soll. Einen verbindlichen Zeitplan für die Eröffnung gibt es noch nicht.

          Eine Baustelle ist schließlich auch der Name des Damms, angelehnt an die Er­öffnung durch Reichspräsident Paul von Hindenburg. Es gibt es immer wieder Be­­strebungen, die Strecke mit einem historisch neutraleren Begriff zu bezeichnen. Zur Eröffnungsfeier 1927 war noch von „Der Wattenmeer-Damm“, „Der neue Weg“ und „Sylter Dammbau“ die Rede.

          Weitere Themen

          Maskenball in Mailand

          Zukunft der Zweiradindustrie : Maskenball in Mailand

          Pandemie und Absagen mancher Schwergewichte setzen der Messe Eicma zu. Aber sie schlägt sich tapfer. Nicht nur, weil China groß auftrumpft.

          Das fliegende Auge

          Drohne Mavic 3 von DJI im Test : Das fliegende Auge

          Dank Superzoom gelingen spektakuläre Fotos und Videos. Die Drohne Mavic 3 von DJI kommt zudem mit langer Flugzeit und Hinderniserkennung. Ein erster Test.

          Topmeldungen

          Verschneit: das Dorf Keele in der Grafschaft Staffordshire

          Pub-Gäste sind abgereist : Noch immer Zehntausende Briten ohne Strom

          Die Folgen von Sturm „Arwen“ sind Großbritannien noch zu spüren. Die rund 60 Gäste, die sich die Zeit drei Tage in einem eingeschneiten Pub mit Brettspielen und Karaoke vertrieben, sind allerdings abgereist - nachdem sie ihre Autos ausgebuddelt hatten.