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3D-Kino : Der zweite Anlauf in die dritte Dimension

  • -Aktualisiert am

Der Unterhaltungsfilm in 3D erlebt seine digitale Renaissance: Hollywood setzt immer mehr 3D-Projekte auf den Produktionsplan, die Kinos installieren passende Vorführsysteme. Steht das Kino der dritten Dimension jetzt vor seinem endgültigen Durchbruch?

          7 Min.

          Seit die bewegten Bilder in den ersten Lichtspielhäusern das Laufen lernten, hat das Kino immer wieder seinen Rang als größte Illusionsmaschine der Welt verteidigt. Aus zackigem Stummfilm-Klamauk wurden große Geschichten mit gesprochenem Ton und schwelgender Musik – wenn auch zunächst noch in schnarrigem Timbre. Die prunkvollen Kino-Paläste der zwanziger Jahre versetzten selbst arme Schlucker für ein paar Stunden in die Sphären der Reichen und Schönen. Die dreißiger Jahre tauchten die Dramen des virtuellen Lebens erstmals in Farbe. Kurzum: Die Karriere des Mediums schritt von Höhepunkt zu Höhepunkt.

          Aber dann kam in den fünfziger Jahren das Fernsehen, in den Sechzigern wurde die Mattscheibe sogar noch bunt: Das Pantoffelkino sorgte für spürbare Konkurrenz. Also musste das richtige Kino nachlegen. Ben Hur und Konsorten fochten sich fortan in spektakulären Breitwand-Formaten kreuz und quer durch die Antike. Mehrkanal-Systeme begannen, dem Ton lebensnahe Tiefe zu verleihen. Und um den Zuschauer noch intensiver in die Handlung einzubeziehen, versuchte sich Hollywood erstmals auch in stereoskopischer Bild-Darstellung.

          Das Kino hat seine Herausforderer nie ganz abgehängt

          Das 3D-Kino sollte die Illusion perfektionieren und die elektronischen Herausforderer ein für allemal in die Schranken weisen. In den Vereinigten Staaten löste die Idee schon Anfang der fünfziger Jahre zunächst einen veritablen Sturm auf die Kinokassen aus, der aber ebenso schnell wieder abebbte. Denn die Zeit war noch nicht reif, die Technik noch nicht überzeugend, das Repertoire wohl auch inhaltlich zu flach.

          Und heute? Das Kino hat seine Herausforderer nie ganz abgehängt. Zwar konnte es sich mit dem Umbau von Filmpalästen zu Schachtelkinos zunächst gesundschrumpfen und mit dem Neubau von modernen, technisch hochgerüsteten Multiplexen sogar wieder zu neuer Größe aufschwingen. Aber mit der DVD eroberte Dolbys Mehrkanal-Ton auch die Wohnzimmer. Und mit der Blu ray Disc kommen Filme sogar in kinoähnlicher Detailtreue auf die Bildfläche. Das bringt Hollywood offenbar erneut in Zugzwang. Die 3D-Idee steht, so scheint es, vor einer Renaissance, diesmal mit digitalen Vorzeichen. Auf Fachmessen wie der Amsterdamer Cinema Expo oder der ShowEast in Orlando ist 3D derzeit das heißeste Thema.

          Dutzende neue 3D-Projekte in den nächsten drei Jahren

          Schon 2005 sorgte Disney mit der 3D-Version seines Animationsfilms Chicken Little (deutscher Titel: Himmel und Huhn) für Furore. Auf Animationen spezialisierte Studios wie die Digitalschmieden Dreamworks und Pixar wollen ihre Produktionen sogar ganz auf 3D umstellen. Die 3D-Neufassung des Pixar-Klassikers Toy Story, geplanter Erscheinungstermin Herbst 2009, ist vielleicht das prominenteste Beispiel. Kein Wunder eigentlich: Die Umsetzung auf 3D erledigt in der Animationswelt ein Rechenknecht, der außer passender Software, ordentlich Strom und ein paar mächtigen Festplatten nichts weiter verlangt.

          Aber auch immer mehr reale Filmproduktionen stehen im Zeichen der Plastizität: Die großen Studios weisen in ihren Veröffentlichungsplänen für die nächsten drei Jahre Dutzende neuer 3D-Projekte aus, immer öfter filmt am Set eine Kamera mit doppelten Linsensystem, oder eine zweite, separate Kamera läuft mit. In den Vereinigten Staaten sind bereits über 1000 Kinos für die 3D-Technik gerüstet. Hierzulande geht der 3D-Ausbau langsamer voran, aber immerhin haben sich zwischen Bremen und München derzeit 23 Kinos fit für den digitalen 3D-Spaß gemacht.

          Das Gehirn bringt die Bilder zur Deckung

          Steht das 3D-Kino jetzt also vor seinem endgültigen Durchbruch? Die technischen Voraussetzungen hierfür sind jedenfalls viel günstiger als in den fünfziger Jahren. Damals brauchte man zur Vorführung zwei Filmkopien – je eine, die das Bildmaterial für das rechte und das linke Auge lieferte. Denn der plastische Eindruck entsteht im Kino genau wie in der Natur: Unsere Augen fangen die Abbilder der Welt aus leicht unterschiedlicher Perspektive ein. Das Gehirn bringt die Bilder zur Deckung und entnimmt den Differenzen Informationen über die räumliche Tiefe.

          Natürlich verlangte die analoge Welt auch nach zwei Projektoren, die pedantisch synchron laufen mussten. Und es bedurfte einer Vorrichtung, die das linke Auge daran hinderte, die für das rechte bestimmten Bildinformationen zu sehen und umgekehrt. Dazu setzte die Kino-Technik auf polarisiertes Licht – eine Methode, die auch modernen Lösungen noch zugrunde liegt. Im analogen 3D-Kino funktioniert sie so: Vor jeder Projektionslinse sitzt ein sogenanntes lineares Polarisationsfilter, das nur solche Lichtstrahlen durchlässt, deren Wellen auf einer Ebene schwingen – zum Beispiel links vertikal, rechts horizontal. Der Zuschauer bekommt eine Brille verpasst, die mit entsprechenden linearen Polarisationsfiltern ausgerüstet ist. So sieht jedes Auge nur das, was es soll.

          Die Zukunft der 3D-Projektion spielt in der digitalen Welt

          Die 3D-Wirkung entfaltete sich auf diese Weise auch schon vor einem halben Jahrhundert recht eindrucksvoll. Ungetrübte Genüsse aber bot die Technik damals noch nicht: Bewegte Bilder von Zelluloid-Filmen stehen nie ganz still; die ratternde Projektormechanik lässt sie stets ein wenig hüpfen und zittern. Vibrieren nun die Darstellungen für beide Augen um die Wette, ist das arme Hirn des Betrachters mit der Kompensationsarbeit rasch überfordert: Stress, Schwindelgefühl oder gar Kopfschmerzen sind die unschönen Nebenwirkungen.

          Zwar hat die analoge 3D-Technik bis heute überlebt – vor allem in Gestalt der spektakulären, 70 Millimeter breiten Imax-Filme. Aber die Zukunft der 3D-Projektion spielt in der digitalen Welt, schon deshalb, weil digitale Projektoren die Bilder mit unerschütterlicher Stabilität an der Leinwand festnageln. Ein weiterer Vorteil: Die Studios müssen nicht mehr zwei Kopien anliefern.

          Der Trend geht klar zu Ein-Projektor-Systemen

          Die Filmversionen für beide Augen stecken in einem einzigen Datenstrom, sprich in einer einzigen Wechselfestplatte für den Vorführ-Server. Auch in der Digital-Ära gibt es vereinzelt noch Vorführ-Lösungen, die mit zwei Projektoren arbeiten, etwa, um die Lichtausbeute zu steigern. Doch der Trend geht klar zu Ein-Projektor-Systemen: Die Lichtkanone entlässt die Informationen für das linke und das rechte Auge einfach nacheinander; die Brillen leisten ihre Verdeckungsarbeit entsprechend sequentiell. Das funktioniert nicht mehr mit linearer Polarisation, aber man muss diesem Verfahren nicht nachtrauern. Denn es hat Nachteile: Neigt der Zuschauer den Kopf zur Seite, passen die Filter der Brille nicht mehr genau zu den Schwingungsebenen des Lichts. So entstehen lästige Geisterbilder, der 3D-Effekt geht verloren.

          Abhilfe schafft zum Beispiel das Projektionssystem RealD: Hier rotiert ein Filter vor der Projektionslinse, das nur zirkular polarisierte Lichtstrahlen durchlässt. Das bedeutet: Die Wellen schwingen gleichsam in einer sich drehenden Ebene – sie schrauben sich wie eine Helix durch den Raum in Richtung Leinwand und vorn dort zurück zum Zuschauer, der eine Brille mit passenden zirkularen Polarisationsfiltern trägt.

          Hier bitte eine doppelzeilige Zwischenzeile

          Die jeweilige Abblendwirkung für das rechte und das linke Auge ergibt sich so: Das Polarisationsfilter am Projektor wechselt von Bild zu Bild die Drehrichtung der Lichtwellen. Die Filter der Brille sind entsprechend abgestimmt. Das Ergebnis: Die beiden Augen sehen den Film abwechselnd – stets aus jener Perspektive, die sie für den 3D-Eindruck brauchen. Daran ändert sich auch nichts, wenn der Betrachter seinen Kopf bewegt. Noch ein weiterer Vorteil spricht für RealD: Die Filterbrillen sind so preisgünstig, dass es kein Unglück ist, wenn das eine oder andere Exemplar nach der Vorführung samt Zuschauer durch den Ausgang verschwindet.

          Es gibt aber auch einen Nachteil, der für alle Lösungen auf der Basis von polarisiertem Licht gilt: Der Kinosaal braucht eine kostspielige, silbern beschichtete Leinwand. Mit einer weißen Standard-Wand dagegen kommt das Kino aus, wenn es mit dem System XPanD arbeitet. Hier sorgen Shutter-Brillen in LCD-Technik für die abwechselnde Verdunklung der Augen. Die nötige Synchronisierung mit dem Projektor besorgen Infrarot-Signale. Das macht die Brillen teuer, und obendrein brauchen die Sichtgläser auch noch eingebaute Batterien, die nicht ewig halten.

          Ein Verfahren der Daimler-Tochter

          Auf lange Lebensdauer sind dagegen die Brillen eines weiteren Systems ausgelegt, mit dem sich Surround-Spezialist Dolby nun auch als Lieferant von 3D-Lösungen profiliert. Das Dolby 3D Digital Cinema genannte System kommt ebenfalls mit einer ganz normalen, weißen Leinwand zurecht. Um die Bilder abwechselnd nur dem rechten und dem linken Auge zuzuspielen, verwendet Dolby ein Verfahren, dessen Grundlagen ursprünglich von der Daimler-Tochterfima Infitec in Ulm entwickelt wurden und das auf den Namen Interferenzfilter-Technik hört – der Firmenname reduziert das sperrige Wort zum Kürzel.

          Die Sache funktioniert so: Ein spezielles Farbfilter-Rad im Projektor verschiebt das Spektrum des weißen Projektionslichts Bild für Bild abwechselnd um eine Winzigkeit. Dank einer sehr schmalbandigen spektralen Filterwirkung der Brillengläser lassen sich die Bilder für das rechte und das linke Auge auf diese Weise exakt voneinander trennen – der Zuschauer nimmt sie plastisch und mit korrekten Farben wahr.

          Muss Hollywood nun künftig jede 3D-Veröffentlichung in mehreren Versionen für die unterschiedlichen digitalen Vorführsysteme ausliefern? Gegen solche Zumutungen würden die Studios Sturm laufen, aber das müssen sie gar nicht: Wie digitale Filmdaten aussehen, nach welchen Kodierverfahren die Bilder aufbereitet werden, wie der Kopierschutz funktioniert – all dies ist in den Spezifikationen der Digital Cinema Initiatives (DCI) festgeschriebenen, deren jüngste, 156-seitige Version 1.2 am 10. Juni dieses Jahres veröffentlicht wurde.

          3D erfordert neue Dramaturgien

          Alle digitalen 3D-Vorführsysteme können DCI-konforme Filme als Rohstoff verarbeiten. Sofern sie überhaupt die Digitalsignale modifizieren müssen, erledigen die Vorführ-Server diesen Job in Echtzeit. Das digitale 3D-Kino braucht auch keine besonderen Projektoren: Fast alle digitalen Lichtspielhäuser arbeiten derzeit mit Geräten, in denen reflektierende DLP-Chips die Bilder erzeugen – mit 2k-Auflösung, das bedeutet, eine Bildzeile besteht aus 2048 Bildpunkten. Der proprietäre Anteil der 3D-Vorführsysteme besteht also lediglich in speziellen Servern samt Software und in Bausätzen zur Modifikation der digitalen Standard-Projektoren. Das bedeutet unter anderem: Ein 3D-tüchtiges Digitalkino kann ohne Umbauten und Zeitverzug zwischen 3D- und 2D-Vorführungen wechseln.

          Ob dem zweiten Start in die dritte Dimension ein nachhaltiger Erfolg beschieden sein wird, steht vorerst in den Sternen. Das wird nicht zuletzt von überzeugendem Repertoire abhängen. Vielleicht lassen Effekthascherei und Spektakel zunächst die Kinokassen klingeln, aber solche Erfolge tragen nicht auf Dauer. Und nicht jedes Sujet taugt wirklich zur plastischen Abbildung; Naturaufnahmen, etwa im Gebirge oder unter Wasser, können in 3D begeistern, Szenen in geschlossenen Räumen eher befremden. 3D erfordert auch neue Dramaturgien, zum Beispiel solche, die nur mit wenigen Schnitten auskommen. Denn nach jedem Cut bricht die 3D-Illusion zunächst zusammen; das Gehirn baut sie erst mit Verzögerung wieder auf. Dies alles legt den Schluss nahe: 3D kann das Kino bereichern, aber es wird die 2D-Perspektive nicht in der gleichen Weise ablösen wie der Farbfilm die Schwarzweiß-Ära.

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