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100 Jahre Plastik : Das Zeitalter der ersehnten Künstlichkeit

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Bakelit: Besser geeignet zum Reinaschen, als zum Einäschern Bild: AP

Kunststoffe sind heute aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Der allererste vollsynthetisch hergestellte Kunststoff nannte sich Bakelit. Vor hundert Jahren meldete ihn ein dänischer Chemiker zum Patent an - und läutete damit ein neues Zeitalter ein.

          Einmal muss es vorbei sein. Und so fuhr denn zu den Klängen von „La Paloma“ der Sarg in den Feuerofen. Es knisterte und stank. Den Trauergästen tränten die Augen. Dann lag es in der Luft: für Särge ist Bakelit denkbar ungeeignet. Zwar ließ sich dieser erste richtige - weil vollsynthetische - und vor genau 100 Jahren erfundene Kunststoff in jedwede Form pressen. Doch die Bestatter läuteten Ende der 1930er das Sterbeglöckchen für das, was als wohl größtes jemals gefertigtes Formteil aus Phenolharz noch bis zum Januar 2009 die Ausstellung „Plasticity“ im Londoner Science Museum schmückt - den Bakelitsarg.

          Der Erfinder dieses Traumstoffes für Designer, der im belgischen Gent 1863 geborene Chemiker Leo Hendrik Baekeland, war ein Glückskind. Mit 21 Jahren „summa cum laude“ promoviert und mit nur 26 Jahren Professor. Doch er wollte richtig Geld verdienen, übersiedelte nach Nordamerika, nahm die Entwicklung empfindlicher Fotopapiere wieder auf und verkaufte sein Velox-Patent an Kodak. Vorgestellt hatte er sich einen Preis von 50.000 Dollar, mindestens jedoch 25.000, „und keinen Cent weniger“. Doch Kodak-Chef George Eastman ging es um mehr, um die freundliche Verdrängung eines Konkurrenten. Die war ihm eine Million Dollar wert. Eine Summe, die sich als Anschubfinanzierung für das erste Jahrhundert des Kunststoffes erweisen sollte. Denn nun hatte Baekeland genug Geld für seine Experiment.

          Schellack-Knappheit und gemahlenes Fichtenholz

          Von 1902 an beteiligte er sich an der da schon 30 Jahre lang währenden Suche nach einem Werkstoff, dessen Eigenschaften dem Stein der Weisen nahekommen sollten. Beständiger als Holz, leichter als Eisen, haltbarer als Gummi sowie industriell formbar sollte er sein und zudem ein elektrischer Isolator: Strom löste in jenen Jahren den Dampf als Energiequelle ab. Herstellen wollten die Chemiker den Zauberstoff aus Phenol und Aldehyd, die wiederum aus Steinkohlenteer und Holz gewonnen wurden. Doch die bisher probierten Kombinationen von Druck, Temperatur und Zuschlagstoffen brachten nicht mehr als ein Harz zustande, glichen gefrorenem Bierschaum oder ließen sich, von Rissen durchzogen, nicht einmal mit aggressivsten Säuren aus dem Reaktionsgefäß lösen.

          Der 904 aus dem Jahr 1964 war der erste...

          Baekeland packte die Sache völlig systematisch an mit dem ersten Ziel, einen Ersatz für Schellack zu entwickeln, das aus Schildläusen gewonnene Naturharz. Aus ihm fertigte man Firnisse, Schallplatten und sogar Knöpfe. Vor allem der Bedarf an Isolierungen für die sich blitzartig entwickelnde Elektroindustrie ließ das Naturprodukt knapp werden. Die Suche nach einem Surrogat führte schließlich zum Erfolg. Unter großem Druck und bei hohen Temperaturen verbanden sich die Ausgangsstoffe zu einem harten und beständigen Kunststoff. Eine Stange aus dem nach seinem Erfinder benannten „Bakelit(e)“ von nur 25 Millimeter Durchmesser soll damals als Beweis der Leistungsfähigkeit des neuartigen Materials ein Auto mit sieben Insassen sicher in der Luft gehalten haben. Doch das Ur-Bakelit war spröde: Erst der Zusatz von feingemahlenem Fichtenholz machte es etwas elastischer.

          Vom Ersatz zur Avantgarde

          Am 13. Juli 1907 meldete Baekeland sein Bakelit zum Patent an, stellte es aber erst zwei Jahre später der Weltöffentlichkeit vor. Ausgerechnet in der deutschen „Chemiker-Zeitung“. Das Kaiserreich galt als führend nicht nur in der Chemie, Baekeland hatte auch um die Jahrhundertwende ein Lehrjahr in Berlin absolviert. Dort produzierte die eigens gegründete Bakelit GmbH von 1910 an in Lizenz diesen Kunststoff, der ein ganzes Zeitalter prägen sollte.

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