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10 Jahre nach Concorde-Unglück : Erinnerung an die Zeitmaschine

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Die Concorde flog in eine Zukunft, die ihr selbst nicht vergönnt war Bild: dpa

Vor zehn Jahren, am 25. Juli 2000, zerschellte am Stadtrand von Paris eine Concorde mit 113 Menschen an Bord. Der Absturz beendete eine Episode, die eine Epoche hatte werden sollen: das Reisen mit doppelter Schallgeschwindigkeit.

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          In ein paar Jahren wird man sagen: Stellt euch vor, Großvater ist noch mit der Concorde geflogen! Die Bemerkung mag den alten Herrn ein wenig grauer und interessanter erscheinen lassen, klingt sie doch so, als habe er vor langen Zeiten die Postkutsche nach Prag oder das Dampfschiff nach Rio genommen. Von Paris flog man in dreieinhalb Stunden nach New York, wird er erzählen. Der Atlantik war nicht breiter, als ein französisches Diner lang ist.

          Kutsche und Dampfer sind auf natürliche, gleichsam darwinistische Weise ausgestorben. Sie waren dem Tempo der neuen Zeit nicht gewachsen. Ganz anders die Concorde. Hier liegt der neuartige Fall vor, dass ein zukunftweisendes Produkt der Technik aufgegeben werden musste. Die Überschallmaschine war das schnellste Verkehrsmittel aller Zeiten. Und sie übertraf alle anderen Flugzeuge ja nicht nur an Schnelligkeit, sondern auch an Schönheit. Neben ihr sah der Jumbo-Jet aus wie ein Wohnmobil neben einem Porsche. Die Concorde verschwand vom Himmel, weil sie mehr kostete als einbrachte, das leuchtet ein. Und doch bleibt eine große Verwunderung, dass es sie nicht mehr gibt.

          Sie stammte aus einer Zeit, die den Fortschritt an technischen Großtaten maß. Vor 50 Jahren erschien der Bau einer Überschallmaschine als logische Weiterentwicklung des Luftverkehrs. Die Jets halbierten die Flugzeit der Propellermaschinen. Der Superjet sollte die Zeit noch einmal halbieren. 1962 taten sich Frankreich und England zusammen, um der erdrückenden Vorherrschaft der amerikanischen Luftfahrtindustrie mit einem großen Wurf zu begegnen. Und bastelten nicht auch die Sowjets an ihrer Concordowitsch? Die Concorde wurde ein großer Wurf. „Damit hat sich Europa den Eintritt in die nächsten 50 Jahre des Überschallverkehrs erkauft“, verkündeten die supersonischen Pioniere, als sie die völlig aus dem Ruder gelaufenen Kosten rechtfertigen mussten. Falsche Propheten!

          Das Ende der Concorde am 25. Juli 2000

          Der weiße Pfeil mit den Deltaflügeln überholte die sich drehende Erde

          „Schneller als die Sonne“, lautete ein Werbespruch. Man konnte nach Sonnenuntergang in Europa starten, unterwegs die Sonne wieder aufgehen sehen (im Westen!) und noch am selben Tag den schon gehabten Sonnenuntergang noch einmal erleben. Der weiße Pfeil mit den Deltaflügeln überholte die sich drehende Erde. Er überwand die Schallmauer, aber nicht die ökonomischen und ökologischen Mauern, die während seiner langen Entstehungszeit immer höher geworden waren. Da versagte die ganze Aerodynamik. Lange vor den ersten Passagieren hatte die Concorde erbitterte Gegner. Lange vor dem Jungfernflug erschien der erste Nachruf. Sie wurde bewundert und verteufelt wie eine gefährliche Schönheit, für die nur Heiligsprechung oder Scheiterhaufen in Frage kam.

          Ihr Schicksal zeichnete sich schon 1976 ab, als sie in den Liniendienst ging. Die doppelte Schallgeschwindigkeit wurde nicht, wie geplant, zum Standardtempo der Langstrecken. Hoher Spritverbrauch und geringe Reichweite, Triebwerklärm und Überschallknall vereitelten eine sicher geglaubte Karriere. Statt zur globalen Herrscherin der Lüfte wurde die Concorde zur Extravagantin des Transatlantikverkehrs. Inmitten Tausender gemächlich dahindüsender Flugzeuge etablierte sie eine neue Klasse jenseits der Schallmauer. Sie war die Zeitmaschine eiliger Geschäftsleute. Mit ihr wurde der Tagestrip von Europa nach Amerika und zurück möglich.

          Nicht wenige nahmen stolz die lächerliche Mach-2-Urkunde entgegen

          Millionen Menschen sind mit doppelter Schallgeschwindigkeit gereist, ein Vierteljahrhundert lang. Nicht wenige nahmen stolz die lächerliche Mach-2-Urkunde entgegen und legten sie in die Schublade neben den Äquatortaufschein oder das Polarkreiszertifikat. Ein Vergnügungsdampfer für reiche Leute war die Concorde nie. Ihre Betreiber nutzten zwar das Prestige des schönen Vogels fürs Chartergeschäft und priesen das einmalige Flugerlebnis. Es schien der Höhepunkt des Tourismus zu sein, wie der Blitz nach Amerika zu fliegen, um auf einer Kreuzfahrt zwei Wochen lang nichts zu tun. Ein Sessel in der Concorde war ein ganz besonderer Platz. Aber niemand konnte behaupten, er habe die unglaubliche Schnelligkeit wirklich gefühlt. Das Überschallerlebnis beruhte allein auf dem Anblick der Fahrtmesseranzeige in der Kabine: Mach 2,04. Jenseits der Schallmauer verläuft das Leben nicht anders als diesseits.

          Das Unglück im Juli 2000 war der Anfang vom Ende. Ein Schock nach so vielen unfallfreien Jahren. Air France und British Airways investierten noch einmal Millionen in die angeschlagene Zeitmaschine, aber sie zögerten nur den Abschied hinaus. Die Concorde starb, alt geworden, ohne Nachkommen. Da sich der Blitzverkehr nicht durchgesetzt hat, gab es nie eine Weiterentwicklung. Keine modernen Triebwerke, keine neuen Werkstoffe, keine digitale Revolution. Die Menschheit hat sich auf gemütliche 850 Kilometer in der Stunde eingerichtet. Die Concorde ging in den Himmel der technischen Mythen ein, wo schon der Zeppelin auf sie wartete. Stellt euch vor, Großvater ist noch damit geflogen.

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