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Tandem : Wie im Leben regiert nicht selten am vorderen Lenker die Frau

  • -Aktualisiert am

Wenn der Vater mit dem Sohne Bild:

Tandemfahren ist längst nicht so schwer, wie man es sich vorstellt. Geradezu ideal sind die Zweisitzer für Radler-Paare, die unterschiedlich groß und fit sind.

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          Zwei halbstündige Touren durch den Stadtwald mit den beiden Tandems genügen. An ihrem Ende steht für den 76 Jahre alten Probefahrer Kilian Gremminger fest: Auf dem sportlicheren Modell fühle er sich als Beifahrer entschieden wohler, auch wenn das andere die Bequemlichkeiten des tieferen Durchstiegs und des Einzelfreilaufs biete. Da könne er zwar mal hinten die Füße ruhig halten und sich fahren lassen. Vertrauensbildend aber wirke vor allem die geringere Verwindungsfreudigkeit des Sportrahmens. Wir machen mit dem alten Herrn, der an Parkinson leidet und sich auf dem eigenen Fahrrad inzwischen manchmal ein wenig unsicher fühlt, einen Besuch bei Zweipluszwei in Köln. Bekannt geworden ist das Unternehmen als Spezialist für Fahrradanhänger und Kindertransporter verschiedener Bauart, Zweipluszwei hat aber auch zweisitzige Fahrräder im Angebot.

          Für die zeichnet seit Ende 2001 Hans-Gerd Lanzerath verantwortlich. Der Rahmenbauer und Konstrukteur, der zuvor unter anderem der alten Marke Wanderer mit seinen ebenso puristischen wie edlen Entwicklungen neuen Glanz verschaffte, hat sich auf dem ohnehin kleinen Tandem-Markt eine Nische herausgesucht, deren Größe er auf etwa tausend Räder jährlich - in Europa wohlgemerkt - schätzt: "Teure Sporttandems gab es bereits", sagt Lanzerath und erwähnt beispielshalber den Namen Santana. Vage Schätzungen sprechen davon, daß die Amerikaner etwa hundert Räder jährlich in Europa absetzen. Bei Santana beginnt die Modellpalette mit etwa 3000 Dollar für "Best Value"-Modelle, so ein Zweisitzer kann aber auch 8000 Dollar kosten. Lanzerath wollte Tandems guter Qualität zu erschwinglichem Preis und zugleich aus der Ecke der exotischen Spezial- und reinen Sportgefährte herausholen. Die Preisliste bei Zweipluszwei beginnt heute mit der Basisversion des Modells City für rund 1700 Euro, das Sport-Modell mit Rohloff-Nabe kostet rund 2800 Euro; die unter anderem mit Ledersätteln aufwendiger ausgestattete Edition Manufactum kostet mit dieser Nabe und Einzelfreilauf 3100 Euro.

          Für Tandems wurde und wird gern mit Bildern geworben, die demonstrativ von gelungener Partnerschaft erzählen: Und wenn es nicht romantische Zweisamkeit im Grünen ist, dann treten vom Helm bis zu den Schuhen exakt gleich gekleidete Paare für den sportlichen Triumph ihres zweiten Frühlings in die Pedale. Tatsächlich ist das Tandem eher ein Rad für die über Vierzigjährigen. Bestimmt ist es das Fahrrad der Wahl, wenn seine zwei Benutzer verschieden groß und unterschiedlich fit sind, wenn einer von beiden körperlich oder geistig behindert ist oder wenn ein Erwachsener und ein Kind zusammen radfahren wollen. Der in welcher Hinsicht auch immer Schwächere wird zum Mitfahrer auf dem hinteren Sitz, der Vordere erhält die Verantwortung über das ganze Tandem. Dabei geht es zu wie im wirklichen Leben: Bei älteren Paaren ist es nicht selten die Frau, die am vorderen Lenker regiert.

          Die zweite Lenkstange ist hingegen eigentlich nur eine Stütze, und der Mitfahrer kann sie ruhig mal loslassen. Er kann eine Karte hinter dem Rücken seines Piloten lesen, Proviant und Wasserflasche reichen oder fotografieren. Das Treten einfach einstellen sollte er aber nicht, vor allem, wenn er keinen Einzelfreilauf hat. Das ist eine im Prinzip wie im Hinterrad eines gewöhnlichen Fahrrads mit gefederten Sperrklinken funktionierende Entkoppelung der zweiten Tretkurbel. Der Mitfahrer kann seine Füße stillhalten, er muß weder mittreten noch seine Füße von den Pedalen nehmen, wenn er ausruhen möchte. Ein solcher Freilauf an der Tretkurbel ist eins der Details, die für das Tandemfahren mit Behinderten wichtig sind. Stellt der Mitfahrer hinten abrupt das Treten ein, kann das dem vorn Sitzenden ziemlich übel die Füße von den Pedalen schlagen. Und solche Aktionen sind angesichts des entscheidenden Vorzugs eines Tandems ziemlich risikoreich: Erst einmal in Gang gesetzt, ist der Zweisitzer ein ungeheuer schnelles Fahrrad. Zwei einigermaßen trainierte Fahrer erreichen und halten mühelos Geschwindigkeiten zwischen 40 und 50 km/h.

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