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Navigation für die Fahrradtour : Das Smartphone radelt mit

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Er steht im Wald: Da staunt der Mountainbiker, und sein iPhone-Navi wundert sich. Die passende Software sucht indes gute Wege für jeden Rad-Typ. Bild: Oliver Soulas/laif

Kann das Handy am Fahrradlenker das Navi oder den Radcomputer ersetzen? Der Selbstversuch zeigt: Es kommt nicht nur auf die passenden Apps an.

          Was im Auto gang und gäbe ist, funktioniert auch auf dem Fahrrad: Das Smartphone dient in zunehmendem Maße als elektronischer Routenführer, als Kilometerzähler und digitaler Tacho. Damit übernimmt es Funktionen, die bislang Aufgabe spezialisierter Geräte am Lenker waren: Fahrradcomputer mit GPS wie der Sigma Rox 10.0 GPS oder der Edge 1000 von Garmin, die einerseits Trainingsdaten des Menschen wie des Fahrzeugs aufzeichnen, andererseits aber auch den Weg auf gespeicherten Strecken weisen können oder zum Beispiel den exakten Weg zurück nach Hause oder zum Ausgangspunkt der Tour.

          Michael Spehr

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Der Einsatz eines elektronischen Assistenten auf dem Fahrrad ist jedoch nicht unproblematisch; Sicherheit im Straßenverkehr hat auch hier Vorrang. Die Handy-Nutzung ist auf dem Rad beim Fahren ebenso verboten wie für den Autofahrer hinter dem Lenkrad: Telefonieren mit dem Gerät am Ohr geht so wenig wie die Verwendung in der Hand, also etwa für das Schreiben von Nachrichten. Erlaubt ist das Telefonieren über eine Freisprecheinrichtung oder mit dem Knopf im Ohr, ferner kann das Handy als Navigationsgerät verwendet werden, indes muss man zur manuellen Zieleingabe anhalten. Ein E-Bike-Display wie das Nyon von Bosch zeigt zwar das Eintreffen von Nachrichten an, zwingt aber zur Fahrtunterbrechung, wenn man die lesen will.

          Wer das Smartphone als Kopilot einsetzt, wird über eine passende Halterung für den Lenker oder Vorbau nachdenken. So bleibt das Gerät stets im Blick, und man kann die GPS-Signale ungehindert empfangen. Die ideale Befestigung sollte das Telefon sicher fixieren, eine Bedienung über Bildschirm und Seitentasten erlauben, das Gehäuse nicht beschädigen sowie vor Regen und Staub schützen. Einfache Halterungen sind zu Preisen von unter 20 Euro erhältlich und bestehen meist aus einer Rohrschelle und der eigentlichen Smartphone-Aufnahme. Man prüfe, ob Letztere die Bedienelemente und Anschlüsse so frei lässt, dass das Telefon nutzbar bleibt. Wichtige Tasten sind oft von außen über gummierte Aufsätze zugänglich.

          Nicht jede Smartphone-Halterung eignet sich für das Fahrrad

          Beim Schutz vor Wasser und anderen Widrigkeiten achte man auf die vom Hersteller zugesagte Schutzklasse. Denn es ist ein Unterschied, ob die Hülle nur gegen Spritzwasser schützt oder auch gegen heftigen Sommerregen. Ob und wie gut das Gerät in seiner Halterung zu bedienen ist, prüfe man vor dem Kauf beim Händler, um auch gleich zu kontrollieren, wie schnell es sich einsetzen und entnehmen lässt. Halterungen, die wie die fürs Auto konstruiert sind, also das Mobilgerät lediglich zwischen zwei seitlichen Backen einklemmen, fangen draußen Stöße und Vibrationen nur schlecht ab. Von Ortlieb zum Beispiel gibt es aber Lenkertaschen, deren Deckkappe als robuste Karosserie für Smartphones bis zur Phablet-Klasse ausgeführt ist.

          Nur Plastik, pfiffig: Finn hält das Handy.

          Gibt es für das iPhone nur eine Handvoll unterschiedlicher Bauformen, herrscht in der Android-Welt nicht nur die Qual der Wahl, sondern große Unsicherheit darüber, welches Gehäuse und welche Hülle für welches Gerät wirklich passt. Vom Internetkauf ohne Ausprobieren ist eher abzuraten. Immer wieder hoch gelobt wird eine simple Universalhalterung für so gut wie jedes Smartphone, die lediglich ein raffiniert zugeschnittenes Stück Plastik ist: Finn aus Österreich. Man wickelt das 15 Euro teure Silikonband einmal um den Lenker und fädelt die Enden um die Ecken des Mobilgeräts. Das Ganze hält verblüffend gut, auch bei wilden Mountainbike-Ritten.

          Lange Tour geplant? Das Smartphone-Navi könnte leer gehen

          Wer mit einem häufigen Smartphone-Einsatz auf dem Rad liebäugelt, denkt hinsichtlich Halterung und Hülle einen Schritt weiter: Wie steht es mit einer zusätzlichen Stromversorgung? Wird das Taschentelefon nur gezückt, um gelegentlich den Weg zu kontrollieren, benötigt man keinen Zweitakku. Auch die Aufzeichnung der zurückgelegten Strecke bei ausgeschaltetem Display lässt den Akku kalt. Ist jedoch die Anzeige zur Navigation dauerhaft aktiviert, hat man damit zu rechnen, dass auch ein vollgeladener Energiespeicher nach weniger als sechs Stunden leer ist, bei niedrigen Temperaturen - und je nach Gerät - auch wesentlich früher.

          Für längere Touren in unbekanntem Terrain ist also eine Akkuhülle oder ein externer Akku angesagt. Wohin mit dem? Pfiffiger als ihn in die Lenker- oder Trikottasche zu packen, ist zum Beispiel der stabförmige Akku mit dem bezeichnenden Namen Notstrom von Znex konstruiert. Mit seiner Kapazität von 10 000 Milliamperestunden reicht er für mehrmaliges Wiederaufladen des Handys. Zwei Greifer halten den Stab am Fahrradrahmen, fixiert wird er von den Schrauben der Flaschenhalterung, die sich weiterhin für Getränke nutzen lässt. Kabelverbindungen und Anschlüsse sind staubdicht und gegen das Eintauchen in Wasser geschützt; über ein geteiltes Kabel lassen sich sogar zwei Geräte gleichzeitig mit Strom versorgen. Mit einer Stromstärke von 2,1 Ampere lassen sich auch Tablets schnell laden, das Utensil kostet 90 Euro.

          Nicht weniger innovativ: die Boombottle Plus, ein portabler Akku, der gleichzeitig Bluetooth-Lautsprecher zur Beschallung der Umgebung ist. Er passt in übliche Fahrradflaschenhalterungen, ist staub- und wasserdicht, wiegt allerdings fast 700 Gramm. Für 180 Euro ist er dennoch einen Blick wert.

          Auch möglich: in die Pedale treten und so das Smartphone laden

          Nicht zuletzt kann man natürlich bei einem Rad mit Nabendynamo den Strom selbst erzeugen. Man benötigt einen Wandler, um die Spannung auf 5 Volt anzupassen, und einen Pufferakku für kontinuierlichen Ladestrom. Dies leistet etwa das wetterfeste E-Werk von Busch und Müller. In einigen Fahrradlampen des Meinerzhagener Herstellers ist die Technik mitsamt USB-Ausgang gleich eingebaut, Entsprechendes ist von etwa 80 Euro an zu haben.

          Mit gesicherter Stromversorgung wirft der Radler einen ersten Blick auf die elektronische Karte. Geht es weniger um Fahrrad-Navigation auf einer Route und mehr um die Orientierung in fremder Umgebung, sind bereits die vorinstallierten Standard-Apps der Betriebssysteme iOS und Android ausreichend: Apples Karten sind allerdings nicht fahrradtauglich; sie kennen nur das Auto, den Fußgänger oder den öffentlichen Nahverkehr. Aber immerhin, sie zeigen den Standort, die Umgebung, die Richtung zum Ziel, die Autostraßen - und natürlich auch viele Rad- und Wanderwege. Diese werden jedoch in die Routenführung nicht einbezogen.

          Apples Karten und Google Maps erweisen sich als wenig tauglich

          Google Maps, das zu jedem Androiden gehört und sich auch in der Apple-Welt laden lässt, stellt eine Radnavigation bereit. Die zeigt Höhenprofile, aber keine Autobahnen - die nicht als Verkehrswege, wohl aber als oftmals schwierig zu überwindende Hindernisse für den Radler nicht unwichtig sind. Im praktischen Einsatz erweist sich Maps nicht nur für Rennradfahrer als wenig tauglich, weil man sich unversehens in rauhem Gelände wiederfindet, etwa auf einem aufgelassenen Feldweg, der auch mit einem Robustrad nur schwer zu bewältigen ist. Auf derlei hat man bei der Streckenwahl keinen Einfluss.

          Ein weiterer Fallstrick: Das Kartenmaterial wird in der Standardeinstellung „online“ mit einer Datenverbindung nachgeladen. Kartendaten sind jedoch üppig groß, im Ausland wird der Spaß schnell teuer. Dazu kommt: Schon die Taunuswanderung in heimischen Gefilden zeigt, wie langsam manche Funkverbindung außerhalb der Ballungsgebiete ist. Mit tröpfelnden Daten im GPRS- oder Edge-Modus baut sich keine Karte auf. Man lade deshalb „offline“ die gewünschten Kartenausschnitte zu Hause vorab im W-Lan aufs Gerät.

          Diese Aufgabe erledigen viele Spezialisten deutlich besser. Sucht man nach Fahrrad-Apps mit Navigation, die Kartenausschnitte im Gerät speichern und damit offline bereitstellen, ist die Auswahl in den beiden App-Läden erschlagend, man achte auf einige Details: Fragt die App nach Facebook-Anbindung oder namentlicher Erfassung mitsamt E-Mail-Adresse, kann man sie gleich wieder löschen. Auch hüte man sich vor versteckten und schwer zu kündigenden Abo-Modellen.

          Während der Fahrt gibt die App den Navigator und Tachometer

          In der Apple-Welt hat uns eine 5 Euro kostende Software am besten gefallen: Maps 3D Pro des deutschen Herstellers Movingworld erlaubt das Planen von Routen, indem man Wegpunkte setzt, und zwar wahlweise fürs Wandern, Radfahren, Mountainbiken und Rennradfahren. Die App kennt Höhenprofile, ist verblüffend leistungsfähig und erlaubt das Laden von Karten ins Gerät. Dazu muss man sich nicht bei anderen Diensten anmelden. Touren lassen sich protokollieren, speichern, an Google Maps weitergeben, abermals mit Höhenprofilen, und während der Fahrt gibt die App den Tachometer.

          Mit Maps 3D pro auf dem iPhone geplant – und dann brav der Route gefolgt.

          Die zu ladenden Karten sind für eine gelungene Planung das A und O. Die aus dem Freiwilligenprojekt Open Street Map lassen sich unentgeltlich verwenden und sind hinsichtlich des Detailreichtums überzeugend. Neben den Basiskarten gibt es etliche Varianten und Overlays, naheliegend sind hier natürlich die von Open Cyle Map, die sich in Maps 3D Pro aufrufen lassen - und natürlich auch am PC im Web-Browser.

          In der Google-Welt fällt unsere Wahl auf die App Naviki, die auch im Apple-Store zu haben ist. Lediglich die Routen-Optionen „Alltag“ und „Kürzere Route“ sind in der kostenlosen Android-Grundversion enthalten, die mehr als bloß gelegentlich mit ihren Werbeeinblendungen von Zalando-Schuhwerk nerven kann. Das lässt sich - gegen Gebühr - abstellen, und auch die Sprachausgabe von Naviki kostet extra, genauso wie die nicht erprobten Optionen „Rennrad“ oder „Mountainbike“ (jeweils knapp 5 Euro). Überzeugt hat die App jedoch insgesamt mit ihrer Ausgereiftheit und damit, dass sie auch im ländlichen Raum auf Anhieb zuverlässig Verbindungen findet, die tatsächlich das Kriterium „Alltag“ erfüllen.

          Mit der App Naviki vom Hintertaunus zur Arbeit in Frankfurt

          Die Aufgabenstellung: Aus dem Hintertaunus nach Frankfurt zur Arbeit und wieder zurück, wetterunabhängig, arm an Steigungen ebenso wie an Kraftfahrzeugverkehr. Binnen Sekunden zeigte Naviki eine Route, die exakt der entsprach, die mit einer Karte und Probefahrten auszutüfteln Wochen gedauert hatte. Negativbeispiel: Die App Komoot wies eine Route, als solle man auch noch den letzten möglichen Höhenmeter im Hochtaunuskreis mitnehmen, und dazu machte sie lächerliche Angaben wie diese: „41 % Straßenbelag, 48 % Asphalt, 2 % unbekannt“. Gut gefallen kann einem auch das Rad-Navi Niedersachsen und andere Apps von Toursprung.

          Fahrrad-Navigation an sich ist nämlich keineswegs trivial. Das Fortbewegungstempo ist relativ hoch, doch die Kanalisierung des Fahrradverkehrs auf bestimmte Verbindungen zwischen zwei Punkten ist fast so gering wie bei einem Fußgänger. Zudem kann der Radfahrer sich ohne jede Verzögerung jederzeit in einen Wanderer verwandeln, um - womöglich nicht einmal als solche existierende - Wege schiebend als kürzeste Verbindung zu benutzen. Andererseits sind für den Radfahrer viele Parameter wie Wegbeschaffenheit, Steigungen, motorisierte Verkehrsdichte oder das Wetter wesentlich wichtiger als für den Autofahrer. Dabei erhält der Radfahrer jedoch viel weniger Informationen auf seiner Strecke durch Wegweiser oder verkehrslenkende Maßnahmen.

          Über Nacht kann eine Fahrradroute schnell unpassierbar werden

          So kommt es, dass man sich gewaltig vertun kann: Auf dem Kartenbild sieht eine Verbindung schnell und direkt aus. Noch dazu wurde sie von einer regionalen Behörde als Radroute mit einem netten Namen und postkartengroßen Markierungen an jedem zweiten Laternenpfahl empfohlen. Deshalb wird sie auch in gedruckten Fahrradkarten oder von dezidierten Fahrrad-Navis hervorgehoben. Und doch kann sich ein unbefestigter kurzer Abschnitt über Nacht bis zur Unpassierbakeit verändern, wenn am Vorabend ein Wolkenbruch niedergegangen ist.

          Wer sich in einem Gebiet als Radfahrer gut auskennt und das Kartenmaterial für Fahrradfahrer zu diesem Gebiet prüft, wird feststellen, dass er es an allen Ecken und Enden besser weiß. Und dennoch sind gedruckte Karten im Maßstab 1:50 000 oder 1:75 000, egal, ob sie von BVA in Bielefeld oder „reißfest und wasserfest“ von österreichischen Verlagen wie Kompass oder Esterbauer kommen, nach wie vor ein wichtiges Hilfsmittel. Sie bieten den Überblick, der sich mit einem Fahrrad-Navi genauso wie auf dem Display des Smartphones nur mit nervigem Hin-und-her-Zoomen gewinnen lässt.

          949 Höhenmeter und 50 Kilometer durch den Taunus. Gut war’s.

          Praktiker, die viel in fremden Gegenden unterwegs sind, berichten, dass sie alle drei Möglichkeiten nutzen: Die gedruckte Karte für den Überblick, das Fahrrad-Navi, um einen GPS-genau gespeicherten Trail mit eindeutigen Richtungsangaben zu absolvieren, und die App mit dem Fahrradkartenmaterial auf dem Smartphone, um sich leiten zu lassen - nicht nur zu Zielen und auf Strecken, sondern auch zu Events, Gleichgesinnten und Mitfahrern. Das leistet etwa die App Strava Local, die einem in Ballungsräumen wie Berlin, London, Paris, Barcelona, Mailand oder Amsterdam und zahlreichen großen Städten in den Vereinigten Staaten weiterhilft - aber eben nicht auf dem Weg von Gifhorn zum Spargelmarkt nach Klötze.

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