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Schlepper im Hamburger Hafen : Den Frachter an die Pier genagelt

  • -Aktualisiert am

Ein Bilderbuchmanöver, gewiss. Doch es kann auch anders kommen. Die „Hyundai Tenacity“, ein Containerfrachter mit 13 000 Standardcontainern (TEU) mit Ziel Containerterminal Altenwerder (CTA), ist angekündigt für ein Uhr nachts. Das Schiff ist fast 367 Meter lang, fährt mit einem Tiefgang von 11,80 Metern und ist mit 48,20 Meter so breit, dass die Wasserschutzpolizei informiert werden muss. Zwei Schlepper sind angefordert. Am Treffpunkt um ein Uhr nachts ist nur ein Licht elbabwärts zu erkennen, der Scheinwerfer auf der Back der „Hyundai Tenacity“. Überraschend schnell kommt der Containerfrachter auf.

Wieder soll „Bugsier 5“ vorn anspannen, sie legt sich backbord unter den weit vorragenden Bug. Der Lotse gibt Anweisung zum Anspannen, doch Kapitän Wasmuth lehnt ab, die „Hyundai Tenacity“ ist mit 10 Knoten (18,5 km/h) zu schnell. Wasmuth liegt neben dem Wulstbug halb backbord und wartet, deutlich zeichnet sich die Welle vor dem Wulstbug ab. Zehn Meter über uns schiebt ein Decksmann die Wurfleine durch eine Klüse, aber auf der gegenüberliegenden Steuerbordseite, und das ohne Kommando. Die Schmeißleine kommt einfach zum Vorschein, das muss genügen. Wasmuth muss die Seite wechseln. Er beschleunigt und zieht drei, vier Meter vor dem Wulstbug nach Steuerbord, lässt sich zurückfallen, bis der Schlepper wieder neben dem Wulstbug liegt. Die Schmeißleine wird abgelassen, Olaf Ruge angelt sie sich mit dem Haken. Schmeißleine, Jagerleine, Schleppdraht - alles klappt. Dann der Moment, der dem Beobachter den Atem verschlägt: „Bugsier 5“ fängt plötzlich stark an zu rollen, für einige lange Sekunden kommt sie dem Wulstbug bis auf einen Meter nahe. Dann setzt sich der Schlepper zügig vor die „Hyundai Tenacity“ und „towt an“ - der Draht ist straff, aber ohne starken Zug. Noch macht der Frachter mächtig Fahrt, aus eigener Kraft.

“Dieses Schiff ist groß, es braucht die ganze Mitte“, sagt Kapitän Wasmuth mitten im Köhlbrand, „und es kann nicht gestoppt werden.“ Aus diesem Grund sind diesmal zwei Lotsen an Bord, ein Boot der Wasserschutzpolizei beobachtet die Passage. Die Rethe, ein Seitenkanal, ist gesperrt, kein anderes Schiff darf jetzt in den Köhlbrand hinein.

Wendekreis mit rund 600 Metern Durchmesser

Zügig geht die Fahrt am CTA vorbei bis zum südlichen Wendekreis. Noch immer gilt die alte Regel, dass ein Schiff mit Gefahrgut an Bord mit dem Bug Richtung See liegen muss, um notfalls rasch aus einer Gefahrenzone geschleppt werden zu können. Es zeigt sich, dass der südliche Wendekreis mit seinen rund 600 Metern Durchmesser für ein 367 Meter langes Schiff keineswegs zu weit bemessen ist. Als der Frachter langsam Richtung Kaimauer treibt, könnte es eng werden. Der Lotse ordnet an, dass „Bugsier 5“ um das Vorschiff herumfährt, um kurz anzudrücken, doch Wasmuth lehnt ab. Er sagt dem Lotsen unverblümt: „Ich gehe auf Spring.“ Das heißt, er will das Schiff schräg nach hinten ziehen, bis es keine Fahrt zur Pier macht. Der Lotse akzeptiert.

Später, als die „Hyundai Tenacity“ sicher an der Pier liegt, erklärt Wasmuth die Situation: „Der Lotse oben in der Nock kann nicht sehen, wie vorn die Abstände zur Pier sind. Ich habe ihm gesagt, wie er es machen sollte. Wenn er auf seinem Kommando bestanden hätte, hätte ich seine Anweisung befolgt, aber dann wäre das Manöver kaputt gewesen, und wir hätten alles neu aufbauen müssen.“

Und die enge Situation beim Anspannen, einen Meter neben dem Wulstbug, bei neun Knoten Fahrt? „Ein Meter ist ein Meter, das ist nicht knapp“, entgegnet Wasmuth. „Eine Handbreit, das wäre knapp gewesen.“

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