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Reise-Enduros : Einige für alles, alle gegen eine

Bild: Till Kohlmey/Tourenfahrer

Im Motorradmarkt, speziell im Segment der vielseitigen Reise-Enduros, geht es rund. Alle nehmen die äußerst erfolgreiche BMW R 1200 GS ins Visier. Auf Tour mit den Jägern und der Gejagten.

          Grüezi. Immer wenn Rolf Lüthi, der Schweizer in unserer Gruppe, die Führungsarbeit übernimmt, wird’s unterhaltsam. Mit dem Riecher des routinierten Enduro-Fahrers spürt er in noch so fremder Umgebung die abenteuerlichsten Strecken auf. Empfehlungen des Navigationssystems für eine effiziente Weggestaltung ignoriert er beharrlich, biegt von engen Sträßchen auf noch engere ab, bis einem der Asphalt abhanden kommt und man sich jenem Punkt nahe wähnt, an dem die westliche Zivilisation ein Ende hat.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Hat sie aber nicht, schließlich sind wir im Süden Frankreichs. Dorthin fährt man im Frühjahr wegen des warmen, trockenen Motorradwetters. Nach 800 Kilometern kalter, regnerischer Anfahrt ist es dort an diesem verlängerten Wochenende - regnerisch und kalt. Sogleich machen sich BMW und Triumph durch Heizgriffe beliebt, Honda und Yamaha nicht. Angeboten wird das als Zubehör für alle vier Maschinen, bloß ist es bei den Japanerinnen nicht verbaut, was bedeutet: frostige Finger. Die Triumph sammelt fleißig weitere Sympathiepunkte: Hinter ihrem mächtigen Vorbau und der großen optionalen Tourenscheibe fühlt man sich geborgen. Die Honda dagegen mit ihrer schmalen Verkleidung und der kleinen Serienscheibe bietet den geringsten Schutz. Es zieht um die Beine und tost um den Helm. Andererseits ist sie im Kreise dieser wuchtigen Allzweckwaffen die eleganteste Erscheinung. Alles hat seinen Preis.

          Der weite Weg zur Wüste: Yamaha XT 1200 Z Super Ténéré Zweizylinder-Reihenmotor, 1199 Kubikzentimeter Hubraum, Nennleistung 81 kW (110 PS) bei 7250/min, maximales Drehmoment 114 Nm bei 6000/min, Gewicht vollgetankt 266 kg, Tankvolumen 23 l, Sitzhöhe 845/870 mm, Radstand 1540 mm, Federweg vorn/hinten 190/190 mm. Grundpreis 14.210 Euro (inkl. ABS-Bremsanlage mit Kombifunktion, dreistufige Traktionskontrolle, zwei wählbare Motor-Kennfelder, Hauptständer, Speichenräder).

          Die Geschwaderfahrt der geländegängigen Wollmilchsäue hat kein bestimmtes Ziel. Die Routenplanung richtet sich im Groben danach, wo Regenwolken hängen und wo nicht, im Feinen nach Rolfs Riecher. Er hat sich warmgefahren, fliegt vorweg durch entlegene Hügellandschaften, entdeckt zeitlos in ihrer Abgeschiedenheit dahindösende Dörfchen, zweigt auch mal auf einen betonierten Schwallwasserkanal ab, um zu erkunden, wo der wohl hinführen mag. Er endet vor einem Pfuhl im Nichts. Das ist der Punkt, an dem es wirklich nicht mehr weitergeht, selbst für diese vier Maschinen. Und das will was heißen. Alle Mann umkehren.

          In unserer Sammlung von Wegen aller Art hatte das noch gefehlt. Sie besteht aus Landstraßen mit makellosem Belag, löchrigen Nebenstrecken, Schotterpisten, die sich an Bergflanken entlang winden, vielen hundert Kilometern Autobahn mit und ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. BMWR1200GS, Honda Crosstourer, Triumph Tiger Explorer und Yamaha Super Ténéré haben, bepackt wie Karawanenkamele, Serpentinen erklommen, Offroad-Pässe genommen, sich durch Regen und Gischt gebohrt, über die Schneefallgrenze geschraubt, durch Schlammlöcher gewühlt, sind zum Café au lait flaniert. Ihre Vielseitigkeit ist phänomenal - eine nicht ganz überraschende Erkenntnis unseres gemeinsamen Ausflugs mit der Fachzeitschrift „Tourenfahrer“ und der „Moto Sport Schweiz“. Erstaunlich aber, wie unterschiedlich Motorräder sein können, die ein und derselben Grundidee folgen. Das liegt nicht allein an den ungleichen Motorkonzepten von Zweizylinder-Boxer (BMW) über Reihen-Twin (Yamaha) und Reihen-Dreizylinder (Triumph) bis zum V4 der Honda.

          Wer gerüstet sein will für Nahverkehr und Fernweh, für Alltag und Abenteuer, wer ein Kraftrad sucht, das vor so gut wie nichts kapitulieren muss, landet wahrscheinlich bei einer großen Reiseenduro der 1,2-Liter-Klasse, vorzugsweise mit Kardanantrieb, nicht ganz billig. Diese Gattung ist momentan die interessanteste der Motorradwelt, ein Segment, das hart umkämpft ist und steigende Marktanteile verzeichnet, während andere schrumpfen, und sich durch Neuzugänge belebt. Der anhaltende Erfolg der BMW - in Deutschland vergangenes Jahr mit 6123 Neuzulassungen einmal mehr mit weitem Abstand die Nummer eins unter allen Motorrädern - hat auf breiter Front Begehren geweckt. Die Jagd auf das Original ist eröffnet, alle orientieren sich mehr oder weniger genau an der Weißblauen, sie ist der Maßstab. Längst macht der Begriff der „GS-Klasse“ die Runde. Im weiteren Sinne gehören Ducati Multistrada, KTM 990 Adventure und Kawasaki Versys 1000 dazu, die mit Kettenantrieb arbeiten. Die Moto Guzzi Stelvio als fünfte Kardan-Maschine hätten wir gern noch mitgenommen auf unsere Tour, doch stand keine Testmaschine zur Verfügung.

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