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Reise-Enduros : Einige für alles, alle gegen eine

Honda hat bei der Serienausstattung Mut zur Lücke, wohl im Sinne eines Basispreises von weniger als 13900 Euro: zwar LED-Blinker, aber kein Hauptständer, Sitzhöhe nicht und die Höhe der Scheibe nur sehr umständlich verstellbar, keine Cockpit-Bedienung vom Lenker aus. Die Option Doppelkupplungsgetriebe (1000 Euro) ist einzigartig, gleichwohl stünde einem „Flaggschiff“ der Flügelmarke ein elektronisch verstellbares Fahrwerk gut zu Gesicht. BMW hat dergleichen mit seinem famosen ESA seit Jahren im Programm. Das gibt es leider nicht, was für die Triumph gleichermaßen gilt. Schade obendrein, dass die Briten Speichenräder nicht einmal gegen Aufpreis anbieten, wo sie doch ansonsten ganz genau Maß genommen haben am deutschen Vorbild und in punkto Formgebung und Ausstattung richtig klotzen. Serienmäßig bei der 14140 Euro kostenden Explorer:ABS und Traktionskontrolle (beides abschaltbar), Tempomat, Lenker-Fernbedienung des Cockpits, mechanische Verstellungen von Sitz und Scheibe, Hauptständer. Für Griffprotektoren wird, anders als bei Honda, Aufpreis verlangt.

Der springende Punkt: BMW R 1200 GS Rallye Zweizylinder-Boxermotor, 1170 Kubikzentimeter Hubraum, Nennleistung 81 kW (110 PS) bei 7750/min, Drehmoment 120 Nm bei 6000/min, Gewicht vollgetankt 244 kg, Tankvolumen 20 l, Sitzhöhe 855/875 mm, Radstand 1507 mm, Federweg vorn/hinten 190/200 mm. Grundpreis 13.569 Euro, Sondermodell „Rallye“ wie abgebildet (inkl. ESA, Bordcomputer, Heizgriffe etc.) plus Sicherheitspaket (ABS, Traktionskontrolle, Reifendruckkontrolle) 16.654 Euro.

Äußerst entspannt ist der Forschungsreisende auf der Triumph unterwegs, sofern er über die etwas bockige Telegabel, die beim harten Bremsen tief eintaucht, die etwas hemdsärmelig zu Werk gehende ABS-Bremse sowie die nicht in jedem Detail noble Ausstrahlung hinwegsieht. Die Tiger ist eine ernstzunehmende, trotz offensichtlich erwünschter Ähnlichkeiten eigenständige Herausforderin der GS. Ihr Dreizylinder - stärkster Motor in diesem Feld - begeistert durch tolle Tourencharakteristik, ein extrem weites Drehzahlband, eine gleichmäßige, seidige Art der Leistungsentfaltung. Im vierten Gang anfahren, im sechsten mit Tempo 40 durch den Ort rollen und am Ende durchstarten, bis es raucht - der macht alles mit.

Um mit der Yamaha dem Rudel auf den Fersen zu bleiben, muss etwas getan werden: spät bremsen, früh ans Gas gehen, schalten. Auf dem Papier herrscht zwischen der Super Ténéré und der BMW exakt (je 82 kW/110 PS) oder fast (114 zu 120 Nm) Gleichstand, gefühlt und gemessen (104 zu 111 PS und 101 zu 105 Nm) geht die BMW viel bulliger zur Sache. Für sich genommen, fehlt es der Yamaha an nichts, ihr Reihen-Zweizylinder schiebt anständig, bloß im direkten Vergleich mit der Konkurrenz hat er es schwer. Alles in allem ist die Yamaha für 14210 Euro ein sympathisches Motorrad mit schönen Details, exzellentem Fahrwerk, hervorragender ABS-Bremse, Traktionskontrolle und prima Ergonomie. Mit 948 Neuzulassungen war sie voriges Jahr die Enduro Nummer zwei in Deutschland.

Platz eins wird, wenn nicht alles täuscht, die BMW auch 2012 behaupten. Vielseitiger, handlicher, ausgereifter, sparsamer ist noch immer keine andere. Unser Durchschnittsverbrauch (mit Gepäck) betrug 6,3 Liter auf 100 Kilometer; Honda (6,9), Triumph und Yamaha (jeweils 6,6) lagen leicht darüber. Der luftgekühlte Boxer ist weiterhin auf der Höhe, entfaltet einen urwüchsigen Charme, brummt wie ein Bär im Honigparadies. Bedauerlicherweise erreicht die Lautstärke neuerdings das Niveau des Anstößigen. Bei hohen Drehzahlen vibriert die GS mehr als andere, darüber hinaus fällt einem wenig ein, was ernsthaft auszusetzen wäre. Immer wieder trifft man Leute, für die nichts anderes als eine GS in Frage kommt.

Aber es gibt auch die, für die sie niemals in Frage käme. Weil es sie schon so oft gibt, weil ihnen das Gesicht nicht passt oder aus welchem Grund auch immer. Der Preis zum Beispiel: Mit ABS, Traktionskontrolle, ESA, Kreuzspeichenrädern, Kofferhaltern, Bordcomputer, Handschutz als Extras kommt die BMW auf mehr als 16000 Euro. Das ist stattlich, das ist die Chance der anderen, die beweisen: Die Endurowelt ist nicht alternativlos. Es ist Bewegung drin. BMW bringt wohl bald eine GS mit wassergekühltem Boxer auf den Markt. Dann werden die Karten wieder neu gemischt.

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