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Recycling : Die Papiertiger schlagen zu

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Von Hand - aber auch mit modernsten Maschinen - wird aus dem Inhalt der Blauen Tonne der Rohstoff für die Produktion heller, grafischer Papiere gewonnen Bild: Fricke, Helmut

Zeitungen werden hierzulande aus Altpapier hergestellt. Das aus der Blauen Tonne taugt dafür aber nicht. Und hinter den Kulissen tobt der Kampf um Rohstoffe.

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          Mustergültig wollen sie alle sein. Herausragende Werte für Zähigkeit, Elastizität und Steifigkeit allein reichen jedoch nicht. Doch bei der Bewertung eines Werkstoffs spielt auch dessen ökologischer Fingerabdruck eine wichtige Rolle. Vor allem die Wiederverwertbarkeit des Materials wird hervorgehoben: Die Getränkedose mutiert zur Spielzeugente, der Joghurtbecher wird zum Stoßfänger eines Autos. Alu-Räder etwa müssen sich überhaupt keine Gedanken machen, wie es nach ihrem Ableben weitergeht. Mitunter wollen engagierte Recycler gar nicht so lange warten, schrauben nächtens das Leichtmetall ab und verkaufen es dem am besten zahlenden Schrotthändler.

          Das entscheidende Regulativ auf dem Sekundärmarkt ist der Preis, der für Eisenschrott, Kupfer, Altglas und Kunststoffgranulat bezahlt wird. Und der wird, wie sollte es anders sein, durch die Nachfrage bestimmt - und durch das Angebot: Doch im Unterschied zu den Märkten für neue Produkte, etwa für Smartphones und Kleiderbügel, kann bei Altwaren das Angebot nicht beliebig vermehrt werden. Das merkt momentan die Papierindustrie überdeutlich, steht doch einem global steigenden Hunger nach (Alt-)Papierfasern ein weitgehend konstant bleibendes Angebot an Altpapier gegenüber, jenes Rohstoffs, der schon immer mengenmäßig die wichtigste Rolle bei der Papierherstellung spielte.

          Als andere Branchen über eine systematische Wiederverwertung noch kaum nachdachten, standen den Papiermachern längst perfekt funktionierende Sekundärmärkte zur Verfügung. Wurde ganz zu Anfang Papier noch ausschließlich aus Lumpen (Hadern) gefertigt, gelang es Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, dafür „geschliffenes“ Holz einzusetzen. Doch um die Produktionskosten im Griff zu behalten, setzte man dem Papierbrei stets auch Altpapier zu. Wie viel, das hängt immer von den Ansprüchen an das Endprodukt ab: Soll es helles Papier, braune Pappe oder steifer Karton werden?

          Und damit wird die Geschichte kompliziert. Denn abhängig von den gewünschten Papiersorten variieren die Qualitätsansprüche und die Zusammensetzung des benötigten Altpapiers. Für helles Zeitungsdruckpapier zum Beispiel dürfen in der Altware keine Pizzakartons und keine Ebay-Versandschachteln enthalten sein. Will man dagegen Wickelhülsenpappe für Toilettenpapierrollen machen, ist „braunes“ Altpapier durchaus willkommen.

          Aufbau einer Papiersortieranlage
          Aufbau einer Papiersortieranlage : Bild: F.A.Z.

          Diese Hintergründe haben sich dem Gros der deutschen Umweltpolitiker nie richtig erschlossen. Nur so ist zu erklären, dass man (mit Ausnahmen in Bayern, Baden-Württemberg und weiten Bereichen der Ostländer) hierzulande vor Jahren „flächendeckend“ die Gemischte Papiertonne den Bürgern vor die Tür gestellt hat, in die sie gefälligst alle in den Haushalten ausgedienten Papier- und Pappeprodukte werfen sollen. Damit wurde zweierlei erreicht: Durch das Durcheinander in der Blauen Tonne entstand eine bunte Mischung, die nur wenige Fabriken unbesehen verarbeiten können. Aber, was viel schlimmer ist, den in der Vor-Mischtonnen-Ära existierenden und bestens funktionierenden Einsammelsystemen wurde über Nacht der Garaus gemacht. Nur dort, wo Sportvereine und Jugendfeuerwehren sich mit dem Verkauf gebündelter Alt-Zeitungen ihre Frühlingsfeste finanzieren, blieb das sortenreine Einsammeln von „hellem, graphischem Altpapier“ erhalten.

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