https://www.faz.net/-gy9-6yjz5

Pickup „For Us“ : Smart sucht seine Zukunft

  • -Aktualisiert am

Tatsächlich hat Smart mit Schwierigkeiten zu kämpfen und den rechten Weg noch nicht gefunden Bild: Hersteller

„Wow“, ruft Joe, einen Elektro-Smart im Pickup-Kleid hatte er nicht erwartet. Im Showcar stecken der neue Antrieb und andere Pläne.

          Bonsai-Pickup, Spielzeug-Auto oder Showcar aus Pappmaché. Das Spektrum verbaler Auszeichnungen für unser urdeutsch als Pritschenwagen bekanntes Automobil mit Ladefläche ist im amerikanischen Florida groß. Der Smart For Us Pickup ist ein Einzelstück und soll Amerikaner aus der Reserve locken: Was halten sie von der Miniaturausgabe ihrer Lieblingsfahrzeuge, einem winzigen Pickup?

          Der Zweitürer mit Ladefläche misst 3,547 Meter uns ist so kurz wie kein anderer Personenwagen im nordamerikanischen Straßenbild. Nur 1,506 Meter breit und 1,701 Meter hoch würde nicht einmal ein Zwillingspaar Smart For Us die amerikanische Normgarage füllen. „Den nimmt mein Truck Huckepack“, prahlt Daniel aus Ohio, meint seinen Full-Size-Pickup und fragt provozierend: „Wächst der noch?“

          “Erst ein Pickup macht dem Mann zum Kerl!“, lautet eine Weisheit aus der amerikanischen Pionierzeit, die noch heute das Mannsbild Nordamerikas prägt. So genießt der Pickup in den Vereinigten Staaten einen Ruf wie bei uns das Schweizer Messer. Von Joe lernen wir überdies, dass nur ein europäischer Hersteller es wagen dürfe, einen Pickup auf Taschenformat zu schrumpfen. „Weil Europäer Tradition im Bau von Kleinwagen besitzen“, lautet seine Logik, „Ihnen nimmt man ein solches Konzept ab. Steckt sicherlich Hightech drin, oder?“

          Zu hören ist nur wenig

          Mit Drehen des Zündschlüssels flammt die Cockpit-Beleuchtung auf, und der Smart For Us springt ins Leben. Zu hören ist nur wenig, als der Gasfuß fällt. Knapp 1400 Kilo Smart springen nach vorne und nur ein leises Jaulen dringt aus dem Antriebsstrang. Wir kennen es von der Straßenbahn. Dazu gesellt sich der Gesang der Reifen. „Wow“, kommentiert Joe, einen Elektro-Smart im Pickup-Kleid hatte er nicht erwartet.

          Der Smart For Us ist mehr als nur ein Showcar, mit dem erstmals jener neue Elektroantrieb getestet wird, der von Jahresmitte an den Serien-Smart For Two Electric Drive emissionsfrei bewegen wird. Ein Permanent-Magnetmotor mit bis zu 55 kW (75 PS) treibt die Hinterachse an. Dank 130 Newtonmeter Drehmoment beschleunigt der kompakte Roadster-Pickup vehement. Nur eine Getriebeübersetzung reicht, und beim Start an der grünen Ampel geht die Post ab. Gefühlte fünf Sekunden vergehen, bis 60 km/h erreicht sind. Eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 120 km/h sei möglich, heißt es. Im Stadtverkehr von Miami verbietet sich indes die Selbsterfahrung. Das Muskelspiel des elektrisch angetriebenen Smart reicht jedenfalls, ihn hier zum Sprintkönig zu küren.

          Gespeist wird der E-Motor, wie demnächst auch im Serien-Smart, aus Lithium-Ionen-Batterien, die von der Deutschen Accumotive stammen. Sie wohnen knapp über dem Boden hinter den Sitzen für einen möglichst niedrigen Schwerpunkt des Fahrzeugs. Mit bis zu 17,6 kWh Strom könne der Wagen 140 Kilometer weit fahren, ohne nachladen zu müssen, verspricht Smart. An der Haushaltssteckdose zapft er die komplette Ladung in acht Stunden. Der Stecker liegt unter einer Klappe im Bereich der rechten Heckleuchte versteckt. Für eilige Menschen soll es ein 22-kW-Schnellladesystem geben, das die Ladezeit auf eine Stunde verkürzt. Hoffentlich nicht auf Kosten der Akku-Lebensdauer.

          Der gegenüber dem Smart For Two um 613 Millimeter auf 2,48 Meter verlängerte Radstand des Smart For Us erlaubt nicht nur die 900 Millimeter lange Ladefläche, um allerlei Transportaufgaben zu lösen. In Verbindung mit der um 50 Millimeter verbreiterten Spur bringt das Wachstum auch spürbaren Komfortgewinn beim Fahren. Um auch über unbefestigtes Terrain rollen zu können, besitzt er 50 Millimeter mehr Bodenfreiheit. Präzise lenkt der Zweisitzer ein, und sein Fahrwerk schluckt die Verwerfungen amerikanischer Asphaltstraßen klaglos. Weil zudem der Elektroantrieb frei von Zugkraftunterbrechungen beschleunigt, kennt der Pickup das vom Smart For Two gewohnte Karosserienicken nicht.

          Ausgefeilte Technik allerorten also

          Für unsere Fahrt waren zwei Elektro-Fahrräder geladen, die Smart in wenigen Monaten anbietet. Die Pedelecs rasten in speziellen Befestigungen auf der Ladefläche ein. Ihre Stromspeicher, ebenfalls Lithium-Ionen Batterien, bleiben über zwei Stecker mit den Akkus des Pickup verbunden und daher immer „frisch“. Beladen wird über einen elektromotorisch absenkbaren Heckabschluss, der die gewöhnliche Klappe ersetzt. Ausgefeilte Technik allerorten also, wie Joe es ja schon vermutet hatte.

          In Verbindung mit einem Smart eBike lobt Smart-Cefin Annette Winkler den Pickup For Us forsch als Mobilitätskonzept aus. Freilich könnte sich die Meinung aufdrängen, zu solch einem Konzept sollte die geeignete Peripherie vorhanden sein, beispielsweise eine Infrastruktur zum Nachladen von Pedelecs an Fahrradständern in Fußgängerzonen. Dort, wo der Elektro-Pickup einen Parkplatz findet, bietet sich der Umstieg auf das Zweirad an. Es entsteht in Kooperation mit Grace, einem Elektro-Fahrradhersteller aus Biesenthal bei Berlin.

          Einmal mehr geht es zügig voran, diesmal auf 26-Zoll-Rädern. Dafür sorgt der 250-Watt-Radnabenmotor hinten. Der strampelnde Radler ist froh, auf ein vierstufiges Getriebe vertrauen zu dürfen. Denn das Smart Pedelec ist kein Fliegengewicht. Sein Akku treibt das Gewicht, speichert 0,4 kWh Strom und kann verhältnismäßig einfach ausgeklinkt werden. Das wird dort nötig, wo auch das Pedelec nicht mehr weiterfahren darf und kein öffentlicher Stromanschluss liegt.

          Ob der Mini-Pickup tatsächlich in Serie gehen werde, sei noch offen, sagt Winkler. Sie hat Smart neue Aufbruchstimmung verordnet. Nach 12 Jahren des ständigen Auf und Ab der Marke, nach vergeblichen Versuchen, weitere Modelle im Markt zu positionieren, setzt sie nun auf Expansion. Zusammen mit dem französischen Hersteller Renault entwickelt die Smart-Muttergesellschaft Daimler eine Heckmotor-Plattform, die von 2013 an den neuen Renault City sowie den viersitzigen Smart For Four tragen wird. Mit 3,45 Meter Länge entspricht der Viertürer in etwa dem Format des Pickup For Us. Wegen zu teurer Abgasnachbehandlung wird Smart künftig auf den Einbau von Dieselmotoren verzichten. Stattdessen soll wahlweise der Elektroantrieb in allen Modellen verfügbar sein. Auch im vorerst größten Smart, dem neuen Viertürer. In gewissem Maße künden sich Vorboten an: Der Elektroantrieb des Pickup wird vermutlich unverändert auch in den kommenden Viersitzern Einzug halten.

          Die neue Plattform des For Four bietet Smart schließlich vielerlei Möglichkeiten. So könnte der For Us ohne großen Aufwand zum ersten Smart-Geländewagen mutieren. Einen zweiten Elektromotor vorn zu montieren, um auch die Vorderachse mit Elektroenergie anzutreiben, sei keine Schwierigkeit, heißt es von Smart. Wie groß die Nachfrage nach geschrumpften Geländewagen ist, macht Mini mit dem Countryman vor. Viele Gleichteile könnten dem Smart-Pickup zudem als Schwestermodell des Smart-SUV eine Existenzberechtigung verleihen. Folglich ist der For Us mehr als nur eine Fingerübung der Daimler-Vorausentwicklung.

          Doch wie groß die Modellvielfalt von Smart künftig auch sein wird, jedes Derivat einschließlich des Pedelecs reift auch zu einem Baustein des Mietwagen-Projektes Car-2-Go heran. Mit ihm bietet Smart individuelle Mobilität für Städter an, die sich kein eigenes Fahrzeug anschaffen möchten. „Sounds interesting!“, wirft Aretha ein. „How much?“ Allein auf diese Frage kennen wir noch keine Antwort.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Finanzminister Scholz will den Soli zurückschrauben. Aber nicht für Sparer.

          Trotz Reform : Viele Sparer müssen weiter Soli zahlen

          Für die meisten Bundesbürger soll der Solidaritätszuschlag ab 2021 entfallen, sagt Finanzminister Scholz. Was er verschweigt: Für den Großteil der Sparer und Anleger gilt das nicht – und das sind nicht nur Großverdiener.
          Der Zusammenschluss von Car 2 Go und Drive Now ist ganz offensichtlich ein Eingeständnis des Scheiterns.

          Auch Mazda steigt aus : Carsharing fährt gegen die Wand

          Es soll eine Lösung für urbane Mobilität sein: Doch Carsharing rechnet sich nicht. Und nicht nur das: Die Autos kämen oft auch verdreckt oder beschädigt zurück, klagen die Anbieter. Jetzt gibt auch Mazda auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.