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Neustart mit Android : Nokias Wetteinsatz und das 3310

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Zurück zu den alten Nokia-Zeiten: Die Neuauflage des 3310 kommt mehr als 16 Jahre nach der ersten Vorstellung – die war Ende des Jahres 2000. Bild: Marco Dettweiler

Günstige Geräte und eine Ode an die guten, alten Nokia-Zeiten: So wollen die Finnen wieder auf Erfolgskurs kommen. Huawei haben sie damit die Show gestohlen.

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          Nokia ist zurück. Für den Ort der Wiederauferstehung haben die Finnen eine ehemalige Kirche gewählt, eine Räumlichkeit des Museum of Contemporary Art in Barcelona. Die Pressekonferenzen und Veranstaltungen des Mobile World Congress sind seit diesem Sonntag schon im vollen Gange, obwohl die Messe erst an diesem Montag offiziell beginnt. LG hat das G6 vorgestellt, Huawei das P10 und Lenovo das Moto G5. Und dann war Nokia an der Reihe.

          Erwartungshaltung und Nachfrage waren entsprechend hoch. Seit Wochen wurde spekuliert, welche Smartphones Nokia nach Barcelona mitbringt. Die mögliche Wiederbelebung des Handy-Klassikers „3310“ beschäftigte die Medien und Internetforen mehr als die Nachricht, dass der finnische Hersteller nun auch Android-Geräte bauen möchte. Um all jene zu beruhigen, die es kaum erwarten können: Ja, es kommt tatsächlich. Es sieht ein bisschen smarter als der Vorgänger aus, ist es technisch gesehen aber überhaupt nicht. Mit dem neuen 3310 können Nutzer nur telefonieren, SMS verschicken und das legendäre Snake spielen. Es bleibt alles beim Alten, es geht zurück in die Zukunft. Für 49 Euro, ohne ernstzunehmendes Internet.

          Nokia profitiert davon, dass sich eine ganze – und ältere – Generation daran erinnert, wie sie langlebige Tastenhandys mit kleinem Schwarz-Weiß-Display und beeindruckender Akkulaufzeit benutzte. Das waren die Jahre vor iPhone, Apps und Touchscreen. Den Siegeszug der Smartphones verpasste der frühere Marktführer, das eigene Betriebssystem Symbian konnte gegen Apples iOS und Googles Android nicht bestehen. Auch die Übernahme durch Microsoft brachte wenig: Windows Phone und der Nachfolger Windows 10 Mobile sind bis heute ein Flop, die Handysparte stellte Microsoft 2015 ein.

          Alle Smartphones mit Android

          Finnen sind offenbar hartnäckig, weswegen sie auf dem Mobile World Congress einen Neustart und ein bisschen Nostalgie wagen. Gleich drei Smartphones (und ein Handy) hat das finnische Unternehmen HMD Global, das 2016 die Markenrechte an Nokia kaufte, auf dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona vorgestellt.

          Alle Smartphones sind mit Googles Betriebssystem in der siebten, neuesten Version „Nougat“ ausgestattet. Es wird keine eigene Nokia-Benutzeroberfläche geben, sondern „pures“ Android: Damit sollen monatliche Sicherheits-Updates leichter gelingen und das Unternehmen spart sich teure Entwicklungs- und Anpassungsarbeiten. Denn überzeugen sollen die Nokia-Handys auch durch ihren Preis: Das teuerste Smartphone der Reihe, das Nokia 6, soll lediglich 229 Euro kosten.

          Nokia hat am Sonntag auf dem MWC in Barcelona drei neue Smartphones und eine Neuauflage des Klassikers 3310 vorgestellt. Bilderstrecke

          Eine wirkliche Neuvorstellung ist Nokias Spitzenmodell nicht, in China kam das „6“ schon zu Beginn dieses Jahres auf den Markt – und war prompt ausverkauft. Genaue Verkaufszahlen nannte der Hersteller nicht, jedoch dürfte die Nachfrage in China die Finnen darin bestätigt haben, weiter auf das Mittelklasse- und Budgetsegment anstatt teurer Highend-Entwicklungen zu setzen. Das Nokia 6 ist mit einem 5,5 Zoll großen IPS-Bildschirm in Full-HD (1920 x 1080 Pixel), 4 GB Arbeitsspeicher und 32 GB internem Speicher ausgestattet. Beim Prozessor hat sich HMD Global eines Vorjahresmodells der Mittelklasse bedient, für alltägliche Aufgaben sollte der Snapdragon 430 aber ausreichen. Der Akku ist mit 3000 Milliampèrestunden (mAh) großzügig dimensioniert und sollte das Smartphone einen ganzen Tag lang mit Strom versorgen können. Die Kameras im Gerät lösen mit 16 Megapixeln auf der Rückseite und 8 Megapixeln auf der Frontseite auf. Einen Blitz gibt es nur hinten, dafür bietet die vordere Linse ein Weitwinkel-Objektiv, was bei Gruppen-Selfies hilfreich sein kann.

          Neu auf der Bühne sind das Nokia 5 und das Nokia 3 gewesen. Ersteres ist quasi Mittelklasse in der Mittelklasse: Der Bildschirm ist mit 5,2 Zoll etwas kleiner und löst mit 1280 x 720 Pixeln auch geringer auf. Sowohl der Arbeitsspeicher als auch der interne Speicher sind im Vergleich zum Nokia 6 halbiert. Auch bei der rückseitigen Kamera gibt es Abstriche, sie hat nur noch 13 Megapixel. Dafür soll das Nokia 5 schon für 189 Euro erhältlich sein. Beim Prozessor und dem Akku liegt das Smartphone hingegen gleichauf mit dem größeren Bruder.

          Das Nokia 3 ist das günstigste Gerät mit Android, das HMD Global heute vorgestellt hat. Es soll mit 139 Euro noch einmal 50 Euro günstiger als das „5“ sein. Das macht sich auch in den technischen Daten bemerkbar. Rück- und Frontkamera lösen beide nur noch mit 8 Megapixeln auf und der Akku ist mit 2650 mAh kleiner dimensioniert. Für Laufzeitprobleme dürfte das aber nicht sorgen, denn auch der Prozessor ist schwächer auf der Brust. Der Mediatek MT6737 eignet sich für die Nutzung von Browser und Messenger-Diensten, für anspruchsvollere Apps sollte man aber zu den teureren Modellen greifen. Das Display ist von allen Modellen mit 5 Zoll das kleinste.

          Alle drei Geräte sollen in fünf verschiedenen Farben erhältlich sein. Außerdem ist der Speicher mit einer Micro-SD-Karte erweiterbar. Zu den Terminen für den Verkaufsstart machte HMD Global noch keine Angaben.

          Nokia stiehlt Huawei die Show

          Nun sind das alles keine Hardware-Merkmale, die die Konkurrenz in den Schatten stellt. Es gibt bereits gute Smartphones, die sehr günstig sind. Huawei macht es mit seiner Tochtermarke Honor vor. So kostet das 6x gerade mal 250 Euro. Das weiß auch Nokia. Die Finnen setzen auf ihr Image, ihren Charme und ihre nordische Exotik. Die technischen Details, die bei anderen Herstellern immer betont werden, rücken in den Hintergrund. Nokia konnte in dieser Hinsicht an diesem Sonntag im direkten Vergleich zeigen, was sie etwa von Huawei unterscheidet.

          Die Chinesen denken gerne groß, dementsprechend überzogen sind auch die Veranstaltungen. Den Besuchern gefällt es, die Schlangen vor dem Italian Pavillon waren an diesem Sonntag Nachmittag rekordverdächtig. Weit mehr als eine Stunde – und damit viel zu lange – hat Huawei-CEO Richard Yu ausschließlich über das neueste Flaggschiff P10 gesprochen.

          Huaweis Neuvorstellungen starten bei 649 Euro

          Mit dem P10 und dem P10 Plus hat der chinesische Hersteller heute gewissermaßen einen Gegenpunkt zu Nokias Mittelklasse-Ausrichtung gesetzt. Preislich startet das günstigere P10 bei 649 Euro, für das Plus werden noch zwischen 50 und 150 Euro extra fällig. Beide Smartphones sind mit Huaweis selbst entwickeltem High-End-Prozessor Kirin 960 ausgestattet, der auch starker Belastung gewachsen ist.

          Das P10 ist das kleinere der beiden Smartphones. Das 5,1 Zoll messende Display löst mit Full-HD (1920 x 1080 Pixel) auf. Das Display des P10 Plus löst mit QHD (2560 x 1440) höher auf und bietet mit einer Diagonale von 5,5 Zoll auch mehr Fläche. Im Gegensatz zum Samsung Galaxy S7 Edge und anderen Oberklasse-Geräten sind die Displays an den Ecken nicht abgerundet.

          Beide Modelle besitzen eine mit dem deutschen Hersteller Leica zusammen entwickelte Dual-Kamera auf der Rückseite. Ein Schwarz-Weiß-Sensor mit 20 Megapixeln und ein Farbsensor mit 16 Megapixeln und optischem Bildstabilisator sollen besonders bei Porträts für bessere Ergebnisse sorgen. Während das P10 Linsen mit einer F/2.2 Blende besitzt, kommt in der Plus-Version eine bessere Optik mit einer F/1.8 Blende zum Einsatz. Der Fingerabdrucksensor ist bei den Geräten im Vergleich zum Vorgänger auf die Vorderseite gewandert. Nutzer können darauf auch verschiedene Gesten ausführen. Der Akku im P10 fasst 3200 mAh, der im P10 Plus sogar 3750 mAh.

          Regulär bieten beide Telefone 4 GB Arbeitsspeicher und 64 GB internen Speicher, der mit einer Micro-SD-Karte erweiterbar ist. Wer für die Plus-Version jedoch 150 anstatt 50 Euro zuzahlt, bekommt ein Upgrade auf 6 GB Arbeitsspeicher und 128 GB internen Speicher.

          Bei allem Respekt und aller Wertschätzung für das P10: Allein eine Viertelstunde philosophierte Leatrice Eiseman vom Pantone Institut, mit denen Huawei eine Partnerschaft hat, über die Farben blau und grün, in denen das P10 neben einigen anderen auch zu haben ist. Die Veranstaltung zog sich in die Länge, die Besucher wurden unruhig. Ganz anders Nokia im Museum of Contemporary Art. Das Selbstbewusststein der Finnen ist auch immer mit etwas Selbstironie und Wahnsinn gepaart. Ein kleiner Chor sang den typischen Nokia-Klingelton und lockerte den Wechsel der Redner immer wieder lustig auf.

          So kann man das machen, die Journalisten sind erheitert. Ob die Fangemeinde, auf die sich Nokia ebenso immer wieder beruft wie auf seine 150-jährige Geschichte, so groß ist, dass die Finnen hinreichend viele Smartphones verkaufen, lässt sich auf diesem MWC noch nicht beantworten. Nokias Wette läuft erst einmal.

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