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Mark Zuckerberg : Auf dem Sprung

Bild: REUTERS

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat nach dem Kauf des Kurznachrichtendienstes WhatsApp weiteren Großübernahmen eine Absage erteilt. Auf der Branchenkonferenz der Mobilfunkindustrie in Barcelona hat er über seine große Vision geredet.

          Die Schlangen vor dem Raum 1 des Kongresszentrums in Barcelona könnten auch jedem Popstar zur Ehre gereichen, nur dass das Publikum ein bisschen zu gut angezogen wäre. Schon gut zwei Stunden vor Beginn stellen sich die ersten Anzugträger an, um einen möglichst guten Blick auf den Mann zu werfen, der so gut wie nie einen Anzug trägt.

          Martin Gropp
          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mark Zuckerberg wird gleich auf dem Mobile World Congress sprechen, es ist der erste Auftritt des 29 Jahre alten Facebook-Gründers auf dem größten Branchentreffen der Mobilfunkindustrie – und die Sicherheitsvorkehrungen sind groß. Vor dem Zugang kontrollieren spanische Polizisten in Zivil die Rucksäcke einzelner Besucher. Bevor Zuckerberg die Bühne betritt, postieren sich drei Sicherheitskräfte an jedem Ende des langen Podiums. Kurz nach 18 Uhr betritt Zuckerberg dann die Bühne, in einem sandfarbenen T-Shirt und einer dunklen Hose. Die nächste gute dreiviertel Stunde wird er mit dem Autoren David Kirkpatrick plaudern und über seine große Vision reden. Kirkpatrick und Zuckerberg kennen sich gut, weil der Autor das Buch „Der Facebook-Effekt“ herausgegeben hat. Für die Biographie des gerade einmal zehn Jahre alten Unternehmens hat er exklusive Einblicke erhalten – und Zugang zu Zuckerberg.

          „Wir wollen die Welt offener und verbunden machen“, so lautet das Motto, unter dem Facebook rund um die Welt mehr als eine Milliarde Mitglieder gewonnen hat und mit ihnen und ihren Daten ein vitales Geschäftsmodell betreibt. Um das Verbinden der Welt geht es Zuckerberg auch in Barcelona. Sein Ziel für diesen Auftritt war es, mehr Licht in die Arbeit der Initiative Internet.org zu bringen. Der Zusammenschluss mehrerer internationaler Unternehmen der Telekommunikations- und Internetbranche will erreichen, dass die nächsten fünf Milliarden Menschen ans Netz angeschlossen werden. Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern, die sich Datenflatrates nicht leisten können.

          Doch bevor Zuckerberg davon spricht, wie er das erreichen will, muss er sich der W-Frage stellen, der Frage nach dem Kauf des Kommunikationsdienstes Whatsapp für umgerechnet rund 14 Milliarden Euro. Den hatte Facebook in der vergangenen Woche angekündigt. Zuckerberg reagiert auf Kirkpatricks Dringen souverän und leitet nach ein paar lobenden Worten für Whatsapp und dessen Gründer Jan Koum gleich zum Thema über. Denn Koum und er teilen die Vision, die Welt anzuschließen, sagt Zuckerberg. Und darum geht es auch bei Internet.org.

          Für „1,2 oder3 Dollar“ will der Zusammenschluss aus Hardwareproduzenten, Netzbetreibern und Diensteanbietern Menschen in Entwicklungsländern künftig Zugang zu bestimmten Teilen des Netzes geben. Sie sollen eine Grundversorgung an Internet bekommen, einen Basisdienst, über den sie mehrere ausgewählte Internetseiten oder Dienste nutzen können. Wer dann mehr wolle, etwa Videos abrufen oder andere Medieninhalte konsumieren, müsse das aus eigener Tasche bezahlen, sagt Zuckerberg. Das solle sich dann auch für die Netzbetreiber wieder lohnen. Ob das so etwas wie eine Einstiegsdroge sei, fragt Kirkpatrick. Nein, es sei mehr eine Autobahnauffahrt, antwortet Zuckerberg.

          Zu den für Internet.org vorgesehenen Diensten soll die Onlineenzyklopädie Wikipedia gehören. Aber auch Portale für Wetter- oder Gesundheitsinformationen seien vorstellbar, genauso wie der Zugang zu Bildung. Und natürlich soll Facebook darüber zugänglich gemacht werden. Auf die Frage, ob er damit nicht nur Märkte erschließen und Geld über sein Anzeigengeschäft verdienen wolle, verneint Zuckerberg: Die  Länder, auf die das Projekt abziele, seien für ein Anzeigengeschäft nicht geeignet.

          Zuckerberg ist weder ein außerordentlich mitreißender Redner noch ein übermäßig mitreißender Gesprächspartner. Wahrscheinlich weiß er das selbst, und so versucht er sein Publikum mitzunehmen. Der Blick schweift von links nach rechts, bleibt kurz am Fragesteller Kirkpatrick hängen und geht wieder nach links. Facebooks Vision? Da legt Zuckerberg richtig los. Einmal fällt sogar das Wort Empathie. Aber dieses Gefühl auch vermitteln, das gelingt ihm auf der Bühne nicht. Das eigene Geschäftsmodell, das Projekt internet.org, der Kauf von Whatsapp – alles hat seine tiefe Rationalität. Aber die Emotion des Gründers bleibt draußen.

          Erst bei den Nachfragen lockert sich diese Anspannung etwas. Zu den Ausspähaktionen des amerikanischen Geheimdienstes NSA und den Folgen für die Internetindustrie sagt Zuckerberg, dass das „gar nicht super ist“. Aber der Kampf um das Vertrauen der Nutzer habe die Industrie seiner Wahrnehmung nach auch zusammenrücken lassen. Ob er die Daten von Whatsapp für ein Werbemodell auswerten wolle? Nein, das sei auf keinen Fall vorgesehen. Ob er nach Whatsapp auch noch den Kommunikationsdienst Snapchat vom Markt wegkaufen will? „Nein“, sagt Zuckerberg. „Wenn Du gerade 19 Milliarden Dollar ausgegeben hast, dann bist Du wahrscheinlich erst einmal für eine Weile fertig damit.“ Und er erntet zum ersten Mal Lacher – zum Abschluss des Gesprächs.

          Bis dahin hockt Zuckerberg kerzengerade auf einem  weißen quadratischen Sessel, nur ganz leicht nach vorne gebeugt. Die Beine sind nicht übereinandergeschlagen, was üblicherweise Souveränität demonstrieren soll. Bei Zuckerberg stehen sie parallel. Wenn er sein Mikrofon nicht braucht, positioniert er seine Hände auf den Knien. Man könnte das steif nennen, sehr steif; man könnte aber auch auf die Idee kommen, dass da einer sitzt, der nur eines will: Weg, schnell weg. Ein Mann auf dem Sprung zur nächsten Vision.

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