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Zukunft des Autos : Raumschiff Enterprise auf Rädern

In Silicon Valley wird das Automobil der Zukunft entwickelt. Bild: Foto Hersteller

Die Zukunft des Automobils wird im Silicon Valley erdacht. Sie erzählt von Fahrten ohne Lenkrad, der gedankenlesenden Cloud und einem smarten Leben mit Phone und Watch.

          6 Min.

          Auf der Autobahn, der Verkehr stockt. Dicht an dicht reihen sich Personen- und Lastwagen, mal stehen sie, mal geht es im Schritttempo voran. Dem Fahrer vergeht die Lust, er drückt einen Knopf. Das Auto fährt nun selbst. Das Lenkrad zieht sich ins Armaturenbrett zurück. Die Mittelkonsole surrt zusammen und bildet einen Tisch. Der Fahrer dreht seinen Sitz zur Seite, wo sich schon Beifahrerin und Kinder zu einer Runde „Mensch ärgere dich nicht“ positioniert haben. Die Familie spielt einige Partien, als der Verkehr wieder flüssiger wird. Bis zu ordentlichem Tempo kann der Automat das Fahrzeug weiter steuern, doch nun ist es an der Zeit, dem Fahrer wieder das Kommando zu übertragen. Mit zehn Sekunden Vorlauf meldet das Auto die Übergabe an, Fahrersitz und Lenkrad fahren wieder in Position, der Pilot greift ins Steuer und setzt die Fahrt fort.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Hirngespinst? Aberwitzige Vorstellung? In den Laboren der Autoindustrie, die das Fahren der Zukunft erdenken, wird an solchen Modellen schon gearbeitet. Renaults Designchef Laurens van den Acker zeichnet sie im Verborgenen, Daimler entwickelt an der Idee in seiner abgeschotteten Denkfabrik in Kalifornien, andere sind auch dran. Die Entwickler wollen Auto-Erlebniswelten schaffen, die vom Zweijährigen bis zum Zweiundneunzigjährigen verstanden werden und die Jugend faszinieren. „Das ist unmöglich“ lassen sie nicht gelten. Apple hat es mit dem iPad schließlich vorgemacht.

          Ob man es will oder nicht, das Auto wird digital und (teil-)autonom. Und wir reden nicht von einer Vision für das Jahr 2050. In den nächsten zehn Jahren, sagen die in der Zukunft denkenden Entwickler aus dem dafür wie kein anderer Ort auf der Welt zuständigen Silicon Valley, werden sich Autos mehr verändern als in den vergangenen 50 Jahren. Gemeint sind weniger die unter immer stärkeren gesetzlichen Restriktionen leidenden äußeren Linien, sondern die Formen der Innenräume und ihre technischen Möglichkeiten.

          Vorlieben des Fahrers? Das Auto der Zukunft lernt von selbst dazu und speichert alle relevanten Ereignisse und Orte automatisch. Bilderstrecke
          Vorlieben des Fahrers? Das Auto der Zukunft lernt von selbst dazu und speichert alle relevanten Ereignisse und Orte automatisch. :

          Kurzfristig verabschieden kann man sich von Zeigern. Die Instrumente werden künstlich animiert und auf immer größeren Bildschirmen eingespielt. Sie werden nach Wunsch weitgehend frei programmierbar sein, die ganze Breite des Armaturenträgers nutzen und mit den Scheiben verschmelzen. Technisch hochwertige Head-up-Displays, die Informationen plastisch und in Farbe in die Windschutzscheibe einspiegeln, faszinieren schon heute. Sie beanspruchen indes mehrere Liter raren Bauraums im Armaturenbrett, ihre Anzeigen sind meist recht klein, und sie tun sich noch schwer, die Informationen etwa des Navigationssystems weit vor das Fahrzeug zu werfen. Deswegen werden sich die Konstruktionen von Armaturentafeln drastisch ändern. Ziel ist es, die, sagen wir, 100 Meter entfernte Seitenstraße inmitten der sie umgebenden Häuser dreidimensional mit einem Abbiegepfeil zu markieren und auf DIN-A3-Größe einzuspiegeln, so dass sich niemand mehr irren kann, wohin der Weg führt. Dafür würden nach heutigem Stand rund 30 Liter (!) Bauraum benötigt. Kein Wunder, dass in dieser Richtung wenig vorangeht und in den Entwicklungsabteilungen heiß darüber diskutiert wird, ob Autos ein oder zwei Zentimeter länger werden müssen, nur um die digitale Welt vor der Windschutzscheibe unterbringen zu können. Andererseits wird auf technischen Fortschritt gesetzt. In einem Auto der Oberklasse sind heute rund 60 elektrische Steuergeräte tätig, die Strom fressen, Platz brauchen und weitere Bauteile in der Peripherie erfordern. Aus ihnen sollen alsbald rund 20 werden.

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