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Mietwerkstatt : Altöl mit Kaffee

Luftnummer: Wer zu Hause keine Hebebühne hat, findet sie in der Mietwerkstatt. Bild: Marcus Kaufhold

Wer ein älteres Auto hat und die Werkstatt zu teuer findet, greift gern selbst zum Schraubenschlüssel. Hebebühne, Werkzeug und Ersatzteile gibt es in der Mietwerkstatt.

          Ahmed kennt sich aus. „Brauchst du Hilfe, kostet fast nix.“ Nur 20 Euro die Stunde ist tatsächlich so gut wie geschenkt, bei solch einem Talent. Was er denn kann? Alles, sämtliche Autos und Lastwagen. Und in welchem Betrieb hat er gelernt? In Tunesien, alle Marken. Schade, beim alten Suzuki steht keine komplizierte Überholung des Getriebes an, sondern nur ein schlichter Wechsel des Auspufftopfs – wir hätten gerne dem Wunderknaben einmal auf den Zahn gefühlt, was er wirklich drauf hat. So bleibt es bei einem schlichten „Danke, vielleicht demnächst einmal“. Der Schalldämpfer ist dann in einer Viertelstunde gewechselt, bleibt noch Zeit für eine gründliche Inspektion des Unterbodens, demnächst steht der TÜV an.

          Lukas Weber

          Redakteur im Ressort „Technik und Motor“.

          Denn gemietet wird die Hebebühne stundenweise, der Hobbymechaniker schraubt also gegen die Uhr, und das mitunter flotter als die Profis mit ihren Arbeitswerten. Fast alle 20 Bühnen der Mietwerkstatt in Frankfurt sind belegt, und auf den ersten Blick scheint es, als ob die meisten Kunden ihr Freizeit-Handwerk beherrschen. „Wenn einer zur Annahme kommt, seinen Fahrzeugschein vorlegt und sagt, er wolle gern einen Ölwechsel machen, fragen wir zuerst: Haben Sie das schon mal gemacht?“, sagt Stephan Roth, der geschäftsführende Gesellschafter der Mach-es-selbst-Werkstatt. Da gebe es Leute, die unbedingt über eine der vier Gruben wollen statt das Auto anzuheben. Nicht, weil das einen Tick weniger kostet, sie trauen sich nicht allein auf die Bühne.

          „Denen hilft einer unserer Mechaniker“, erklärt Roth, niemand wird mit gefährlicher Technik allein gelassen. Ahmed und die kleine Schar gebrochen Deutsch sprechender Mitbürger im abgetragenen Blaumann gehören nicht dazu. Er könne denen nicht verbieten, im zur Werkstatt gehörenden Imbiss einen Kaffee zu trinken und dann vor der Halle herumzulungern, um die Kunden anzusprechen, sagt Roth. Dass die selbsternannten Profis ihm ein Dorn im Auge sind, ist freilich deutlich zu spüren, denn Pfusch von dieser Seite ist schlecht für den Ruf.

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          Der ist ansonsten gut. Die Autohobby-Mietwerkstatt im Frankfurter Stadtteil Nied ist die älteste Einrichtung dieser Art in Deutschland. Firmengründer Werner Ott hat die Idee 1965 von Texas mitgebracht, Roth hat neben seiner Arbeit als Mechaniker und Karosseriespengler als junger Kerl dort jeden Samstag ausgeholfen und den Betrieb 2009 übernommen. Es sei außerdem hierzulande die größte Mietwerkstatt, sagt er, und sie habe noch ein paar andere Besonderheiten. Zum Beispiel wurde die Betriebsführung nach Iso 9001 zertifiziert. Und auf dem Firmengelände unweit des Mainufers ist die GTÜ zur Miete, zur Plakette nach getaner Arbeit könnte man das Auto also notfalls schieben. Vor allem aber steht dort auch eine professionelle Lackier- und Karosseriewerkstatt, die zum gleichen Unternehmen gehört und unter anderem Arbeiten für große Autovermieter und benachbarte Autohäuser ausführt. Sie macht inzwischen den deutlich größeren Anteil am Umsatz.

          In den Hallen sind sogar Oldtimer wie ein Maserati Quattroporte aus den Sechzigern zu sehen, sie werden dort liebevoll restauriert. Für die Selbstschrauber hat die enge Anbindung der Fachwerkstatt einen Vorteil: Wenn sie nicht mehr weiter wissen, können sie ihr Auto ein paar Meter weiter den Kollegen aus der „normalen“ Werkstatt in die Hand drücken. Notwendig ist das aber nur selten, denn wenn der Bastler nicht weiter weiß, helfen bei Bedarf die fünf Techniker der Mietwerkstatt weiter, die in Personalunion Arbeitsplätze zuweisen, Ersatzteile verkaufen, Werkzeug ausgeben und ein Auge darauf haben, was die Kunden in der Halle so treiben. Beratung und Endabnahme sind gratis, wie Roth sagt, Mitarbeit gibt es freilich nur gegen Entgelt.

          Freizeitmechaniker am Werkeln: Manche schrauben an ihrem Auto selbst, weil es ihnen Freude macht, so gut wie alle wollen dabei Geld sparen. Bilderstrecke

          Das Auffangnetz für gescheiterte Selbstschrauber hat Methode. Exakt 334 Miet- oder Selbsthilfewerkstätten in Deutschland listet ein einschlägiges Portal im Internet auf (mietwerkstatt-portal.de), davon sind zehn von Frankfurt aus in einer halben Stunde erreichbar. In den meisten Fällen ist ein Meister dabei, der zumindest fachlichen Rat geben kann, allerdings nicht immer. Im Ergebnis kann fehlendes Fachwissen – wie auch beim Selbstschrauben zu Hause – zu Problemen führen, wenn an Teilen gearbeitet wurde, die für die Sicherheit im Verkehr wichtig sind. Das sind am Auto die meisten. Der Zentralverband Deutsches Kfz-Gewerbe empfiehlt deshalb grundsätzlich, Fahrzeugreparaturen in Meisterbetrieben ausführen zu lassen. Bei einem Unfallschaden würden von der Versicherung im Fall einer Do-it-yourself-Reparatur nur die Teilekosten erstattet, berichtet Ulrich Köster, der Sprecher des Verbands. Außerdem gehe die Neuwagengarantie oder auch eine Gebrauchtwagengarantie verloren, mit Kulanz des Herstellers brauche man ebenfalls nicht zu rechnen.

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