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Fahrbericht Yamaha XSR 900 : Verneigt euch vor den Vätern, ihr Söhne

Bild: F.A.Z., Hersteller

Die XSR 900 von Yamaha ist eine Fahrmaschine, an der alles ineinander spielt: handliches, stabiles Fahrwerk, zupackende Bremsanlage, tadellos arbeitende Schaltung.

          Als die Väter von heute noch Söhne waren, waren die Motorräder noch Gurken. Nach heutigen Maßstäben jedenfalls. Dennoch werden sie momentan verehrt wie nie zuvor, die alten Karren. Die Gebrauchtpreise mancher Modelle aus den Sechzigern, Siebzigern, Achtzigern legen atemraubende Höhenflüge hin. So manche verstaubte Pretiose mit platten Reifen und Mäusen in der Sitzbank wird ans Licht gezerrt, um einer intensiven Schrauberei unterzogen zu werden. Customizing lautet das Stichwort. Schneller, als man gucken kann, hat man auf der Suche nach einem Ofen mit Geschichte den richtigen Zeitpunkt zum günstigen Kauf schon wieder verpasst.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Abhilfe verspricht die Industrie. Die Aufgeweckten unter den Herstellern sind längst auf den Zug der neuen Motorrad-Bewegung aufgesprungen. Maschinen in klassischem Design, pures Fahrerlebnis und dazu Klamotten, die keine Rüstung sind, sondern betont lässig - das spricht auch junge Leute an. Szene-Treffen der entspannt-lässigen Art gewinnen rasant an Zulauf, ihre Zahl steigt. Keiner nutzt diese Stimmung zurzeit konsequenter, kreativer, cleverer als Yamaha.

          Der japanische Konzern läuft dem Motorrad-Lifestyle nicht bloß hinterher, sondern lebt ihn vor. Bei den Zentralversammlungen der Trendsetter und Tüftler - am Glemseck in der Nähe Stuttgarts etwa oder bei den „Wheels & Waves“ in Biarritz - wird Flagge gezeigt. In seiner „Yard Built“-Kampagne sucht das Unternehmen den Schulterschluss mit den Gurus der internationalen Customizing-Branche, die im Dienste des Konzerns Serienkräder in ausgefallene Kreationen verwandeln, auf dass der gemeine Kunde sich inspirieren und mitreißen lasse. Und zum Beispiel ein Exemplar der neuen „Faster Sons“-Linie kaufe.

          Das mit den „schnelleren Söhnen“ ist als Versuch zu verstehen, nicht nur Motorräder, sondern zugleich ein Lebensgefühl anzubieten, samt umfassenden Zubehör- und Bekleidungskollektionen. Die neuen Maschinen beziehen sich stilistisch mehr oder weniger deutlich auf Typen der mittlerweile 60 Jahre zurückreichenden Yamaha-Historie, sie „verneigen sich respektvoll vor den Motorrädern von früher“, wie Yamahas Marketing-Strategen fabulieren. Ob sie sich verneigen oder nicht - einen gewissen Retro-Charme entfalten sie auf jeden Fall.

          Deutlich erwachsener wirkend

          Technisch sind sie durch und durch modern. Erste Vertreterin der Reihe war die im vergangenen Herbst vorgestellte XSR 700 auf Basis des Zweizylinder-Roadsters MT-07. Der folgt jetzt die größere, deutlich erwachsener wirkende XSR 900. Deren technisches Fundament liefert die MT-09 mit ihrem 847-Kubik-Dreizylinder-Reihenmotor. Abgesehen davon, dass das Triebwerk auf die neuen Euro-4-Normen abgestimmt wurde, blieb es weitgehend unangetastet, ebenso wie Rahmen, Fahrwerk, Bremsanlage und vieles mehr. Die wesentlichen Unterschiede sind kosmetischer Natur: Lampen und Cockpit anders, etliche schön geformte Metallteile, wo die MT-09 Plastik spazieren fährt, insgesamt mehr Liebe zum Detail. Im Sinne des Customizing lassen sich die Aluminium-Blenden des 14-Liter-Stahltanks leicht entfernen, um sie beispielsweise anders zu lackieren, gehen Heckumbauten relativ einfach vonstatten. Die XSR 900 wirkt wohlproportioniert, schön durchgestylt, bloß der klotzige, alles andere als nostalgische Wasserkühler lässt sich nicht verstecken. Yamaha versucht es gar nicht erst.

          Wie die MT-09 ist die XSR 900 eine Fahrmaschine, an der alles ineinander spielt: handliches, stabiles Fahrwerk, zupackende Bremsanlage, tadellos arbeitende Schaltung. Was aus diesem exzellenten Ensemble noch herausragt, ist der Prachtkerl von Motor mit seinem 270-Grad-Hubzapfenversatz an der Kurbelwelle, der durch sein rauhbeinig ungleichmäßiges Feuer Gänsehaut erzeugt und zugleich eine vorbildlich lineare Leistungsentfaltung hinbekommt. 115 PS (85 kW) bei 10.000 Umdrehungen in der Minute und 88 Newtonmeter Drehmoment bei 8500/min liefert er laut Datenblatt, lässt dabei in keiner Phase seines Wirkens zwischen Druck unten und Drehfreude oben irgendetwas vermissen. Noch im dritten Gang hebt er beim harten Beschleunigen das Vorderrad.

          Von ABS träumten die Väter noch

          Wo die MT-09 Kritik erntete, reagierte Yamaha prompt, vor allem mit einer strafferen Abstimmung der Federelemente. Das Heck gerät nun nicht mehr ins Pumpen, wenn man es in schnellen Kurvenwechseln unter Stress setzt, informiert dafür nun sehr verbindlich über die Beschaffenheit der Fahrbahn, reagiert indes recht ruppig auf kurze, harte Stöße. Eine mehrstufig einstellbare Traktionskontrolle wurde hinzugefügt, ebenso eine auffallend leichtgängige Anti-Hopping-Kupplung. Überarbeitet wurden die drei Fahrmodi, um die Besatzung vom übertrieben scharfen Ansprechen des Motors auf Gasbefehle zu verschonen.

          So ist unterm Strich die XSR 900 die bessere MT-09. Aber auch die teurere: Mit 9495 Euro liegt sie 1100 Euro über dem Schwestermodell ohne Retro-Geschmack. Feinere Anmutung, wertigere Materialien, auch die harmonischere Sitzposition wegen des traditioneller geformten, weniger taillierten Sattels, der die Hüfte fünf Zentimeter weiter nach hinten rückt, rechtfertigen das. Von ABS träumten die Väter noch. Schade nur, dass die Söhne von ihnen nichts gelernt haben, was die Anbringung der Rückspiegel betrifft: Die Sicht nach hinten ist mau.

          Aber wir verneigen uns vor diesem Dreizylindermotor. Wenn die Söhne von heute mal Väter sein werden, wird man sich an den noch gut erinnern.

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