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Yamaha Vmax : Da hält kein Deich: Nie ist Ebbe, immer ist Flut

Was blitzt heller, die Schaltanzeige am Tacho oder das Radargerät? Bild: Hersteller

Furcht ist nichts grundsätzlich Verkehrtes: Auf dem Weg in den Grenzbereich kennt die Yamaha Vmax dabei kein Pardon. Wir haben es ausprobiert, denn wir müssen den schmauchenden Hinterreifen nicht selbst bezahlen.

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          Furcht ist nichts grundsätzlich Verkehrtes. Ein wenig, nicht zu viel. Furcht gehört zum Leben, fühlt sich sehr lebendig an und macht vorsichtig. Das trifft sich gut: Vorsicht ist eine gute Strategie für den Umgang mit der Yamaha Vmax. Es ist zwar so, dass mit der Gewöhnung, dem wachsenden Zutrauen in die Maschine, der sich allmählich einstellenden Routine die Furcht verfliegt. Aber sie meldet sich immer mal zurück.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Der Leser möge sich jetzt bitte Daumen und Zeigefingerspitze des Autors in geringem Abstand übereinander vorstellen. Sooo klein ist er mit Hut, wenn er mit der Vmax auf regennasser Fahrbahn unterwegs ist. An Stellen, die verdächtig nach Schmutz und Rutsch schimmern, erstarrt der Körper, als wäre er mit Winkeleisen aus dem Baumarkt verschraubt, auch wenn man immer wieder ins Visier murmelt: „Locker bleiben, locker bleiben.“ Bei unsensibler Gasbetätigung wedelt das Drehmomentmonument mit dem Heck wie der Hund mit dem Schwanz beim Anblick der Wurst.

          Die Yamaha braucht die breite Walze

          Im Regen schrumpfen Helden zu Zwergen. Doch schon auf trockenem Asphalt rubbelt der auf sein 18-Zoll-Rad gezwängte 200-Millimeter-Pneu schwarze Markierungen auf die Piste, wenn der Motor gereizt wird. Der macht dann Anstalten, den Reifen zügiger zu verrauchen als der Schiffbrüchige die erste Zigarette nach 60 Tagen an eine Planke geklammert. Die Yamaha braucht die breite Walze, die möglichst großflächige Verzahnung mit dem Straßenbelag, sonst wüsste sie überhaupt nicht, wohin mit ihrer Kraft.

          Das Erlebnis Vmax ist geprägt von der Unerschöpflichkeit dieser Kraft
          Das Erlebnis Vmax ist geprägt von der Unerschöpflichkeit dieser Kraft : Bild: Hersteller

          Das Erlebnis Vmax ist geprägt von der Unerschöpflichkeit dieser Kraft. Niemals lässt die nach, wie Gravitation und Gezeit. Aber nie ist Ebbe, immer ist Flut. Es gibt keinen Deich, der das aufhalten könnte. Der V4-Motor leistet nominell 147 kW (200 PS), erzeugt ein Drehmoment von 167 Nm bei 6500 Kurbelwellenumdrehungen in der Minute. Die Newtonmeterfluten setzen schon viel früher ein, praktisch ab Standgas, und halten noch weit jenseits der Marke 6500/min an, bis in den roten Bereich bei 9500/min. Gibt der Fahrer Stoff - im Rahmen des Möglichen und halbwegs Erlaubten -, bleibt immer noch das Gefühl: In den Tiefen von 1679 Kubikzentimeter Hubraum lauern noch ungefähr 80 Prozent, die zu mobilisieren wären und ausreichten, mit einem Erzwaggon im Schlepp in zehn Sekunden von 0 auf 100 zu beschleunigen.

          Derart wach ist man sonst selten im Leben

          Ohne Waggon dauert das nur ungefähr drei Sekunden. Das ist ungeheuerlich. Es soll schon Messungen mit einer Zwei vor dem Komma gegeben haben. Wir haben uns nicht in der Lage gesehen, das genau nachzuprüfen, wir waren anderweitig beschäftigt. Man wählt ein übersichtliches Stück freie Straße oder die Startbahn eines Fliegerhorsts, kuppelt ein, legt sich dragsterartig flach nach vorn, spricht ein kurzes Gebet und feuert sich ab. Schalten ist nicht nötig, der erste Gang reicht. Es ist nicht so, dass man ohnmächtig wird bei der Übung, man hat einfach keine Zeit dazu. Das Brüllen des Treibsatzes sorgt für eine Adrenalinausschüttung erster Ordnung. Derart wach ist man sonst selten im Leben. Hat man das Null-auf-hundert-Abenteuer einmal absolviert, weicht vielleicht zwischendurch die Furcht, aber niemals mehr die Ehrfurcht.

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