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Fahrbericht Yamaha MT-10 : Im Crazy-Modus

Bild: Hersteller

Unter der rauhen Schale steckt kein weicher Kern: Yamaha geht mit der 160 PS starken MT-10 ins Extrem. Beim Start waren wir eine Idee zittriger als sonst.

          3 Min.

          In einem fernen Sternennebel jenseits der Galaxien liegt ein Planet ohne Tempolimit, bevölkert von kriegerischen Maschinenwesen, die wie die Henker fahren. Auf welche Weise Yamaha herausfand, wie die dortigen Motorräder aussehen, ist ein Geheimnis. Fest steht: Sie haben jetzt auch so etwas im Programm.

          Walter Wille
          Redaktion „Technik und Motor“

          Die neue MT-10 trägt nicht die Maske des Mitgefühls, sondern die eines eiskalt programmierten Roboters in interstellarer Mission. Von diesem Design kann man halten, was man will. Mutig ist es in jedem Fall, radikal, einzigartig. Es wird provozieren und polarisieren. Vor allem zeugt es von der momentan sehr breiten Brust des japanischen Herstellers. Mit dem Erfolg seiner ehrgeizigen Produktoffensive der vergangenen Jahre, der Rückeroberung ehemals verlorener Marktanteile kehrte das Selbstbewusstsein zurück. Yamaha ist wieder wer! Die MT-10 für runde 13 000 Euro ist das Ausrufezeichen.

          Mit ihr fordert das Unternehmen die stärksten Naked Bikes des hiesigen Planeten heraus: Aprilia Tuono, BMW S 1000 R, Ducati Monster, KTM Super Duke, Triumph Speed Triple und das 1000-Kubik-Geschwader von Honda, Kawasaki und Suzuki. 160 PS Nennleistung bei nur 210 Kilo Kampfgewicht sind ziemlich galaktisch. Da allerdings auch die anderen keineswegs schwächeln, kam, um sich abzuheben vom Vorhandenen, dieses extreme Styling der Frontpartie zustande.

          Nicht allein am bitterbösen Gesicht

          Wer sich erstmals mit dem Daumen der rechten Hand dem Startknopf nähert, tut das vielleicht eine Idee zittriger als sonst. In unserem Fall war es so. Nicht allein am bitterbösen Gesicht lag das, sondern auch an den technischen Tatsachen: Das Grundgerüst liefert die R1, Yamahas 200-PS-Rennstreckenpfeil, hier nun anders verpackt. So richtig zur Geltung kommt die frostige Aggressivität des Fahrzeugs in der exzentrischen Farbkombination „Night Fluo“, einem Militärgrau mit neongelben Rädern. Schwarz und Blau fallen im Vergleich dazu etwas ab.

          Die Forderung, es stilistisch mal krachen zu lassen, stammt von Yamahas Importeuren auf dem europäischen Kontinent. Denn: „Lange Zeit haben wir vieles immer gleich gemacht, immer wieder Varianten des gleichen Grundthemas gebracht. Die Leute waren gelangweilt“, erinnert sich Oliver Grill, Produktstratege in der Europazentrale in Amsterdam. Gute, aber unauffällige Modelle wie die FZ8 oder die FZ1 seien untergegangen, sagt Grill. „Zu normal. Da hat keiner mehr hingeschaut. Überall in der Konsumgüterwelt muss man heute mehr bringen als früher. Möglicherweise geht man dabei zu weit. Aber die Gefahr besteht eher darin, dass man nicht weit genug geht.“

          Dem Vordermann ein Loch ins Blech lasern

          In diesem Fall sind sie sehr weit gegangen. Grill zufolge ist die zerfurchte, zerklüftete Verkleidung der am Rahmen befestigten Lampe (sie dreht also nicht mit dem Lenker mit) kein reines Designexperiment, sondern hat handfeste Vorteile in Form von Windschutz für den Fahrer. Durch die Zerstückelung, das Brechen der Oberfläche wird versucht, die Maske kleiner wirken zu lassen, als sie ist. Der LED-Doppelscheinwerfer lässt sich als Gleichteil von der R1 verwenden und sieht so aus, als ließe sich damit dem Vordermann ein Loch ins Blech lasern.

          Von der R1 übernimmt die MT-10 mehr als nur diese Leuchten. Die teuren, exzellent arbeitenden Komponenten von Fahrwerk und Bremsanlage spendet ebenfalls das Superbike, jeweils neu abgestimmt auf den Straßenbetrieb. Drastisch modifiziert und von 200 auf 160 PS (118 kW bei 11 500/min) eingedampft wurde der 1000-Kubik-Vierzylinder, um den spitzen, drehzahlgierigen Charakter der R1 in zivilerere Umgangsformen zu überführen. Das heißt: Mehr Drehmoment in niedrigen Drehzahlen, weniger Höchstleistung und Höchstgeschwindigkeit. Hier bietet die MT-10 mit offiziell 245 km/h trotz allem mehr als genug.

          Von einem schwarzen Loch angesaugt

          Das Drehmoment-Maximum von exakt 111 Newtonmeter entspricht dem der R1, mit dem Unterschied, dass die MT-10 wesentlich früher und mit erfreulicher Konstanz ordentlichen Schub liefert. Die „Crossplane“-Bauweise mit 90 Grad Hubzapfenversatz verleiht dem Reihenvierzylinder ein knurriges Charisma bei einer dermaßen kristallklaren Leistungsentfaltung, dass es einem regelrecht in der Gashand knistert. Mit dem Wumms eines Drehmomentmonsters bei untertouriger Fahrweise kann die MT nicht dienen, mit Eintritt in den mittleren Drehzahlsektor indes wird es vehement. Wer jenseits von etwa 7000/min am Gas bleibt, dem stockt der Atem angesichts dessen, was dann passiert. Es fühlt sich an, als werde das Motorrad von einem schwarzen Loch angesaugt.

          Um einem solchen Schicksal zu entkommen, sind ABS sowie eine dreistufig verstellbare Traktionskontrolle vorhanden. Die Schaltung agiert knochig, einen Quickshifter für Gangwechsel ohne Kupplungsbetätigung gibt es gegen Aufpreis. Serienmäßig stehen drei Fahrmodi für ein unterschiedlich direktes Ansprechen auf Gasbefehle zur Wahl, wobei der Motor in der höchsten Stufe so unsanft, so ruckig zu Werke geht, dass man sich das allenfalls ein paar Minuten am Tag antut. Vom „Crazy-Modus“ sprechen die Yamaha-Mannen intern. Ein kalkulierter Gag.

          Mindestens so crazy ist auch der im Prinzip vorhandene Platz für einen Beifahrer, dessen Fußrasten so hoch plaziert sind, dass er dem Vordermann mit den Knien die Ohren zuhalten könnte, wenn der keinen Helm trüge. Die Sitzposition des Fahrers dagegen empfanden wir als perfekt: sportlich, zugleich komfortabel, beste Übersicht. Ohnehin stellt sich bei näherer Beschäftigung mit der kompakten, agilen MT-10 heraus, dass es sich nicht bloß um eine nackte Version der R1 mit breiterem, höherem Lenker handelt.

          Praktische Talente sind durchaus vorhanden. Ein Tempomat erleichtert Langstrecken, eine 12-V-Steckdose versorgt Handy und Navi, ein höherer Windschild lässt sich ebenso anbringen wie ein Komfortsitz, Heizgriffe sowie ein Satz Seitentaschen, die sich an den verstärkten Heckrahmen hängen lassen.

          Da hat Yamaha tatsächlich so etwas wie Vernunft eingebaut. Aber gut getarnt, und diese Tatsache sollte daher, pssst, unter uns bleiben.

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