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Yacht „Britannia“ : Das zweite Leben einer Legende

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Die Referenz des viktorianischen Yachtsports Bild: Sigurd Coates

Könnte die Menschheit nur eine einzige Yachtkonstruktion vor dem Weltuntergang bewahren: es müsste die „Britannia“ sein. Mit dem königlichen Wappen am elegant geneigten Heck maß sich an ihr die Yachtwelt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

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          Was günstig scheint, kann teuer werden: Diese Erfahrung, bezahlt mit reichlich Lehrgeld in der Währung von endlosem Ärger, hat der Norweger Sigurd Coates gemacht. Der 52 Jahre alte Inhaber einer Vertriebs- und Reparaturfirma für Elektromotoren in Moss am Oslofjord hat sich ein ziemlich großes Boot für verblüffend kleines Geld bauen lassen. Allerdings nicht irgendein Boot, sondern die Quintessenz viktorianischen Big Class Yachtsports.

          Das große Boot heißt schlicht und ergreifend „Britannia“. Es handelt sich um einen Neubau jener Rennyacht, die anno 1893 für den seinerzeitigen Prinzen von Wales und späteren König Albert „Bertie“ Eduard von Großbritannien und Irland, zugleich Kaiser von Indien, bei der Henderson-Werft in Glasgow vom Stapel lief. Der 45 Meter lange und 160 Tonnen schwere Schlitten war bei passendem Wind mit knapp tausend Quadratmeter und Segelhandwerkern im Format von zwei bis drei Fußballmannschaften unterwegs. An diesem Paradepferd der Regattabahnen mit dem königlichen Wappen am elegant geneigten Heck maß sich die Yachtwelt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Könnte die Menschheit nur eine einzige Yachtkonstruktion vor dem Weltuntergang bewahren, es müssten die Zeichnungen von „Britannia“ sein.

          „Britannia“ schrieb mit 33 Siegen bei 34 Regatten gleich Segelgeschichte

          Zwar wurde in der ersten Saison gleich zweimal der schornsteindicke Mast heruntergesegelt. Dennoch schrieb „Britannia“ mit 33 Siegen bei 34 Regatten gleich Segelgeschichte. Der große Rennkutter vom Reißbrett des schottischen Yachtarchitekten George Lennox Watson war eine fabelhafte Rennmaschine. Mit großem Vergnügen war der Prince of Wales im August 1893 bei praktisch jeder Wettfahrt der Cowes Week, einer Art Bayreuth der Yachtwelt, an Bord, obwohl er sich eigentlich mehr für Damenbekanntschaften und Besuche des südfranzösischen Seebads Biarritz interessierte. „Britannia“ segelte unübersehbar vornweg.

          Die höfische Gesellschaft und ihre Freunde: König Georg V. an Bord der „Britannia”
          Die höfische Gesellschaft und ihre Freunde: König Georg V. an Bord der „Britannia” : Bild: Sigurd Coates

          Dass „Britannia“ bald die dem Schwesterschiff „Valkyrie II“ überlegene America's-Cup-Verteidigerin „Vigilant“ der Yankees in heimischen Gewässern schlug: Dieser symbolische Sieg holte die anlässlich der Londoner Weltausstellung 1851 von Queen Victoria gestiftete Seglertrophäe zwar nicht aus dem fernen New York zurück ins Empire. Er ließ aber hoffen und labte das seit dem Debakel lädierte seglerische Selbstbewusstsein Großbritanniens enorm.

          Kenner sprechen vom sogenannten „Britannia-Ideal“

          Im Lauf seiner langen Karriere erwies sich der elegante Rennkutter als bemerkenswert anpassungsfähiges, unter verschiedenen Yachtvermessungen leistungsfähiges Schiff. Kenner sprechen vom sogenannten „Britannia-Ideal“, so clever sei das Schiff mit einem bestimmten Längen-Breiten-Verhältnis mit entsprechendem aufrichtendem Moment und respektablem Segeltragevermögen in die damals gültige Yachtvermessung hinein konstruiert worden. Mit insgesamt sieben verschiedenen Takelagen unterwegs, war „old Britty“, wie die Grande Dame der Regattabahnen in den dreißiger Jahren genannt wurde, bei viel Wind selbst den auf Kreuzkursen starken stählernen Segelschlachtrössern der J-Class gemäß amerikanischer Universal Rule noch eine interessante Gegnerin.

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