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World Bicycle Relief : Wachstumsmotor mit Pedalantrieb

  • -Aktualisiert am

Frachter: Der massive Gepäckträger verkraftet hundert Kilogramm Bild: World Bicycle Relief

Ein einfaches Fahrrad namens Buffalo erhöht die Bildungschancen afrikanischer Mädchen, verbessert die Versorgung Aidskranker und macht Milchbauern mobil.

          Meistens wird die Geschichte des World Bicycle Relief (WBR) mit Bildern von strahlenden Afrikanerinnen und Afrikanern erzählt. Aber eigentlich geht es um das Fahrrad, das dabei mit im Bild ist. 2005 gründeten der Chicagoer Geschäftsmann Frederick („F.K.“) Day und seine Frau, die Dokumentarfotografin Leah Missbach Day, den WBR. Sie hatten eine Reise nach Sri Lanka unternommen, um herauszufinden, wie dem Land geholfen werden könne, das nach dem Tsunami am 26. Dezember 2004 knapp 40.000 Tote zu beklagen hatte. In Zusammenarbeit mit anderen Hilfsorganisationen wurde daraus die Lieferung von 24.000 Fahrrädern. Dass die Katastrophenhilfe ausgerechnet aus Fahrrädern bestand, war nicht völlig ungewöhnlich. F.K. Day ist Mitglied der Geschäftsleitung der Sram Cororation, des zweitgrößten Fahrradkomponenten-Hersteller, der Welt.

          Momentan meldet eine Website des gemeinnützigen WBR, man habe 171.747 Fahrräder in Angola, Botswana, Kenia, Malawi, Moçambique, Ruanda, Südafrika, Sri Lanka, Tansania, Uganda, Sambia, Zimbabwe und in Südsudan ausgeliefert. Es gibt fünf Fertigungseinrichtungen in Afrika, über 850 Einheimische wurden als Mechaniker ausgebildet, um die Wartung der Räder sicherzustellen. Aus der Katastrophenhilfe ist eine komplexe, an mehreren Punkten ansetzende Strategie geworden, deren Kerngedanke lautet: Gib Menschen ein Fahrrad, damit sie in ihrem Leben vorankommen.

          Unterwegs auf dem Schulweg mit dem Buffalo

          Wer mit diesem ungemein robusten, aber völlig einfachen Fahrrad unterwegs ist, kann fünfmal mehr transportieren, als wenn er zu Fuß gehen muss. Er kommt in der gleichen Zeit viermal so weit oder umgekehrt reduzieren sich seine Wegzeiten entsprechend. Das hat einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem Bildungserfolg afrikanischer Mädchen. Die müssen zum Beispiel für ihre Familie Wasser holen. Weil das wegen der zurückzulegenden Distanzen zeitaufwendig ist, leidet der Schulbesuch. Denn auch die Schule ist oftmals einen stundenlangen Fußmarsch weit entfernt. Ein Fahrrad versetzt solche Mädchen in die Lage, ihre familiären Pflichten zu erledigen und dennoch regelmäßig zur Schule zu radeln. Ein „Study to own“-Programm namens Beep (wie Bicycles for Educational Empowerment Program) will zusammen mit dem sambischen Erziehungsministerium 50.000 Fahrräder an Schüler und Lehrer im ländlichen Sambia verteilen. 70 Prozent der Räder sind für die Schüler und davon siebzig Prozent für Mädchen. Sie erhalten zunächst ein WBR-Rad zur Verfügung gestellt. Es geht aber erst in ihr Eigentum über, wenn die Schulleistungen über einen bestimmten Zeitraum hinweg besser geworden sind. An Schulen, wo das Beep-Programm läuft, stieg der Prozentsatz der Schulabschlüsse auf 88 Prozent gegenüber einem Landesdurchschnitt von 60 Prozent.

          Mit der Stärke des wilden Kaffernbüffels

          Das Buffalo-Rad, wie der WBR sein simples, aber qualitativ auf besondere Belastungen ausgelegtes Unisex-Modell nennt, ist für einen Westeuropäer von geradezu erschreckender Schlichtheit. Es hat nur eine Bremse in Form eines Rücktritts, es hat keine Gangschaltung, aber einen massiven Klappständer, der es auch beladen sicher hält. Der hintere Gepäckträger kann mit 100 Kilogramm belastet werden, ist also auch für einen Mitfahrer samt Gepäck geeignet; ein zweiter Gepäckträger lässt sich vorn montieren. Die Laufräder, Speichen, Felgen und die pannensicheren „Langzeitreifen“ sind für schwerbeladene Fahrten auf schlechten Pisten dimensioniert. Alles, was an europäischen Fahrrädern aus Leichtmetall sein kann, besteht beim Buffalo, wenn es überhaupt vorhanden ist, aus Stahl: Rahmen, Vorbau und Lenker, Kurbeln. Kettenschutz und Schutzbleche sind genau das: aus Blech.

          Montage vor Ort: Hier werden die pannensicheren Langzeitreifen aufgezogen

          Die Kurbeln halten verschraubte Keile, Steuersatz und Innenlager lassen sich bis zum letzten Kugellagerring zerlegen. Nirgendwo eine Inbusschraube. Die Technik ist größtenteils etwa auf dem Stand der dreißiger oder vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts: bewährt, übersichtlich, mit wenigen einfachen Werkzeugen und am Einsatzort verfügbaren Ersatzteilen zu reparieren. Eine Unicrown-Gabel scheint mit das modernste Detail zu sein. Das Wartungshandbuch sagt auf neun DIN-A4-Seiten alles Notwendige mit vielen Zeichnungen und wenigen Worten bis hin zum Zentrieren der Laufräder. Reifen platt? Zum Reparieren schneidet man sich den Flicken aus einem alten Schlauch zurecht.

          Die Einzelteile der Räder kommen, gefertigt nach den Vorgaben von WBR, aus Asien. Zusammenmontiert werden sie in Afrika, wo WBR über sechzig Monteure in Vollzeit beschäftigt. Dort, wo die Räder zum Einsatz kommen, baut WBR die nötige Infrastruktur für ihre Wartung und Reparatur auf. Darin werden Mechaniker geschult, denen außerdem geschäftliches Basiswissen vermittelt wird. Sie erhalten ein Fahrrad, Werkzeuge, eine Uniform und Marketing-Material. Manche von ihnen arbeiten mit Mikrokreditinstituten zusammen und bauen einen Ersatzteilhandel auf. Solche Strukturen gibt es in Kenia, Uganda, Südafrika, Sambia und Zimbabwe. Der Markenname Buffalo soll an die Stärke des wilden Kaffernbüffels erinnern. Buffalo steht auch auf den Ersatzteilen als Qualitätsversprechen. Wo Suaheli gesprochen wird, heißen die Räder „Nyati“, was ebenfalls Büffel bedeutet.

          Nun können die Bauern Überschüsse produzieren

          Es ist sehr verblüffend, wie angenehm sich ein solches Büffel-Rad fährt. Es ist selbstverständlich nicht ganz leicht, mit seinen rund 25 Kilogramm aber keineswegs schwerfällig. Man sitzt angenehm in einer Position, in der man gut die Kontrolle über ein beladenes Fahrrad behält. Das ist auch dringend nötig. Wenn man die Berichte über den Einsatz von 23.000 WBR-Rädern im – vorwiegend ehrenamtlichen – Hilfsprogramm Rapids an Aidskranken in Sambia liest, wird nämlich klar, dass die Räder nicht nur gelegentlich, sondern häufig zum Krankenwagen werden. Fast achtzig Prozent der Patienten berichteten in einer Studie, sie seien von der Pflegekraft mit dem Fahrrad zur Klinik gebracht worden: „Stella hörte von Rapids in ihrem abgelegenen Dorf und bat einen ausgebildeten freiwilligen Pfleger um Hilfe. Sie wurde hinten auf das Rad gesetzt und so 15 Kilometer weit zur nächsten Straße transportiert, von wo sie ein Kleinbus zu einem Missions-Krankenhaus brachte. Sie wurde positiv auf HIV getestet.“

          Servicepunkt: Hunderte von Fahrradmechanikern für die Wartung

          Die Pflegekräfte wiederum sehen in den Fahrrädern vor allem eine Möglichkeit, ihre Wegzeiten zu verkürzen. Mit dem Büffel-Rad können sie auch weiter entfernte Klienten aufsuchen und mehr Zeit mit ihnen als ihrer eigentlichen Aufgabe verbringen, weil sie nicht mehr so lange zu Fuß unterwegs sind. Und sogar zu einer bescheidenen Einnahmequelle kann solch ein Fahrrad werden: Die Nachbarn borgen es sich aus und zahlen eine Kleinigkeit dafür, berichtete ein Pfleger in der Studie.

          Wirtschaftlichen Anschub brachten die WBR-Räder auch für Milchbauern einer Kooperative im südlichen Sambia: Um mehr Milch zu produzieren und ihre Überschüsse zu Sammelstellen und damit auf den Markt bringen zu können und daraus einen allerdings sehr bescheidenen finanziellen Vorteil zu ziehen, sind sie auf Fahrräder angewiesen. Auf stabile Fahrräder. „Auf dem alten Fahrrad konnte ich keine 40 Liter Milch transportieren. Auf diesem Rad sind die 40 Liter, als ob sie gar nicht da wären.“ Die meisten der Bauern wollten liebend gern ein zweites Fahrrad kaufen.

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