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Wohnmobil : Die Freizeit kann ruhig etwas länger dauern

  • -Aktualisiert am

Macht hoch das Dach: Viano Marco Polo mit Obergeschoß Bild:

Wer Camping liebt und weder mit Zelt oder einem großen Wohnmobil unterwegs sein möchte, für den ist der Viano Marco Polo 2.2 CDI ein komfortabler Reisewagen.

          3 Min.

          Für ein Freizeitfahrzeug ohne Toilettenraum gibt es über alle in Frage kommenden Transporter hinweg nur einen Grundriß: links eine Küchenzeile mit anschließenden Schränken, eine verschiebbare Bank, die zum Bett umgebaut werden kann sowie, wenn geordert, ein Aufstelldach mit Bett. Die Unterschiede liegen im Detail - und sie können gewaltig sein. Im Marco Polo der aktuellen Viano-Baureihe von Mercedes-Benz hat die konzerneigene Ausbau-Tochter Westfalia alle Register gezogen, um es dem Konkurrenten VW zu zeigen.Basis ist die mittlere der drei Viano-Baulängen (5 Meter), unser Exemplar war mit dem stärkeren der beiden angebotenen Dieselmotoren bestückt und ist mit seiner Zweierbank im Fond für vier Personen ausgelegt. Optional sind ein zusätzlicher Einzelsitz sowie eine Bank erhältlich.

          Das Ambiente des Innenraums strahlt eine sachliche Eleganz aus mit den alufarbenen Möbeln, die mit glänzenden Holzapplikationen verziert sind. Die Kunststoffe wirken wertig, und was man anfaßt, faßt sich gut an. Das gilt auch für die Bank, die sich ohne Kraftaufwand samt dem integrierten Staufach in den Bodenschienen verschieben läßt. Ihr interessantes Innenleben sieht man ihr nicht an: Sie soll ja einerseits beim Fahren mit ihren Konturen Seitenhalt bieten, andererseits stören diese "Unebenheiten", wenn man darauf schlafen soll. Typische Mercedes-Lösung: Die Banklehnen erhalten ihre Konturen, indem man die Seitenwülste aufbläst und zum Schlafen die Luft herausläßt, natürlich auf Knopfdruck. Vorher legt man die Lehnen ebenfalls elektrisch um, die Kopfstützen verstaut man an deren Rückseite. Leider ändert die luftige technische Spielerei nichts an der Härte der entstehenden, 1,10 Meter breiten Liegestatt.

          Kompakte Küche

          Die 1,45 Meter breite Küche enthält links eine Kompressor-Kühlbox (40 Liter), rechts einen Zweiflammenherd mit Piezozündung nebst Spüle aus einem Stück Edelstahl, ohne Krümelrillen und daher äußerst pflegeleicht, mit einem genialen Spritzschutz, den man, da er eine Ablaufnut ins Becken hat, als Ablage beim Spülen nutzen kann. Die Aufsteller der Abdeckungen sind sehr stabil, aus der Küche sind unterwegs keinerlei Klappergeräusche zu hören. In zwei Schubladen sowie zwei Rollschränken darunter kann man allerlei Küchenkram verstauen, zum Essen holt man sich den Tisch aus seiner Befestigung in der Schiebetür und hängt ihn am Küchenblock ein. Es ist uns allerdings nicht gelungen, die Fahrerhaussitze zum Fond hin zu drehen, ohne die Türen zu öffnen.

          Mit Dachstübchen

          Das Dach ist mit zwei leichten Handgriffen (links und rechts Verriegelung lösen) sowie einem schweren zu öffnen: Bis die Hebehilfe greift, muß man es mit hohem Kraftaufwand hochstemmen. Dagegen hilft nur die Hingabe von 1283 Euro für eine Elektrohydraulik. In den Dachstoff sind dünne Stäbe eingenäht, die dafür sorgen, daß es sich beim Schließen in die richtigen Falten legt. Das klappt sehr gut, nirgendwo wird etwas eingeklemmt. Das Bett (528 Euro) samt seiner dünnen Matratze (künftig soll es etwas Besseres geben) kann man im Ganzen an die Decke hochdrücken oder man schiebt es in seinen zwei Teilen übereinander und nach hinten, dann ergibt sich dort bei geöffnetem Dach eine große Ablagemöglichkeit. Der Dachstoff ist sehr dicht und verdunkelt gut, ebenso wie der fürs Fahrerhaus, der zusätzlich auf der Außenseite metallisiert ist. Er kommt völlig ohne Knöpfe aus, weil er mit seinem Zuschnitt jede Möglichkeit zum Befestigen nutzt: Innenspiegel, Haltegriffe, Sonnenblenden. Das spart die Knopfdrückerei und den Einbau der Gegenstücke. An vielen Details erkennt man die jahrelange Erfahrung von Westfalia. Wo man sie braucht, gibt es reichlich Lampen, Becherhalter und Ablagen, rechts am Küchenblock sitzt ein kleiner Müllbehälter, der etwas fummelig zu bedienen ist. In die Lücke der offenen Schiebefenster kann man stabile, luftdurchlässige Einsätze mit Fliegengitter einfädeln, so daß man bei "geöffnetem" Fenster schlafen kann; im Kofferraum steckt in einer Tasche ein Einkaufskorb. Die einzige unpraktische Lösung ist der Verschluß des Gasfachs im Heckschrank. Damit man an die 2,8-Kiloflasche (nur zum Kochen) kommt, schwenkt der Oberschrank heraus und gibt einen Deckel frei, der mit ganz merkwürdigen, schlecht fassenden Schrauben gehalten wird. Wir würden auch keinen schwarzen Teppich in ein solches Auto legen. Aber das ist Geschmackssache. Die Verarbeitung der Einbauten ist exzellent, was jede klapperfreie Fahrt über den Flickenteppich auf deutschen Straßen unter Beweis stellt.

          Dynamisch und handlich

          Der Marco Polo fährt sich wie ein Viano, straff und mit wenig Windgeräuschen. Mit 11,8 Meter Wendekreis hat er sich als überraschend handlich erwiesen. Allerdings neigt der Motor in oft genutzten Drehzahlbereichen etwas zum Brummen. Die Fünfgangautomatik harmoniert sehr gut mit ihm, Schaltrucke sind kaum zu spüren. Gelegentlich verführte uns der kräftige Diesel zum Schnellfahren (maximal 179 km/h), man zahlt dafür aber Tribut an der Tankstelle. Den Blick des Fahrers nach hinten beeinträchtigen die Kopfstützen sowie das Dachstaufach quer im Heck, wer nur zu zweit unterwegs ist, wird sie abnehmen.

          Damit ein Marco Polo das ganze Jahr über Spaß macht, muß man auf den Grundpreis von 41838 Euro (mit Automatik, ABS, ESP, ASR, zwei Airbags und Klimaanlage) aber noch einiges drauflegen: am wichtigsten wäre uns die Standheizung für 1974 Euro, die ihre Wärme sehr effektiv über einen großen Luftaustritt am Boden hinter dem Fahrerhaus verteilt, Sitzheizung (je 188) sowie die Colorverglasung im Fond (381), die dem ganzen Fahrzeug einen sehr eleganten Auftritt verschafft. Es ist kein Problem, den Preis über 50000 Euro zu heben, allein für Navigation nebst Telefon und Radio sind fast 4000 Euro fällig, wir würden auch bei einer Luftfederung (1757 Euro) schwach. Der Marco Polo hat in jeder Hinsicht zum VW California aufgeschlossen.

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