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Werksabholung : Oh Lord, we bought a Mercedes-Benz

Baby, lass uns die Sterne putzen: Ein Blick in die Endmontage. Bild: Hersteller

Jahr für Jahr nehmen 180.000 Menschen die Reise nach Rastatt auf sich, um ihren nagelneuen Mercedes-Benz selbst abzuholen. Es ist ein Ereignis für Generationen: Die Werksabholung als Familienausflug.

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          Je zwei Hörmuscheln der besonderen Art sind in jeweils einem Meter Entfernung voneinander angeordnet. Um etwas zu hören, muss man das Gelenk des Ellenbogens in die mit Gummi umrandeten Öffnungen stecken, die in einer Höhe von vielleicht ebenfalls einem guten Meter über der zu einem Tisch ausgebauten Brüstung der Galerie verteilt sind. Dann gilt es nur noch, die Ohren mit den Händen abzudecken. Und schon hört man es, übertragen von den Schwingungen der eigenen Knochen, vom Ellenbogengelenk direkt ins Ohr.

          Es ist natürlich das Lied von Janis Joplin: „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz?“, singt sie. Und während man so lauscht, ruht der Blick, durch die besondere Haltung des Körpers erzwungen, konzentriert und mit fest umfasstem Kopf auf Menschen, die in diesem Moment genau das Glück haben, einen neuen Mercedes in Empfang nehmen zu können.

          Denn oben auf der Galerie des Auslieferungszentrums des Mercedes-Werks im badischen Rastatt sieht man den Teil des Gebäudes, in den auf der einen Seite die neuen A- und B-Klasse-Fahrzeuge, die hier produziert werden, hineinfahren, und auf der anderen Seite die Tür, durch die die Kunden zu ihren neuen Autos geführt werden. Was auch ins Auge fällt: Die Werksabholung ist ein Ereignis für Generationen.

          Der Abholtag wird zum Erlebnistag

          Für die neue A-Klasse begeistern sich wieder mehr jüngere Leute. Mittzwanziger kommen mit ihrem Kumpel und bestaunen ihr Auto im matten Sonderlack. Die B-Klasse zieht Familien an, aber auch ältere Kunden, die sich an einer höheren Sitzposition erfreuen als in dem BMW Dreier, den sie gerade abgelegt haben. Ein rundes Dutzend Autos wird an diesem Tag jeweils gleichzeitig übergeben. Rund 250 werden es im Durchschnitt eines jeden Tages sein.

          Der Blick über die Brüstung ist für die Besucher nur ein Einstieg in ihren Tag in Rastatt, der in der Regel mit einer längeren Anreise aus deutschen Landen begonnen hat. Jahr für Jahr nehmen rund 180.000 Menschen diese Reise auf sich, um ihr Fahrzeug im Werk selbst abzuholen. Ein Fünftel der hier hergestellten Neuwagen findet so auf dem denkbar kürzesten Weg zu seinem neuen Besitzer. Eine große Motivation dafür dürfte es sein, dass eine solche Werksabholung bei Mercedes im Gegensatz zu anderen Herstellern nichts kostet.

          Im Gegenteil spart man sich sogar die Überführungskosten zum Händler daheim, was gut und gerne 800 Euro kosten kann. Die Anfahrt nach Rastatt rechnet sich also schnell - zumal noch eine kostenlose Werksführung und ein Essen in einem Selbstbedienungsrestaurant mit badischen Spezialitäten den Abholtag zu einem Erlebnistag werden lassen sollen. So wird das Werk in Rastatt auch zu einem Lehrbetrieb in Sachen Automobilfertigung - rund 2.000 Werksführungen gibt es Jahr für Jahr.

          Auf dem Weg zum eigenen Mercedes: Zu Fuß zur Auslieferung und nach einem erlebnisreichen Tag nach Hause mit dem neuen Auto Bilderstrecke

          Der Zeitplan für den Tag wird zum Teil vorab beim Händler erstellt - und im Detail nach der Begrüßung im Kundenzentrum in Rastatt festgelegt. Nach der Abgabe von Torpass, Fahrzeugkennzeichen und Teil 1 der Zulassungsbescheinigung geht es am Empfang nur noch um die Frage, an welcher Werksführung die Abholer teilnehmen möchten und wann genau das Auto übernommen werden soll. Die Wartezeit bis zur nächsten Führung ist oft nur kurz - und kann leicht mit den Ausstellungsstücken in der Halle überbrückt werden.

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