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Weiße Autos : Die teuerste Farbe im Programm

Klassenlos: Weiß steht plötzlich vielen Autos wie Ford Kuga Bild: Hersteller

Wer dachte, die Liebe zu weißen Autos werde rasch erkalten, hat sich geirrt. Zuletzt waren 11,5 Prozent der neu zugelassenen Pkw weiß lackiert. Jetzt kommen Metallic und Creme. Deren Wirkung wird durch zwei Schichten Basislack erzielt - schick und teuer.

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          Das hätte sich wohl niemand träumen lassen. Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren weiße Autos vollkommen out, mit Motorrädern verhielt es sich nicht anders. Dann wurden plötzlich weiße Autos die Lieblinge der Designer und standen scharenweise auf den Messen. Vier Jahre ist das her.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          „Ein Grund, Weiß zu kaufen, trifft vor allem bei kleineren Autos zu: Man erspart sich den Aufpreis für Metallic-Lack, der schon in diesem Segment mindestens 400 Euro beträgt“, stand im November vergangenen Jahres an dieser Stelle zu lesen. Damit ist es vorbei, denn die Autoindustrie hat Weißmetallic entdeckt. Bei Ford ist Electric-Weiß gar die teuerste Farbe. Mit 1330 Euro erfordert sie 750 Euro mehr als Schwarz- oder Silbermetallic. Die Kölner bieten die spektakuläre Farbe für ihren Minivan S-Max und den Geländewagen Kuga an. 3,7 Prozent der in Deutschland ausgelieferten S-Max wurden zuletzt in Electric-Weiß geordert, beim Kuga betrug der Anteil 2,1 Prozent. Tendenz steigend. „Die Nachfrage ist größer, als wir erwartet haben“, sagt ein Ford-Sprecher. Auch Mercedes-Benz erhebt Topzuschlag, an der S-Klasse kostet Diamantweiß 2023 Euro, normaler Metalliclack ist für 1178 Euro zu haben.

          Eine Reaktion aus dem Land der modischen Extravaganz konnte da nicht lange auf sich warten lassen, Renault bietet nun schickes Perlmutt-Weiß für 600 Euro Aufpreis an. Selbst in der Welt der Sportwagen tut sich einiges. Hier gibt es grundsätzlich eine Vorliebe für Schwarz, wie das Kraftfahrtbundesamt feststellt. Bei Porsche und Jaguar betrage der Anteil mehr als 50 Prozent. Doch Porsche hat Cremeweiß in die Liste der teuersten Farben aufgenommen. Wer seinen 911 so lackiert haben möchte, muss 2653 Euro zusätzlich aufwenden. Ferrari zeigt neue Autos nicht mehr nur in Rot, sondern oft in Weiß. Und die britische Edelschmiede Aston Martin bietet schon länger und jüngst in einer Sonderserie ein spektakuläres Weiß in Perleffekt mit dem Namen Morning Frost, das besonders edel wirkt, wenn sich der Morgentau des Hochlandes sanft auf die Karosserie gelegt hat.

          Porsche 911

          Weiß gilt als Zeichen für Umweltbewusstsein

          Ein kurzer Blick in die Statistik: Zuletzt waren 11,5 Prozent der neu zugelassenen Personenwagen weiß lackiert. Damit verdrängt die Farbe, die eigentlich keine ist, Blau (10,5 Prozent) auf Rang vier. Den größten Sprung in der Beliebtheit macht Braun, freilich auf niedrigem Niveau, von 1,8 auf 3,6 Prozent. Dominant sind nach wie vor Grau (32,6) und Schwarz (30,4).

          Neben Modetrends mag als Grund für die Beliebtheit gelten, dass weiße Autos leichtfüßiger erscheinen und als Zeichen für Umweltbewusstsein gelten. Nun stellt sich aber die Frage, ob die Konzerne die Welle nutzen, um ihre Marge zu erhöhen, oder ob das neue Weiß besondere Ansprüche an die Fertigung stellt. BASF Coatings fertigt unter anderem die Farbe für Ford und liefert die Erklärung.

          Ein Automobil-Lack besteht in der Regel aus vier Schichten. Dabei ist der Basislack, die dritte Lackschicht, für die Farbgebung zuständig. Zuerst wird die Karosse in der Kathodischen Tauchlackierung (KTL) mit einer Grundierungsschicht versehen, die vornehmlich die Aufgabe des Korrosionsschutzes hat und eine gute Oberflächenvorbereitung für die Aufbauten bereitstellt. Der Füller deckt als zweite Funktionsschicht die KTL ab. Füller haben die Aufgabe, Unebenheiten auszugleichen und zur Glättung gut schleifbar zu sein. Als Schicht zwischen der KTL und den Decklacken dient der Füller zudem als Steinschlagschutz und garantiert ausreichenden Schutz vor UV-Strahlung. Der Basislack übernimmt die Aufgabe der Farbgebung. Durch die Zusammensetzung mit Pigmenten und Effektstoffen werden die Farben realisiert. So trägt er wesentlich zum Eindruck der lackierten Karosse bei. Der Klarlack bildet das Dach des Schichtensystems. Die alles versiegelnde letzte Schicht ist in der Regel pigmentfrei und transparent. Sie muss beständig gegenüber Sonnenlicht sein, aber auch Chemikalien aus der Industrie und natürlichen Einflüssen (etwa Vogelkot) gewachsen sein. Kratzfest soll sie auch sein.

          Perlmuttartiger Schimmer

          Die besondere Wirkung der neuen Weißtöne wird durch zwei Schichten Basislack erzielt. Normalerweise wird nur eine Schicht aufgetragen. Die erste Basislackschicht ist ein uni Weiß. Die zweite Schicht enthält Effektpigmente (zum Beispiel Mica), ist aber im Wesentlichen transparent. Die Effektpigmente bewirken den gewünschten Effekt, etwa einen perlmuttartigen Schimmer.

          „Dieses Verfahren ist aufgrund der beiden Basislackschichten erheblich aufwendiger und teurer in der Produktion und hat höhere Materialkosten“, sagt ein BASF-Sprecher. Aushalten muss die Sonderfarbe natürlich ebenso viel wie andere Autolacke auch. Sie sind über Jahre hinweg Regen, Hagel, Eis und Schnee, Hitze und Kälte sowie den Bürsten von Waschstraßen ausgesetzt. Schotter auf unbefestigten Wegen oder Streusalz der Winterdienste setzen ihnen zu, aber auch UV-Strahlen. Dabei ist der Lackaufbau nur einen zehntel Millimeter dick. Nicht mehr als ein weißes Haar.

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