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VW Scirocco : Die Demokratisierung der Eleganz

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Das war nicht nur ein Erfolg für VW, sondern mehr noch für Karmann, wo man einen Nachfolger für den legendären Ghia gesucht hatte. VW hatte auf der Technik des damaligen Golf ein attraktives 800-Kilo-Auto mit Frontantrieb hingestellt, das es alsbald in mehreren Leistungsvarianten gab. Die Preise lagen zum Verkaufsstart bei rund 11.000 Mark und im Jahr 1976 bei knapp 13.000 bis rund 17.000 Mark, und die Kunden waren begeistert. Der Scirocco I trug die Urform eines Faustkeils aus dem Mittelpaläolithikum, und unter der Haube gab es ihn mit dem scharfen 1,6-Liter-Einspritzer. Dessen Leistung von 81 kW (110 PS) reichte in der GTI-Version für knapp 190 km/h, und damit eroberte man sich fast die Spitze der Bewegung.

Dort soll auch der neue VW Scirocco landen. In dem geduckten Karosserie-Körper (Designer Lichte: „Der Scirocco ist das sportlichste Auto, das Volkswagen hat“) werden vorne zwei großzügige und hinten zwei Notsitze offeriert. Unter der zügig abfallenden Motorhaube gibt es die Wahl zwischen vier Triebwerken, alle aufgeladen, drei Otto- und ein Dieselmotor, mit Leistungen von 90 kW (122 PS) bis 147 kW (200 PS). Frontantrieb ist selbstverständlich, dazu gibt es Schaltgetriebe oder das Siebengang-DSG. Die Höchstgeschwindigkeiten liegen zwischen 200 und knapp 240 km/h, der Normverbrauch bei den Benzinern wird mit 6,1 bis 7,7 Liter angegeben, der Diesel liegt bei 5,4 Liter.

Die mageren Jahre für VW schienen vorbei

Auch für die zweite Scirocco-Generation lieferte der Golf I das technische Rückgrat. Statt Giugiaro kam die eigene Design-Abteilung zum Zuge, und der rundlichere Scirocco II geriet zwar deutlich windschnittiger als sein kantiger Vorgänger. Aber er war auch schwerer geworden, und er wirkte plumper, weniger puristisch: Die mageren Jahre für VW schienen vorbei, Karmann baute den in der GTI-Version über 900 Kilo wiegenden 2+2-Sitzer mit überzeugender Qualität, fast 300.000 Exemplare wurden davon vom Start im Frühjahr 1981 bis zum Ende der Produktion im Herbst 1992 verkauft.

Das ist ein imponierender Erfolg, denn VW sorgte im Herbst 1987 für hausinterne Konkurrenz: Der Corrado war der modernere, stärkere und (leider) auch gewichtigere Sportwagen (mehr als 1100 Kilo ohne Fahrer) von VW. Weshalb sich VW vor zwanzig Jahren für einen Wettbewerb zwischen Scirocco und Corrado entschieden hatte, ist aus heutiger Sicht nicht mehr zu erklären. Der pummelig wirkende, aber kraftvoll antretende VW-Sportwagen war prachtvoll motorisiert (zunächst mit dem G60-Triebwerk und später sogar mit dem bärenstarken, aber zur Trunksucht neigenden VR6), und er war ein kompaktes Reiseauto mit hohem Sound-Faktor. In einer Bauzeit von acht Jahren entstanden fast 100.000 Exemplare, wieder bei Karmann.

Er blies den Muff aus den Talaren

Die Produktion des Corrado lief 1995 aus, der Scirocco II war bereits im Herbst 1992 eingestellt worden. Damit endete - vorerst - das Trimm-Dich-Programm aus Wolfsburg.

Das Heck des Scirocco, sagt VW-Designer Marc Lichte, das „liegt mir persönlich am meisten am Herzen“. Das Bild klingt zwar ein bisschen schief, aber es trifft den Kern der Sache. Denn hier verbinden sich der motorisierte Volks-Sport (auch unter den geänderten technischen und sozialen Verhältnissen) und jene Volks-Souveränität, die von VW mit der Demokratisierung der linken Autobahnspur durch den Golf GTI initiiert worden war. Er blies den Muff aus den Talaren. Mit dem neuen Scirocco entstehen zwei neue Bewegungen in der deutschen Autoindustrie: eine High-tech-Sportlichkeit für alle und eine neue Form der bürgerlichen Eleganz.

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