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VW Phideon : Bling-Bling ist aus der Mode

Den VW Phideon wird es nur in China geben. Man rechnet sich in China neue Chancen aus. Bild: Hersteller

Mit dem Phideon sendet Volkswagen Lockstoffe an Chinas aufstrebende Mittelklasse. Das neue Modell ist ein Aufsteiger-Passat auf Basis des Audi A6.

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          An China denken heißt an Ringelsöckchen in Turnschuhen denken, an grellen Nagellack, bunte Leuchtreklame und verschmitzt lächelnde Plüschtiere. Doch in der aufstrebenden Elite kommt Bling-Bling offenbar aus der Mode. In Schanghai etwa sind schwarze Kleider, hochhackige Schuhe und Taschen von Louis Vuitton so angesagt wie in Paris oder Frankfurt.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Das kann nicht ohne Auswirkung auf die Wahl des Automobils bleiben, weshalb sich die eher konservativ orientierten Konstrukteure von Volkswagen neue Chancen ausrechnen. Sie bringen den Phideon auf den Markt, ein in China für China gebauter Aufsteiger-Passat auf Basis des Audi A6. Die 5,07 Meter lange Stufenhecklimousine soll die Lücke zum verblichenen Phaeton nicht so groß werden lassen, dass sie Mercedes, BMW oder Audi mit ihren Langversionen von E-Klasse, 5er und A6 weiterhin ungestört ausfüllen können.

          Die Innenausstattung des Phideon kommt klassisch und eher schlicht gehalten daher.
          Die Innenausstattung des Phideon kommt klassisch und eher schlicht gehalten daher. : Bild: Hersteller

          Mit Holz, Chrom und Leder setzt VW auf innere Werte, und mit Preisen ab 359.000 Renminbi auf einen Einstiegstarif unterhalb der Konkurrenz. Das sind umgerechnet etwa 48.000 Euro und nur der Anfang, denn ausstaffiert in voller Verführung, erreicht der Phideon 600.000 Renminbi. Der Phaeton begann um 700.000 Renminbi. Und das war es dann noch immer nicht. Nummernschilder in Schanghai sind begrenzt und werden verlost, derzeit liegt der Preis für eines bei 93 000 Renminbi. Zur Einordnung: Das durchschnittliche Haushaltseinkommen beträgt 65 000 Renminbi, aber am Durchschnitt will sich in den Wirtschaftsmetropolen niemand orientieren, wie die exorbitanten Preise für Immobilien zeigen.

          Motor spielt untergeordnete Rolle

          Geld müsste mithin vorhanden sein, und Volkswagen ist in China vom Dieselskandal unberührt, es werden dort ohnehin keine Dieselmotoren angeboten. Vielmehr kommen zwei Benziner zum Einsatz, ein 2,0-Liter-Vierzylinder mit 225 PS aus chinesischer Produktion und ein aus dem Audi-Regal entliehener V6 mit 300 PS. Das Volumenmodell soll der nach einem ersten Fahreindruck nicht besonders souverän und etwas unruhig laufende Vierzylinder werden, womit sich offenbart, dass der Motor eine untergeordnete Rolle spielt.

          Der in China gebaute VW ist für etwa 48.000 Euro zu haben.
          Der in China gebaute VW ist für etwa 48.000 Euro zu haben. : Bild: Hersteller

          Es kommt in dieser Kategorie auf innere Werte an, und da liefert Volkswagen vor allem auf den hinteren Plätzen dank 3,09 Metern Radstand fürstlichen Fußraum. In der Spitzenversion ist zwischen den neigungsverstellbaren Rückenlehnen gar ein Kühlschrank verbaut mitsamt Eisfach, das bis zu minus 6 Grad erreicht. Der wohlhabendere Asiate wird gern gefahren und verwöhnt. Er sollte nur nicht größer als 1,85 Meter sein, sonst stößt der Scheitel an die Decke. Das Fahrwerk ist weich ausgelegt,

          Komfort geht eindeutig vor Agilität. Luftfederung, Allradantrieb, Doppelkupplungsgetriebe DSG, Massagesitze, weiche Kopfstützen, LED-Scheinwerfer und eine Musikanlage mit Discolautstärke sind möglich. Die Vier-Zonen-Klimaanlage geht mit sanftem Zug zu Werke und reinigt die Außenluft, das ist in den smoggeplagten Großstädten nicht zu unterschätzen. Auch vor Lärm wird der Insasse geschützt, das Innengeräusch ist niedrig. Ein Nachtsichtgerät zur Fußgängererkennung ist ebenfalls im Angebot, doch streikt dessen Infrarotsender oberhalb von 28 Grad, das macht die Wahl angesichts der hohen Außentemperaturen zumindest in einigen Landesteilen überflüssig.

          Gebaut in Schanghai

          Entwickelt wurde der Phideon in China und Wolfsburg, gebaut wird er in dem mit dem lokalen Partner SAIC betriebenen Werk in der Nähe von Schanghai. Übertriebene Absatzhoffnungen machen sich die Verantwortlichen nicht, eine ordentliche fünfstellige Zahl würde sie zufriedenstellen. Das Segment taxieren sie auf 600 000 bis 700 000 Einheiten jährlich, wovon BMW 5er und Audi A 6 den Löwenanteil erringen. Dem Audi könnte der VW gefährlich werden, denn der Phideon sieht außen wie innen frischer aus.

          Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, stellt den Phideon beim Autosalon in Genf vor.
          Matthias Müller, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen, stellt den Phideon beim Autosalon in Genf vor. : Bild: dpa

          Auf die Idee, ihn als Premium-Passat nach Europa zu bringen, könnte verfallen, wer nicht genauer hinschaut. Andere Unfallnormen müssten eingehalten werden, und ohne digitales Cockpit und ein moderneres Infotainment hätte der Phideon gegen den hiesigen, mit mehr Finesse durchdachten Passat keine Chance. In China aber warten womöglich einige der 2 Millionen Passat-Kunden auf eine Aufstiegsmöglichkeit. Die könnte der Phideon sein. Oder ein SUV. Die seichten Geländewagen nämlich erleben stürmische Nachfrage, da muss VW aufpassen, nicht abgehängt zu werden.

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