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VW Bulli : Das Ding und ein Wunder der Wirtschaft

  • -Aktualisiert am

Globetrotter und Kultgefährt der Blumenkinder Bild: Volkswagen

Der VW Bulli kam vor sechzig Jahren. Er war der Motor des Wirtschaftswunders. Erinnerungen an unser Liefer- und Reisetier, jenseits der üblichen Modellhistorie, mit Bildern aus dem Leben des Busses.

          6 Min.

          Privat fuhr Vater am liebsten Porsche. Aber auch Borgward, zuvor noch Lloyd und Hansa und später Opel Kapitän und einen großen Fiat. Daneben hielt er aber immer einen Porsche. Diese Liebe hat er ebenso wenig abgelegt wie jene Verbindung zu den Fahrzeugen seiner Erwerbstätigkeit, die von manchen seiner Geschäftspartner als seltsam oder zumindest geprägt von höchster Treue betrachtet worden war. Für Vater freilich war seine Hinwendung an die kleinen Nutzfahrzeuge von Volkswagen nicht nur von geschäftlichen Interessen geprägt. Er liebte die unscheinbaren Brüder des VW Käfers ebenso, wie er diesen selbst überhaupt nicht mochte. Dass der Porsche 356, sein erstes Auto überhaupt, mit dem Käfer sehr eng verwandt war, schien ihn nicht zu stören. Wahrscheinlich hat es ihn gar nicht interessiert.

          Die Liebe zu dem Lastesel aus Wolfsburg, der später aus dem VW-Transporterwerk in Hannover kam, war eine Beziehung fürs Leben. Wenn Vater von seinem VW-Nutztier (oder später von seinen Transportern) sprach, nannte er ihn nur „das Ding“. Das Ding, sagte er gerne, das kannst du bis unter das Dach vollladen, umwerfen, wieder auf die Räder stellen, und dann fährt es weiter zu den Kunden. Diesen Vorgang hatte Vater auch insgesamt zweimal am Ausgang etwas zu rasch angegangener Kurven durchgeprobt, nicht ohne Beschädigungen für Fahrzeug und Fahrer. Aber beide waren anschließend nach einer gewissen Rekonvaleszenz wieder bereit für die nächste Tour.

          Ein Rudel von Bullis

          Nun war der Einsatz des VW Transporters in der deutschen Wirtschaft zu keiner Zeit ein ungewöhnlicher Vorgang. Der technische Ableger des Käfers lieferte praktisch und prompt die Segnungen des Wirtschaftswunders in jedes Haus. So waren die VW Lieferwagen und Transporter rasch im Rudel unterwegs und beinahe so alltäglich wie der Käfer selbst. Und mit diversen Modifikationen, Überarbeitungen und technischen Anpassungen mutierte der wohl nützlichste VW aller Zeiten über mehr als vierzig Jahre hinweg zu einem alltäglich wiederkehrenden Anblick. Praktisch, pragmatisch und mit den richtigen Eigenschaften versehen, war der VW Transporter immer und überall unterwegs. Aufregend aber war er niemals. Wenn es um den Transport von Gütern oder Menschen ging, war der schmucklose VW die erste Wahl. Doch niemand hat diesem trotz seiner massenhaften Verbreitung unauffälligen Nutztier jemals wirklich gehuldigt.

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          VW Bulli : Das Ding und ein Wunder der Wirtschaft

          Man hatte ihn, „er lief und lief und lief“ (Werbespruch von VW für den Käfer), und hin und wieder zapfte man Sprit in ihn und kippte nach einer über den Daumen gepeilten Laufleistung ein bisschen Öl in den Motor. Dann galt wieder: Klappe zu, und los zum nächsten Kunden. Der Lieferwagen von VW war das perfekte Nutztier. Anspruchslos wie ein Esel auf Sardinien. Eine Schachtel mit einem Rad in jeder seiner Ecken. Der motorisierte Helfer unter der Tarnkappe. Aber Vater hing an jedem einzelnen der zahlreichen Exemplare, die er über etliche Jahre hinweg für seine Unternehmungen entweder selbst fuhr oder von Mitarbeitern bewegen ließ. Jeder Transporter war für ihn eine mechanische Persönlichkeit. Jede Trennung war ein Schmerz.

          Der praktische Käfer

          Die Geschichte des VW Transporters begann 1947 in Wolfsburg. Damals besuchte der holländische VW-Importeur Ben Pon das Werk, und er war begeistert vom Käfer, aber enttäuscht von dessen praktischen Eigenschaften. In ein Ringbuch skizzierte der Belgier einen praktischeren Käfer, und die entsprechenden Männer bei VW schalteten so schnell, wie das damals in einem Land mit zerstörter Industrie und praktisch ohne Infrastruktur überhaupt möglich war. Schon 1949 gab es Prototypen, die Technik hatte man vom VW Käfer zur Verfügung. Und im März 1950 lief die Produktion an. Zuerst kam der Kastenwagen, ohne Fenster im Blech hinter der Fahrerkabine, dann kamen der Kombi und kurz darauf der Bus. Fertig war eine kleine Familie von Nutztieren.

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