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VSF Fahrradmanufaktur : Hochzeit in Handarbeit

  • -Aktualisiert am

Monteur Thorben Büsing bei der Hochzeit von Rahmen und Getriebe Bild: Pardey

Die Marke VSF Fahrradmanufaktur ist nicht irgendeine Manufaktur. So ist ihr Modell TX-1200 ein besonderes Fahrrad. Bei der Herstellung gehört ein erheblicher Anteil Handarbeit dazu.

          Wenn man in der allwissenden Wikipedia im Internet den Begriff Fahrradmanufaktur ansteuert, bekommt man einen Cocktail aus Teilwahrheiten, Unvollständigkeit und geradezu groteskem Blödsinn serviert. Zitat: „Unter einer Fahrradmanufaktur versteht man einen Betrieb, in dem Fahrräder oder Komponenten wie die Rahmen, Naben, Sattel und Sattelgestelle oder Laufräder in Einzelfertigung gebaut werden. Manufaktur bedeutet, dass die Produkte von Hand gefertigt werden. Im Gegensatz zu den industriell gefertigten Massenprodukten . . .“

          In diesem allenfalls als Realsatire zu begreifenden Meisterstück der Wikifizierung der Wirklichkeit findet sich neben einem Hinweis auf den nordhessischen Hersteller Langenberg, bekannt vor allem für seine Saalsporträder, auch der Name VSF Fahrradmanufaktur. Diese Marke wird bei der Cycle Union am Standort Oldenburg in Oldenburg, wo es angeblich mehr Fahrräder als die rund 160 000 Einwohner gibt, ausgesprochen industriell gefertigt.

          Zu Cycle Union gehören heute drei über den Fachhandel vertriebene Fahrradmarken: Rabeneick, Kreidler und eben VSF Fahrradmanufaktur als Sahnehäubchen. Insgesamt werden rund 125.000 Räder im Jahr an sechs Bändern gefertigt; ein Viertel davon entfällt auf die Premiummarke. Saisonal schwankend beschäftigt Cycle Union zwischen 140 und 180 Mitarbeiter. Interessant ist die Aufteilung der Montagestraßen: Ein Team fertigt zum Beispiel nur Räder der preisgünstigen Kategorie bis 600 Euro. Eine andere, und zwar eine besonders gut eingespielte Mannschaft fertigt ausschließlich Räder der Fahrradmanufaktur. Die Montage-Teams erhalten alle leistungsbezogenen Lohn nach Stückzahlen. Wer die Manufaktur-Räder montiert, tut das flott, aber unter etwas weniger Zeitdruck. Die Montagestraße ist etwa um den Faktor 1,5 langsamer getaktet als die anderen.

          Egal, wie Wikipedia sich die industrielle Fahrradherstellung vorstellt, immer gehört ein erheblicher Anteil Handarbeit dazu. In Oldenburg ist die Fertigung vom Laufradbau - teils händisches Einziehen der Speichen, teils das Werk von Automaten des Spezialisten und Weltmarktführers Holland Mechanics - und der Vormontage bis zum Verpacken des versandfertig montierten Rades durchrationalisiert. Genau das, sagt Rainer Gerdes, Leiter des Produktmanagements, sei auch die Bedingung dafür gewesen, die Marke VSF Fahrradmanufaktur nach dem Erwerb vor rund 15 Jahren wirtschaftlich weiterführen zu können. Daher gebe es auch für die Premiummarke keine Einzelplatz-Montage. Bei der ist es so, dass ein Monteur ein Rad von A bis Z aus seinen Komponenten „aufbaut“, das heißt, die vorbereiteten Einzelteile zum fertigen Fahrrad zusammenmontiert. In Oldenburg werden alle Räder von mehreren Monteuren der Teams nacheinander komplettiert.

          Umgedrehte TX-1200-Rahmen in Reih und Glied an der Montagelinie

          Ursprünglich hatte sich die VSF Fahrradmanufaktur ihr Prestige als Eigenmarke des damals noch Verbund selbstverwalteter Fahrradbetriebe (VSF) heißenden Vereins erworben. Als die Marke aus finanziellen Gründen den Inhaber wechseln musste und ausgerechnet an die Eigentümer von Prophete ging, einem im Niedrigpreissegment und beispielsweise auch mit Baumärkten als Vertriebsweg operierenden Anbieter, waren die Unkenrufe mehr als laut: Die verstünden doch einfach nicht, erstklassige Räder zu bauen, hieß es. Produktmanager Gerdes ist dagegen der Ansicht, Cycle Union habe einiges richtig gemacht mit der Premiummarke - und zwar einfach dadurch, dass nicht alles anders gemacht wurde.

          So existiert eine dreimal jährlich zusammenkommende „Modellpflegegruppe“ für die VSF Fahrradmanufaktur, in der wie in vergangenen Zeiten die Händler dem Hersteller ihre Wünsche und Ansprüche an das Programm mitteilen. 270 Händler hat die Marke, von denen 220 zu dem heute Verbund Service und Fahrrad heißenden Verein VSF gehören. Der anfänglich geäußerte Verdacht, die Marke werde von den neuen Inhabern an alle und jeden verschleudert, hat sich also nicht bewahrheitet. Gerdes: „Wir könnten unsere Stückzahlen und den Umsatz verdreifachen, wenn wir die Fahrradmanufaktur-Räder jedem Händler geben würden, der sie haben will.“

          Zu einer Premiummarke gehören natürlich auch besondere Räder: Schätzungsweise 250 Exemplare des 3400 Euro teuren TX-1200 mit dem Pinion-Getriebe werden gerade von dem Fahrradmanufaktur-Team an dem Montageband ganz rechts außen gebaut. Kernstück des Stahlrahmens, der auf dem des TX-1000 beruht, ist die Brücke im Zentrum als Aufnahme des 18-Gang-Getriebes. Eigenentwicklungen - nach Pinion-Spezifikationen - wie diese unterstützt der renommierte Rahmenbauer Dietmar Hertel.

          Das TX-1200 ist nicht nur für den Käufer, sondern auch für den Hersteller ein Prestigeobjekt. Der Einbau der Schaltbox mit Gewindeschneiden für die Schrauben und Einfädeln der Kabel, Einpassen und Fixieren mit dem Druckluftschrauber ist eine Sache von Minuten. Genauso flott vollzieht sich in mehreren Schritten die weitere Montage, Karton drüber, fertig. In der Halle neben der Fertigung warten 14.000 Fahrräder.

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