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Vor 50 Jahren : Schwedens Seitenwechsel

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Warum eigentlich? Dass das Herz links schlägt, wie Romantiker gern anführen, spricht ebenso wenig für den Linksverkehr wie der Hinweis, dass schon im alten Rom vor 2000 Jahren links gefahren wurde (angeblich, um sich so besser mit dem Schwert gegen Angreifer verteidigen zu können). Die Schweden sahen dies pragmatischer, sie befürchteten, dass die enormen Kosten einer Umstellung über Steuern auf sie abgewälzt würden. Außerdem waren sie nun mal an Linksverkehr gewöhnt, obwohl sie auch hier aus der Reihe tanzten: In Ländern wie Japan oder Großbritannien samt seiner heute unabhängigen, größtenteils im Commonwealth vertretenen Kolonien und Protektoraten wie Australien, Indien oder Südafrika fuhr man links – und das Lenkrad saß rechts. Nicht so in Schweden: Bis auf wenige Ausnahmen (zu denen Linienbusse zählten) waren alle Fahrzeuge linksgelenkt, was etwa das Einfädeln in den fließenden Verkehr oder das Überholen auf einspurigen Landstraßen durch die eingeschränkten Sichtverhältnisse riskanter machte. Und was oftmals zu Unfällen führte.

Alles ging plötzlich ganz schnell

Das Thema war also noch nicht vom Tisch. Für Bewegung in der Debatte sorgte der Nordische Rat, eine Ende 1951 von Schweden, Dänemark und Norwegen gebildete Vereinigung mit rein beratender Funktion, der sich später Finnland und Island anschlossen. Dieses Gremium empfahl Anfang 1963 nachdrücklich, den Rechtsverkehr einzuführen. Auch hier ging es um Unfälle, die sich überproportional häufig an den langen Festlandgrenzen Schwedens zu Norwegen und Finnland ereigneten – dort, wo Links- und Rechtsverkehr aufeinanderprallten.

Das zeigte Wirkung, und alles ging plötzlich ganz schnell: Schon am 10. Mai desselben Jahres beschloss der Schwedische Reichstag, diese Empfehlung für den Straßenverkehr (nicht aber für Züge und U-Bahnen) bis 1967 umzusetzen. Prompt formierte sich eine massive Gegenbewegung, nach deren Meinung das Ergebnis der Volksbefragung von 1955 nur durch eine neue Volksbefragung aufgehoben werden könne.

Die Kommission leistete ganze Arbeit

Die schwedische Regierung gab sich jedoch unbeeindruckt und setzte eine Rechtsverkehr-Kommission ein, die für die Vorbereitung dieses Vorhabens zuständig war. Zu ihrem Leiter wurde Lars Skiöld bestellt, ihr oberster Dienstherr war seit seiner Ernennung zum Verkehrsminister im Jahr 1965 Olof Palme, Schwedens späterer Ministerpräsident. Die Kommission leistete ganze Arbeit, auch mit Blick auf die Information der Bevölkerung: 130 000 sechseckige Straßenschilder wiesen auf die geplante Umstellung hin, die in Zeitungen, im Radio und im Fernsehen thematisiert wurde. So lief der mit Spannung erwartete Dagen H erstaunlich reibungslos ab, es ereigneten sich nur wenige, meist glimpfliche Unfälle.

Dass das Projekt schlussendlich statt 400 dann doch 600 Millionen Schwedenkronen kostete und die Verkehrsteilnehmer vier Jahre lang – je nach Fahrzeug – zwischen 20 und 100 Kronen jährlich berappen mussten, gehörte eben zum Spiel. Dafür sank die Zahl der Unfälle nicht nur an den Grenzen, sondern landesweit. So arrangierten sich die Schweden schnell mit dem Fahren auf der verkehrten Seite. Und ein sperriger, einst allgegenwärtiger Begriff verschwand aus dem schwedischen Wortschatz: Högertrafikomläggning.

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