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Volvo XC 90 : Porzellan im Elefantenladen

Der neue Volvo XC 90 Bild: Hersteller

Der neue Volvo XC 90 ist ein leichtfüßiger Riese mit feinen Details. Die Sicherheitsausstattung ist gewohnt wegweisend. Und der neue SUV ist mächtig teuer.

          3 Min.

          Gut Ding will Weile haben. Stimmt die Weisheit, wird der neue XC 90 ein Volltreffer. Den Vorgänger hat Volvo seit 2002 gebaut, und, obgleich er in diesen langen Jahren von Modernisierungsanfällen weitgehend verschont blieb, beachtliche 636.000 mal verkauft. Irgendwann aber nagt der Zahn der Zeit unübersehbar, Anfang 2014 war Schluss. Außerdem sind den Schweden ihre amerikanischen Eltern abhanden gekommen, die neue chinesische Familie hat eigene Pläne, und so kam es vor vier Jahren zu einem weißen Blatt Papier. Das ist eine kurze Zeit für die Entwicklung eigener Motoren, einer eigenen Plattform und einer Idee, wann die eigene Zukunft beginnen und wie sie aussehen möge.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Jetzt ist klar: Sie beginnt im Sommer, und sie sieht groß aus. Gegen den neuen, 4,95 Meter langen und 2 Meter breiten Wagen wirkt der bisher für ein mächtiges Gefährt gehaltene Vorgänger wie ein Bobby-Car. Die schlechte Nachricht: Das wird eng in Parkhäusern. Die gute: Am knackig-kleinen Lenkrad lässt sich der Zweitonner bemerkenswert leichtfüßig dirigieren, selbst in der Stadt wirkt er handlich.

          Als Erkennungszeichen schwingt der nordische Donnergott Thor seinen Hammer in den Scheinwerfern. Die Schweden verzichten auf schräge Sportlichkeit ebenso wie auf formalen Krawall. Sie stellen Wände steil und ziehen Scheiben tief, Raumgefühl und Aussicht profitieren davon. Der Komfort ist auf feinem Niveau, die Sicherheitsausstattung gewohnt wegweisend, und die Einrichtung folgt gekonnt der kühlen Kultur nordischer Noblesse.

          Den Vorgänger hat Volvo seit 2002 gebaut Bilderstrecke

          Zur üblichen Armada an Assistenten und Protektoren gesellt sich erstmalig ein System, das beim Abbiegen an Kreuzungen Unfälle mit Gegenverkehr verhindern soll, und eines, das die Passagiere in die glimpflichste Position zurrt, sollte das Auto von der Straße abfliegen. Genuss im unfallfreien Alltag liefern die offenbar erfolgreiche Abschottung von Außengeräuschen, Android-, Apple- und Wifi-Anbindung sowie eine Musikanlage mit 19 Lautsprechern. Die meisten Kommandos erfolgen über den in zwei Größen gelieferten und - ungewöhnlich - hochkant gestellten Touchscreen.

          Im puristischen Cockpit gibt es nur acht Knöpfe und feine Details: Die höchste Ausstattungsvariante hat einen Gangwählhebel aus Glas, und in allen ist auf die Gurtschnallen in Anlehnung an die Einführung des Dreipunktgurts von Volvo geprägt: „Since 1959“. Serienmäßig sind fünf Sitze untergebracht, gegen 1500 Euro Aufgeld passen deren sieben hinein, wobei der mittlere in der zweiten Reihe schmaler, aber auf Wunsch als integrierter Kindersitz ausgelegt ist. Ganz hinten ist Platz bis 1,70 Meter Körpergröße oder für bis zu 1900 Liter Gepäck. XC 90-Fans aufgepasst: Die Heckklappe ist nun einteilig.

          Weil sich eine relative kleine Firma nicht unendlich viele Motorvarianten leisten kann, ruft Volvo das Ende des Zählens von Zylindern aus. Drei oder vier turbobeatmete sollen in allen künftigen Modellen genügen. Im XC 90 kommen ausschließlich Vierzylinder mit zwei Liter Hubraum zum Einsatz, zwei Diesel (190 und 225 PS), zwei Benziner (254 und 320 PS) und ein Hybrid mit Steckdose, der etwa 40 Kilometer elektrisch fährt. Die kleineren Motoren werden serienmäßig mit Vorderradantrieb angeboten, die anderen mit Allradantrieb. Allesamt vertragen sich friedlich mit der Achtgangautomatik von Aisin.

          Wir bewegten auf einer ersten Probefahrt den Diesel, er ist und bleibt kein Sechszylinder, wirkt aber harmonisch abgeschmeckt und zeigt den Elan eines ohne Trinkgelage auskommenden Freizeitwikingers. In Deutschland sind ihm 85 Prozent Anteil zugedacht, unter der Kundschaft wird er vermutlich als genau passend angesehen. Wer mehr Dampf will, greift zum 400 PS starken Hybrid, der sich vehement ins Zeug legt und in der Realität 7 Liter über seinem Normverbrauch von 2,5 Litern (das ist kein Schreibfehler) Super liegen dürfte. Bis zu dessen Marktstart Ende des Jahres soll er kerniger klingen als das etwas heisere, uns zur Verfügung gestellte Vorserienmodell.

          50.000 XC 90 möchte Volvo noch in diesem Jahr verkaufen, worauf Entwicklungschef Peter Mertens einen edlen Tropfen verwettet hat, 4300 davon in Deutschland. Im nächsten sollen es 75.000 werden. Das wäre mehr als eine Verdreifachung zum Auslauf des Vorgängers. Neue und alte Fans müssen freilich schlucken, denn Volvo lehrt Hyperinflation in Zeiten der Nullzinspolitik. Das frische Selbstbewusstsein soll 20 Prozent höhere Preise rechtfertigen und erst jenseits von 80.000 Euro enden. 49.900 Euro kostet die Kinetic genannte Basis, die vom Designteam offenbar boykottiert wurde. Der gute Geschmack beginnt mit der Version Momentum, derzeit ab 58.430 Euro zu haben. Die ist nach 13 Jahren und einem ersten Eindruck wahrlich ein gutes Ding.

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