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Volkswagen in Amerika : Die neue Kraft der großen Marke

  • -Aktualisiert am

Ein nur als Studie existierendes Coupé Bild: Hersteller

Volkswagen will in Amerika wachsen. Die Marktentwicklung kommt den hochfliegenden Plänen der VW-Strategen entgegen. Neue Modelle und Lokalpatriotismus sollen dabei helfen. Noch ist die Kundenzufriedenheit gering, aber VW gibt sein Bestes.

          Rund zwei Jahre ist es her, dass die Volkswagen Group of America, die Vertriebsorganisation der Marke in den Vereinigten Staaten, eine wahrlich politische Entscheidung traf. Man kehrte der Autostadt Detroit, dem bisherigen Unternehmenssitz, den Rücken und siedelte nach Herndon in Virginia, nahe der Landeshauptstadt Washington, um. Hier sind die Straßen sauberer, die Gärten größer und ist die Arbeitslosenrate sehr viel niedriger als in der siechen Autometropole in Michigan, deren Einwohnerzahl sich in den vergangenen 50 Jahren zunächst aufgrund von Automatisierung und dann als Folge der Krise mehr als halbiert hat.

          In Herndon sollte der Grundstein für größere Erfolge gelegt werden. Hier werden die Geschicke der Konzernmarken VW, Audi, Bentley, Bugatti und Lamborghini für ihren Auftritt und ihren Erfolg in Amerika bestimmt. In den nächsten Jahren soll sich die aktuelle Absatzzahl von rund 200.000 Fahrzeugen jährlich verdoppeln, für 2018 peilen die Manager sogar schon ein Volumen von 800.000 Automobilen an. Zusammen mit Audi soll die Grenze von einer Million Einheiten aus dem großen Konzern übersprungen werden. Die Marke mit den vier Ringen hat zuletzt 82.700 Fahrzeuge in Amerika verkauft.

          „Das ist für Amerika äußerst wichtig“

          Ein wichtiges Instrument für den Zuwachs ist die neue Produktion in Chattanooga. Im 62. Werk von Volkswagen können 2000 Mitarbeiter in einer ersten Ausbaustufe bis zu 150.000 Autos im Jahr fertigen. „Das ist für Amerika äußerst wichtig, viele Kunden kaufen nach wie vor mit großem Lokalpatriotismus bevorzugt Autos, die auch hier gebaut werden“, sagt der Chef von VW of America, Stefan Jacoby. Der Anteil der innerhalb der amerikanischen Freihandelszone Nafta hergestellten Autos soll so von 64 Prozent (2009) schon 2013 auf gut 85 Prozent steigen. Der Anteil der Zulieferteile aus lokaler Fertigung wird im Zuge dieser Entwicklung ebenfalls steigen. Schaeffler, Bosch und andere Lieferanten haben bereits ihre Produktionsstätten in Betrieb genommen oder bauen sie gerade auf.

          Kommt im nächsten Jahr: Der neue VW für Amerika wird eine Limousine sein

          An der Modellpalette, die in den Vereinigten Staaten angeboten wird, muss VW freilich noch feilen. Zwar kommen verschiedene Baureihen und Versionen außerordentlich gut an, „vom neuen Golf GTI haben wir bereits 1200 Fahrzeuge in den Markt gebracht, und der Passat CC ist mit 24.000 Einheiten im vergangenen Jahr ein Verkaufsschlager geworden“, sagt Jacoby. Doch im Van-Segment hat VW keinen würdigen Vertreter aufzubieten. Der Sharan ist für amerikanische Ansprüche zu klein. Der T5 der Tochtergesellschaft VW-Nutzfahrzeuge gilt in den Staaten als das, was sein Hersteller im Namen führt. Deshalb wurde in Kooperation mit Chrysler der Routan auf die Straße gebracht. Der glänzt stilistisch mit ausgeprägter Unauffälligkeit und teilt sich mit dem Chrysler Voyager die Plattform. Basismotor ist ein 3,8-Liter-V6 mit 145 kW (197 PS), der im amerikanischen Messzyklus gut 12 Liter für 100 Kilometer verbraucht. Sein Konsumverhalten ist ebenso wie die mangelhafte Materialqualität Gegenstand der Kritik. Dass es auch anders geht, hat VW im vergangenen Jahr bewiesen, als der Jetta TDI zum „Green Car of the Year“ gekürt wurde. Beim Jetta Sportwagon, wie der Golf Variant in Amerika heißt, liegt der Anteil des Dieselmotors bei erstaunlichen 92 Prozent.

          „New Midsize Sedan“ wird der Wagen bislang noch geheimnisvoll genannt

          In Chattanooga soll von Anfang 2011 an ein neues Modell gefertigt werden. „New Midsize Sedan“ wird der Wagen bislang noch geheimnisvoll genannt. Er soll größer als der Jetta werden, aber billiger als ein Phaeton sein und wurde speziell für die Kunden in den Vereinigten Staaten entwickelt. Gegen die Bestseller aus Japan soll die Stufenhecklimousine dann antreten - der Toyota Camry und der Honda Accord zählen zu den meistverkauften Wagen in den Staaten abseits der immer noch über alle Maßen beliebten Pick-ups. Wie der neue VW aussehen könnte, zeigte die Studie NCC, die eben auf der Motorschau in Detroit zu sehen war. Eine fast steril gezeichnete Frontpartie und klare, kantige Linien sollen den neuen VW ebenso wie den Nachfolger des Jetta von den eher beliebigen Formen der japanischen Mittelklässlern abheben. Zum Erfolg sollen neben ihm die Neuauflage des New Beetle und eben der neue Jetta beitragen.

          Aber auch die Marktentwicklung in Amerika kommt den hochfliegenden Plänen der VW-Strategen entgegen. Stefan Jacoby erwartet bereits in diesem Jahr ein Volumen von 11 bis 11,5 Millionen Autos, die neu auf die Straßen kommen. Zwar würde der Markt nicht wieder seine alte Stärke erreichen, aber mittelfristig sei mit einem Volumen von 15 Millionen Autos zu rechnen. Und da sich die Nachfrage nach kompakten und Mittelklasse-Limousinen schneller beleben wird als in anderen Klassen, blicken Jacoby und Kollegen durchaus optimistisch in die Zukunft.

          Dass dennoch eine Menge Arbeit auf sie wartet, ist ihnen durchaus bewusst. Volkswagen liegt in Amerika in der Kundengunst bei der Qualitätsbeurteilung laut JD-Power weit abgeschlagen unterhalb des Hersteller-Durchschnitts auf Platz 15. Hinter Marken wie Chevrolet, Hyundai, Suzuki und Honda. Immerhin äußern die 580 VW-Händler in den Vereinigten Staaten große Zufriedenheit mit ihrer Marke. Und VW hat sich bei der Kundenzufriedenheit seit 2007 immerhin um beachtliche 22 Plätze nach vorn arbeiten können.

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