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Probefahrt VW ID 3 : Käfer für das Elektro-Zeitalter

  • -Aktualisiert am

VW muss dem ID 3 das Laufen erst noch lehren. Bild: Hersteller

Trotz eines stotternden Starts soll der ID 3 zum elektrischen Zugpferd für Volkswagen werden. Wer von seinem VW-Händler bislang ein fertiges Auto erwartet hat, der muss jetzt ein bisschen umdenken.

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          Er soll der Käfer für das Elektro-Zeitalter werden und die Massen auf die Electric Avenue bringen. Doch während der erste aller Volkswagen lief und lief und lief, müssen die Niedersachsen den ID 3 das Laufen erst noch lehren. Das ist offenbar schwieriger als gedacht. Denn als wäre Corona nicht schon Bremse genug, kämpft der Vorzeige-VW auch noch mit reichlich Software-Tücken. Doch jetzt sind die Bücher endlich offen: Er kann verbindlich bestellt werden, und im September beginnt die Auslieferung.

          Warten kann sich lohnen, erst recht, nachdem der reale Preis dank der Berliner Corona-Subvention eben noch mal um 3000 Euro gefallen ist. First Mover, wie VW erste Käufer neudeutsch nennt, bekommen deshalb für kaum mehr als 30.000 Euro ein Auto, das Elektromobilität alltäglich machen soll: 204 PS stark, 160 km/h schnell und mit 58 kWh Akkukapazität nach Norm für bis zu 420 Kilometer gerüstet. Später soll der Preis mit einem 45-kWh-Akku und 330 Kilometern Reichweite nach Abzug der Förderung auf etwas mehr als 20 000 Euro sinken, und wer sich elektrisch auf wirklich große Fahrt begeben will, bekommt für geschätzte 40.000 Euro 77 kWh, die bis zu 550 Kilometer ermöglichen sollen.

          Während man beim Fahren vielleicht an den Polo denkt, erinnern die Platzverhältnisse eher an den Passat. Weil die Akkus im Wagenboden verschwinden und die kleine Elektromaschine unter dem Kofferraum surrt, bleibt bei 4,26 Metern Länge viel Raum für Kind und Kegel. Vorn geht es luftig zu, hinten sitzen Erwachsene bequem, der Kofferraum ist mit 385 Litern Volumen sogar einen Hauch größer als im Golf.

          First Mover, wie VW erste Käufer neudeutsch nennt, bekommen für kaum mehr als 30.000 Euro ein Auto. Bilderstrecke

          Keinen Vergleich gibt es für das neue Bediensystem, das den vielfach als zu progressiv gescholtenen Golf VIII mit seinen vielen Sensorflächen, Slidern und Touchbars schon wieder alt aussehen lässt. Zumindest in den eigenen Reihen. Wer den Blick allerdings etwas schweifen lässt, der fühlt sich von dem radikal reduzierten Cockpit mit dem großen Touchscreen in der Mitte und dem kleinen Bildschirm samt eines ungelenk angesetzten Schaltknubbels hinter dem Lenkrad verdächtig an den BMW i3 erinnert.

          Zwar sparen die Wolfsburger nicht mit großen Worten, stellen den ID 3 in eine Reihe mit Käfer und Golf, die das Unternehmen und ihre Zeit nachhaltig geprägt haben. Doch soll der ID 3 zum Zugpferd im Wettbewerb gegen Tesla werden. Dabei wollen die Niedersachsen die Neuankömmlinge mit ihren eigenen Waffen schlagen und haben deshalb ein paar Unsitten der Amerikaner übernommen. Das gilt leider nicht nur für den ungewöhnlichen Verkaufsprozess mit kostenpflichtigen Interessensbekundungen und endlosen Vorläufen, das gekünstelte Denglisch einer auf Hochtouren drehenden Marketing-Maschine, die „Pre Booker“ zu „First Movern“ machen will, oder den kostenlosen Strom zumindest für das erste Jahr. Das gilt eben auch für das fast schon peinlich preiswerte Plastik im Innenraum und die schauerliche Materialanmutung vor allem im Fond, die so gar nicht zum einstigen Qualitätsanspruch passen will. Und das gilt letztlich auch für den Umgang mit der Software, die zum ersten Mal auf nur noch zwei zentralen Steuergeräten läuft.

          Oder eben nicht. Funktionen wie die elektronisch angereicherte Darstellung im Head-up-Display, Spiegeln von Smartphones mit Apple Car Play und Android Auto oder die Einparkautomatik bekommen die Programmierer bislang nicht in Griff. Weil Volkswagen aber die strengen CO2-Vorgaben erfüllen muss und die Autos deshalb so schnell wie möglich auf die Straße sollen, um Strafzahlungen zu vermeiden, liefert VW die Autos ohne diese Funktionen aus und verspricht eine spätere Freischaltung per Softwareupdate. Zwar streicht VW dafür die ersten drei Leasingraten und gaukelt den Kunden vor, sie könnten so noch ihre Erfahrungen und Erwartungen in die Entwicklung einfließen lassen. Und bei Tesla ist so ein Verfahren gang und gäbe. Doch wer von seinem VW-Händler bislang ein fertiges Auto erwartet hat, der muss jetzt ein bisschen umdenken.

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