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Verreisen mit Wohnmobil : Der Rastplatz als Paradies

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So leer ist der Strand bei St. Peter-Ording nur im Frühjahr und im Herbst. Übernachten im Wagen ist nicht erlaubt. Bild: Pfannmüller

Ferien ja, Pauschalurlaub nein. Kein fixer Anreisetermin, kein Bettenwechsel. Stattdessen entspannt losfahren, ohne Stress mit dem Gepäck. Das geht nur in einem Wohnmobil. Probieren wir es aus.

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          Alle Mühen des Suchens nach dem richtigen Mietmobil sind vergessen, wenn sechsjährige Kinderaugen das Monstrum vor der Haustür erspähen. Freude pur beim Entdecken von Küche und Bad, alles will auf- und wieder zugemacht werden. „Papa, was ist das? Ich will auch in eurem Bett schlafen.“ Das Abenteuer Wohnmobil-Ferien, es beginnt genau jetzt, und man richtet sich ein. Die bessere Hälfte, ebenfalls Novizin, zeigt beim Einpacken weniger Hemmungen als ohnehin; Platz ist ja auch reichlich vorhanden. Nun gut, das Ziel ist schließlich die Nordsee. Also geht es nach dem Tanken noch auf die Waage: 3480 Kilogramm, schau an.

          Das Hymermobil ML-I 580, gehobene Mittelklasse mit Mercedes-Sprinter-Fahrgestell, Turbodiesel und Automatik, darf sogar bis 4,2 Tonnen schwer sein und zusätzlich bis zu 1,7 Tonnen ziehen. Fahrer mit einer Führerscheinprüfung nach 1999 brauchten allerdings die Lastwagenlizenz C1. Nicht dass es keinen Spaß machte, die sieben Meter lange, knapp drei Meter hohe, vollintegrierte Hymer-Box zu fahren, im Gegenteil: Leer bringt es das 163 PS starke Wohnmobil locker auf 140 km/h, dann allerdings muss der lange Bremsweg eingeplant werden, trotz adaptivem ESP und Seitenwind-Assistent. Das Reisetempo ist ohnehin auf 100km/h limitiert (mehr als 3,5 Tonnen zulässiges Gesamtgewicht). Die Tochter ist im Kindersitz auf der Eckbank direkt hinter den Vordersitzen plaziert. Isofix-Befestigungen gibt es allerdings nicht, warum eigentlich? Der Zulieferer Alko hat schon ein solches System präsentiert.

          Die Vorstellung, die Besatzung könnte während der Fahrt umherlaufen, einen Kaffee kochen oder das Bad benutzen, ist naiv, das ist verboten. Im abendlichen Unfallstau dringt das schmerzlich ins Bewusstsein: Es wird dunkel, die kleine Maus quengelt und darf doch noch nicht in die Heia, was sie gar nicht versteht. Die nächstmögliche Ausfahrt nach qualvollen zwei Stunden ist eine Erlösung, der Parkplatz auf dem überfüllten Autohof das Paradies. Motor aus, Fensterabdeckungen runter, Zähne putzen und gute Nacht.

          Der Campingplatz bei St. Peter-Ording kostet je Nacht 20 Euro. Außerhalb der Hauptsaison ist es dort verhältnismäßig ruhig. Bilderstrecke

          Kaffeeduft durchströmt am Morgen die Kabine; das Hymermobil bietet Mehrzonen-Kaltschaummatratzen, gegen Aufpreis gibt es Tellerroste dazu. Entsprechend gut ausgeruht bricht die Familie auf, cruist entspannt dem noch ein paar hundert Kilometer entfernten Ziel entgegen. So viel vorweg: Es ist in Tagesfrist und noch bei Helligkeit zu schaffen, trotz obligatorischem Berufsverkehr vor dem Elbtunnel – doch werden die Eltern geloben, das ihrem Kind nie wieder anzutun. Es kann sich zwar prima selbst beschäftigen, zeichnen oder etwas essen, findet das Fahren aber auch viel schneller öde als Erwachsene.

          Gegen die Langeweile hilft das Ratespiel „Siehst du das Wohnmobil?“. Hervorragende Idee, die Autobahn ist voll davon. Die Familie sichtet alle möglichen Variationen, erkennt Gemeinsamkeiten wie Unterschiede und vermutet, dass es mehr Reisemobil- und Wohnwagenmarken als Automobilhersteller gibt. Kenner der Materie wissen, dass allein die marktdominierende Hymer-Gruppe neun Marken unter einem Dach vereint; beim Zweitplazierten Knaus-Tabbert sind es noch vier.

          Qualitativ sind alle Hersteller auf verbesserungswürdigem Niveau

          Die Serienausstattung des fahrenden Bungalows kann sich sehen lassen: Es gibt eine ergonomisch durchdachte Küche mit Dreiflammenherd, ein separates Duschbad, die gemütliche Sitzecke mit Fernseh-Vorrüstung und viele Oberlichter. Wer mehr will, muss extra zahlen: Ein gutbestückter 580 mit optionalem Allradantrieb kostet mehr als 100000 Euro, die Mietpreise beginnen in der Nebensaison mit etwa 140 Euro je Tag.

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