https://www.faz.net/-gy9-81smk

Vernetzt und ausgespäht : Das Auto als Datenstaubsauger

Ein BMW-Sprecher räumt ein, dass die Analysedaten auch zur Qualitätssicherung weiterverarbeitet würden, sie seien aber nicht personenbezogen gespeichert. Ferner könnten die Daten bei einer Unfallanalyse von Sachverständigen „personenbeziehbar“ gemacht werden, es ließen sich also Informationen jenseits von Wartung und Fehlerbeseitigung auslesen. Alle Autohersteller heben hervor, dass die Weitergabe von Daten an Ermittlungsbehörden nach einem Unfall nur auf richterliche Anordnung erfolge. Interesse an einer Auswertung der individuellen Fahr- und Verhaltensdaten haben zudem manche Arbeitgeber, Autovermieter, Leasingbanken und Versicherer angemeldet. Juristen müssen klären, ob die Daten aus dem Auto personenbezogen sind, denn ein Fahrzeug wird typischerweise von mehreren Personen gefahren.

Telematik basiert auf Daten

Bei den Online- und Telematikdiensten verweisen die deutschen Autohersteller darauf, dass sie fahrzeugbezogene Daten nur für die inhaltliche Ausgestaltung der in Anspruch genommenen Dienste erheben und speichern. Der Vorgang als solcher wird also nicht bestritten, Telematik basiert auf Daten. BMW lässt wissen, dass der Kunde vorab informiert werde und einen eigenen „Get Connected“-Vertrag unterschreiben müsse. Wer keine Datenübertragung aus seinem Fahrzeug heraus wünsche, müsse seit März vergangenen Jahres einen sogenannten „Get Disconnected“-Vertrag abschließen. Ferner würde dann auch die im Fahrzeug verbaute Sim-Karte deaktiviert, so dass keinerlei Datenübertragung vom und zum Fahrzeug möglich sei. Einwilligungsvereinbarungen beziehen sich jedoch bislang nur auf den Fahrzeughalter und nicht die jeweiligen Fahrer.

Ein Sprecher von Mercedes-Benz argumentiert ähnlich. Es gebe bei heutigen Neuwagen rund 15 bis 20 verschiedene Dienste, bei denen Daten anfielen. Der Kunde werde informiert, welche Daten warum erhoben und wie weitergegeben werden. Man könne von Fall zu Fall der Sammlung und Weitergabe von Daten widersprechen. Eine Ablehnung des Notrufdienstes E-Call, der bei einem Unfall automatisch die Rettungskräfte alarmiert, werde sogar schriftlich festgehalten.

Füllstand des Benzintanks auf dem Smartphone kontrollieren

Die Daten von Navigation und Telefonie, etwa Ziele der Routenführung oder Anruflisten, blieben bei Mercedes-Benz stets im Fahrzeug. Der Kunde könne sie selbst jederzeit löschen. Andere Telematikdienste verließen durchaus das Fahrzeug, etwa eine Online-Suchanfrage bei Google über die Mobilfunkverbindung. In diesem Fall erhalte jedoch schon Google die Daten nur anonymisiert. Denn sie liefen nicht direkt zum amerikanischen Anbieter, sondern über ein „Daimler Vehicle Backend“, und zwar mit sicherer VPN-Verbindung.

Wenn der Mercedes-Fahrer bestimmte Apps auf seinem Smartphone verwende, flössen auch dafür Daten. Mit einer App kann man beispielsweise das geparkte Auto lokalisieren oder den Füllstand des Benzintanks auf dem Smartphone kontrollieren. Es ist evident, dass solche Anwendungen ohne die entsprechenden Sensoren und Daten sowie deren Übertragung nicht funktionieren. Alle Anwendungen liefen allein über Daimler-Server, die in Deutschland stünden, erklärte ein Sprecher. Sie unterlägen der deutschen Datenschutzgesetzgebung. Eine heimliche Übertragung hinter dem Rücken des Kunden sei undenkbar.

Die deutschen Fahrzeughersteller sind ohnehin gut beraten, anfallende Daten möglichst knapp zu halten. Wenn man aus den Mobilitätsdaten aussagekräftige und beweissichere Bewegungs- und Überwachungsprofile erhalten kann, werden Polizei, Behörden und Versicherungen intensiver denn je mit den Füßen scharren. Solche Szenarien sind technisch denkbar und juristisch bisher nicht bearbeitet. Aber gewiss ist: Mit einer umfassenden automobilen Vorratsdatenspeicherung wären Neuwagen fortan unverkäuflich.

Weitere Themen

Topmeldungen

Rennen um May-Nachfolge : Der unerwartete Rivale

Sollte Boris Johnson genügend Stimmen bekommen, könnte er heute schon als Nachfolger von Theresa May feststehen. Doch Rory Stewart, der als Hoffnung der moderaten Konservativen gilt, will das verhindern.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.