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Unterwegs mit einem Pointu : Die starke Frau und das Meer

  • -Aktualisiert am

Mit ihrem Boot wagt sich Angélique Colfort allein aufs Meer zum Fischen. Bild: Gudrun Mangold

An der Côte d’Azur mit ihren gefährlichen Unterwasserfelsen arbeitet eine Fischerin mit einfachsten Mitteln wie seit alters her. Dabei vertraut sie einem Pointu, der früher typisch mediterranen Holzbarke.

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          „Gegen zwölf morgen in einer der Bars“, hatte sie gesagt, „aber es kommt aufs Wetter an!“ In der fünften Hafenkneipe ist sie anderntags tatsächlich zu finden. Angélique Colfort, braungebrannt, ist gerade hereingekommen und noch voller Energie. Sie habe Durst, sagt sie, setzt sich und bestellt ein Erfrischungsgetränk, das ihr die Wirtin im – offenbar wie immer – extragroßen Glas serviert. Ein paar kräftige Schlucke, und schon beginnt sie zu erzählen, von ihrem Boot, vom Mistral, von den Netzen. Eine Frau ohne Angst, die Nacht für Nacht mutterseelenallein mit einem alten Holzboot aufs offene Meer hinausfährt und erst morgens zurückkommt.

          Angélique Colfort ist Fischerin. Das wäre schon selten genug. In diesem Metier gibt es so gut wie keine Frauen. Doch selbst die Männer, die vor der mit ihren Unterwasserfelsen sehr gefährlichen Côte d’Azur auf Fischfang gehen, sieht man in ihren Booten meistens mindestens zu zweit. Angélique Colfort hingegen ist allein. Weil sie es so will. Bei ihrem Schiff handelt es sich um ein Pointu, einen traditionellen südfranzösischen Fischerkahn, von denen es immer weniger gibt. Im Vergleich zu modernen Booten wirkt er wie eine antike Nussschale.

          Bevor Motoren aufkamen, hatten die Fischer an der Riviera solche mit einem schlichten Lateiner-Segel ausgestattete Barken. Bei wenig Wind musste gerudert werden. Gezimmert ist ein Pointu meist aus dem Holz der Pinien, die hier wachsen. Sein stabiler Rumpf verläuft symmetrisch, und sowohl Bug als auch Heck verjüngen sich zu Spitzen – daher der Name. Der Boden des Rumpfs ist flach, so dass man das Boot leicht auf den Strand ziehen konnte. Denn die meisten modernen Häfen entlang der französischen Mittelmeerküste mit ihren zahllosen Molen und Quais sind neueren Datums.

          Sie fährt jeden Tag raus. Bilderstrecke

          Angéliques Pointu heißt „Finistère“ und ist mit seiner Länge von knapp siebeneinhalb Metern durchschnittlich groß. Die kleinsten Boote dieses Typs beginnen bei vier Metern, größere messen bis zu neun Meter. Fast zärtlich spricht die Fischerin von „l’âme du pointu“, von der Seele des Pointu, und auf Nachfrage nickt sie heftig mit dem Kopf – aber selbstverständlich hat ein Schiff eine Seele!

          Je nach Jahreszeit steht die durchtrainierte Frau morgens zwischen drei und vier Uhr auf, auch samstags und sonntags – jeden Tag, sofern kein Sturm ist und der Wellengang nicht zu hoch. Oft ist es noch Nacht, wenn sie ihren 55 PS starken Cummins-Motor anwirft und aus dem Hafen von Cavalaire-sur-Mer tuckert. Ihr Ziel: die Netze, die sie am Vortag gespannt und an Bojen befestigt hat. Um sie wiederzufinden, gibt es einen starken Scheinwerfer an Bord.

          Am Anfang, gibt sie immerhin zu, sei es schon ein bisschen unheimlich gewesen, nachts allein rauszufahren, aber mittlerweile habe sie sich daran gewöhnt. In gefährliche Situationen sei sie schon mehrmals geraten. Einmal trieb sie im starken Wind auf die Felsen zu, „ich musste fürchten, dass ich mit meinem Boot gegen die Klippen geworfen werde“. Sie kämpfte mit aller Kraft. Glücklicherweise konnte sie morgens um fünf per Telefon Freunde zu Hilfe rufen. Die Finistère wurde sicher an Land gezogen, Angélique Colfort kam mit dem Schrecken davon.

          Delphine sind freundliche Tiere

          Wenn sie auf dem Meer ist, lange bevor die Sonne aufgeht, wenn sie von da draußen aus die Vögel an Land erwachen hört, wenn sie neugierigen Besuch bekommt von Delphinen und Schwertfischen – „dann ist das ein unfassbares Glück“. Auf dem Meer allein zu sein fühle sich überwältigend an, sagt sie und hebt wie hilflos die Hände. Und dann sprudelt es schon wieder aus ihr heraus: „Delphine sind freundliche Tiere, aber eben auch wilde! Vor allem sollte man sie nicht anfassen, weil man dadurch leicht Krankheiten auf sie übertragen kann, man zerstört einen Schutzfilm, den die Tiere auf der Haut haben.“ So sei es auch bei Schildkröten und anderen Meeresbewohnern.

          „Schon immer, immer“ sei das Wasser ihr Element gewesen, sagt Angélique. Sie stamme zwar aus Lothringen, und ihre Eltern hätten rein gar nichts mit der Fischerei zu tun gehabt, aber aufgewachsen sei sie in der Champagne, direkt am großen Lac d’Orient. Pausenlos sei sie als Kind im See gewesen, „auf einem Film sieht man von mir immer nur die Füße aus dem Wasser ragen!“. Ans Mittelmeer kam sie per Zufall als junge Frau – und blieb, jobbte als Tauchlehrerin, verdingte sich als Bordpersonal auf Fähren, arbeitete als „mécanicien de marin“, als Schiffsmechanikerin. Bis sie sich entschied, das zu machen, was sie wirklich wollte: fischen.

          Wie ein Schatz werde das gehütet!

          Sie hörte von dem alten Bretonen, dessen „Finistère“ zum Verkauf stand. „Seine Augen blitzten auf, als ich ihn fragte.“ Eine Frau? Der Gedanke, ihr das Ruder zu übergeben, gefiel ihm. Sie war überrascht, immerhin gehörte er der alten Generation an. Angélique Colfort ließ dem Boot mit dem deutlich aufgemalten Baujahr „1954“ seinen bretonischen Namen.

          Nun galt es, das Metier zu lernen. Eine Schule dafür gibt es nicht. Zwar musste sie, um den Beruf ausüben zu dürfen, ein paar Tests absolvieren, aber das war reine Theorie. Um die wichtigen Dinge zu erfahren, musste die Frau sich die Sympathien der erfahrenen Kollegen erkämpfen, bis die nach und nach etwas von ihrem geheimen Wissen weitergaben. Wie ein Schatz werde das gehütet! Wann, wo, wie welche Fische am besten zu fangen sind. Was der Mistral bedeutet. Noch gefährlicher der die Côte aufwühlende Ostwind.

          Dann sind die Bojen dran

          Nach und nach habe sie begriffen, berichtet die Fischerin lächelnd. Seit sechs Jahren geht sie nun auf Fang. Ungefähr fünf Kilo fängt sie in einer Nacht, manchmal nur zwei. Zehn seien außergewöhnlich viel. Bis zu 100 Meter lässt sie ihre Netze in die Tiefe sinken. „Das Meer muss relativ ruhig sein, damit sich die Fische selbst genügend bewegen, um ins Netz zu gehen. Es ist ungefähr so wie beim Tennis aufgespannt.“ Gehalten wird es – das demonstriert sie Tage später abends im Hafen – von zwei Bojen, an denen es jeweils mit einem Seil befestigt ist. Meter für Meter zieht sie schwungvoll und dabei zählend durch ihre Hände, genau auf die gewünschte Länge. „Die Leinen müssen mit den Netzen korrespondieren“, erklärt sie.

          Fünf verschiedene habe sie, manche aus Baumwolle, manche aus Kunststoff. Es komme darauf an, was sie fangen wolle. Dann sind die Bojen dran – sichtlich Marke Eigenbau. Deren Fahnen sind zerfetzt und müssen ersetzt werden. Hergestellt ist die Bojenschar aus jeweils einer langen Bambusstange und zwei aufgesteckten Plastikkugeln. Auf denen sind vorschriftsmäßig der Name des Boots und eine Registriernummer vermerkt. Den beschwerenden Fuß bildet ein mit Zement gefüllter Topf.

          Spezialisiert ist Angélique Colfort auf die „Bouillabaisse“. Sie liefert die ganze Kollektion, die für die berühmte Fischsuppe nötig ist. Es sind sogenannte Felsenfische, die nahe den Felsen, aber nicht nur, und in nicht in allzu großer Tiefe leben. Der rarste sei der Saint Pierre, der Petersfisch, etwas häufiger der Rascasse, der Drachenkopf.

          Langusten und Seespinnen – die liebt die Meerfrau selbst am meisten – gehen ihr auch immer wieder ins Netz. Aber wenn sie ihr zu klein sind – „Wohlgemerkt mir, nicht etwa den Reglements“ –, wirft sie das Getier wieder ins Wasser. Genauso macht sie es mit allen Fischen. Ja, sicher müsse sie damit rechnen, dass die Tiere dann der Konkurrenz ins Netz gehen, aber sie jedenfalls gebe ihnen eine Chance. Les garçons, die Jungs, seien da nicht so zimperlich.

          Ein Netz wieder hochzuholen bedeutet trotz der hydraulischen Winde, die am Bug der „Finistère“ installiert ist, einen enormen Kraftaufwand. Angélique, eigentlich eine zierliche Frau, schiebt strahlend ihren Ärmel zurück und spannt einen Bizeps, der so manchen Mann erblassen ließe. „Alles, bloß nicht reinfallen!“, das sei das Wichtigste. Kollegen sei das schon passiert, es sei extrem gefährlich, weil man sich in den Netzen verheddern könne. Sie habe deshalb immer ein Messer in der Tasche. Auch das Auslösen der Fische aus den Netzen ist nicht ganz einfach: „Man kann sich leicht verletzen, viele Fische haben sehr spitze, kräftige und auch giftige Stacheln.“

          Deswegen sind die Preise nicht fix

          Hat Angélique genügend Fisch der für die Bouillabaisse benötigten Arten beisammen, ruft sie ein paar Restaurants an, die sie ein paar Stunden später dann beliefert. „Eine Garantie im Voraus gibt es nicht, das ist nicht der Supermarkt, allein das Meer und der Wind bestimmen!“ Deswegen sind auch die Preise nicht fix, es kommt immer darauf an, wie der Fang ausfällt.

          Am anderen Morgen gegen neun läuft die Fischerin mit ihrem Boot wieder in den Hafen ein. Zwei Stammkunden warten schon an dem sauberen, hellblau gekachelten Stand direkt am Liegeplatz. Ein alter Fischer hilft beim Anlegen. „Angie“ hievt ein blaues Fass aus dem Boot. Die Fühler einer Languste ragen über den Rand des halb mit Meerwasser gefüllten Behälters hinaus. Der Fang wird ausgebreitet, ein Weißfisch, ein Knurrhahn, ein Seeteufel sind darunter, auch ein halber Schwertfisch von einem Kollegen. Inzwischen stehen schon fünf Leute Schlange. Der dritte Kunde kann kaum glauben, dass die Languste noch zu haben ist. Sorgsam legt Angélique die Fühler des lebenden Tiers zurück auf seinen Körper, packt es in ein nasses Tuch und empfiehlt, es in den Eisschrank zu tun. Der Rest geht im Akkord – schuppen, ausnehmen, Steaks vom Schwertfisch sägen, schuppen, ausnehmen. Noch keine halb elf, und die Fischerin ist – wie immer – ausverkauft.

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