https://www.faz.net/-gy9-9dxtq

Unterwegs mit einem Pointu : Die starke Frau und das Meer

  • -Aktualisiert am

Mit ihrem Boot wagt sich Angélique Colfort allein aufs Meer zum Fischen. Bild: Gudrun Mangold

An der Côte d’Azur mit ihren gefährlichen Unterwasserfelsen arbeitet eine Fischerin mit einfachsten Mitteln wie seit alters her. Dabei vertraut sie einem Pointu, der früher typisch mediterranen Holzbarke.

          5 Min.

          „Gegen zwölf morgen in einer der Bars“, hatte sie gesagt, „aber es kommt aufs Wetter an!“ In der fünften Hafenkneipe ist sie anderntags tatsächlich zu finden. Angélique Colfort, braungebrannt, ist gerade hereingekommen und noch voller Energie. Sie habe Durst, sagt sie, setzt sich und bestellt ein Erfrischungsgetränk, das ihr die Wirtin im – offenbar wie immer – extragroßen Glas serviert. Ein paar kräftige Schlucke, und schon beginnt sie zu erzählen, von ihrem Boot, vom Mistral, von den Netzen. Eine Frau ohne Angst, die Nacht für Nacht mutterseelenallein mit einem alten Holzboot aufs offene Meer hinausfährt und erst morgens zurückkommt.

          Angélique Colfort ist Fischerin. Das wäre schon selten genug. In diesem Metier gibt es so gut wie keine Frauen. Doch selbst die Männer, die vor der mit ihren Unterwasserfelsen sehr gefährlichen Côte d’Azur auf Fischfang gehen, sieht man in ihren Booten meistens mindestens zu zweit. Angélique Colfort hingegen ist allein. Weil sie es so will. Bei ihrem Schiff handelt es sich um ein Pointu, einen traditionellen südfranzösischen Fischerkahn, von denen es immer weniger gibt. Im Vergleich zu modernen Booten wirkt er wie eine antike Nussschale.

          Bevor Motoren aufkamen, hatten die Fischer an der Riviera solche mit einem schlichten Lateiner-Segel ausgestattete Barken. Bei wenig Wind musste gerudert werden. Gezimmert ist ein Pointu meist aus dem Holz der Pinien, die hier wachsen. Sein stabiler Rumpf verläuft symmetrisch, und sowohl Bug als auch Heck verjüngen sich zu Spitzen – daher der Name. Der Boden des Rumpfs ist flach, so dass man das Boot leicht auf den Strand ziehen konnte. Denn die meisten modernen Häfen entlang der französischen Mittelmeerküste mit ihren zahllosen Molen und Quais sind neueren Datums.

          Sie fährt jeden Tag raus. Bilderstrecke

          Angéliques Pointu heißt „Finistère“ und ist mit seiner Länge von knapp siebeneinhalb Metern durchschnittlich groß. Die kleinsten Boote dieses Typs beginnen bei vier Metern, größere messen bis zu neun Meter. Fast zärtlich spricht die Fischerin von „l’âme du pointu“, von der Seele des Pointu, und auf Nachfrage nickt sie heftig mit dem Kopf – aber selbstverständlich hat ein Schiff eine Seele!

          Je nach Jahreszeit steht die durchtrainierte Frau morgens zwischen drei und vier Uhr auf, auch samstags und sonntags – jeden Tag, sofern kein Sturm ist und der Wellengang nicht zu hoch. Oft ist es noch Nacht, wenn sie ihren 55 PS starken Cummins-Motor anwirft und aus dem Hafen von Cavalaire-sur-Mer tuckert. Ihr Ziel: die Netze, die sie am Vortag gespannt und an Bojen befestigt hat. Um sie wiederzufinden, gibt es einen starken Scheinwerfer an Bord.

          Am Anfang, gibt sie immerhin zu, sei es schon ein bisschen unheimlich gewesen, nachts allein rauszufahren, aber mittlerweile habe sie sich daran gewöhnt. In gefährliche Situationen sei sie schon mehrmals geraten. Einmal trieb sie im starken Wind auf die Felsen zu, „ich musste fürchten, dass ich mit meinem Boot gegen die Klippen geworfen werde“. Sie kämpfte mit aller Kraft. Glücklicherweise konnte sie morgens um fünf per Telefon Freunde zu Hilfe rufen. Die Finistère wurde sicher an Land gezogen, Angélique Colfort kam mit dem Schrecken davon.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Einschusslöcher an der Tür der Synagoge in Halle zeugen von dem Versuch von Stephan B., sich gewaltsam Zugang zu verschaffen.

          Nach Anschlag in Halle : Zwei junge Männer aus Mönchengladbach im Visier

          Zwei Männer, 26 und 28 Jahre alt, sollen das „Manifest“ des Rechtsextremisten Stephan B. kurz nach dem Terroranschlag im Internet verbreitet haben. Gegen sie wird nun wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.