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Unimog : 60 Jahre und kein bisschen müde

  • -Aktualisiert am

Der Unimog 1600 als Rechtslenker in Schottland Bild: Daimler

Der Unimog ist ein „Universal-Motorgerät“, also einer für alle Fälle. Aus dem ersten Modell ist eine ganze Produktfamilie allradgetriebener Nutzfahrzeuge entstanden. Rund 70 Prozent aller Unimogs sollen heute noch im Einsatz sein.

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          Oldtimer? Von wegen! Der Klassiker mit Allradantrieb hat zwar schon weit über 40 Jahre auf dem Blech. Aber er arbeitet noch jede Rieslingsaison in den Steilhängen über Nierstein am Rhein, wo auf dem Rotliegenden feine Weine gedeihen. Der betagte Unimog im Alltagseinsatz beim Winzer ist keine Seltenheit. Denn das Universal-Motorgerät, so lautet der volle Name, ist ein zäher Geselle, der dem Alter genauso stur zu trotzen pflegt wie schwierigem Untergrund. Rund 70 Prozent aller jemals produzierten Unimogs der verschiedenen Baureihen sollen denn auch heute noch im Einsatz sein, wobei allerdings immer mehr historische Exemplare in die pflegenden Hände von Sammlern gelangen.

          Vater der Unimog-Idee war Albert Friedrich, ehemals Chefkonstrukteur für Flugzeugmotoren bei der Daimler-Benz AG. Er stieß kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen mit Heinrich Rößler und Hans Zabel die Entwicklung der handlichen und vielseitigen Zugmaschine für Acker, Straße und Baustelle an. Arbeit, so sahen es die Entwickler, gab es schließlich genug: Die Landwirtschaft lag am Boden, Deutschland war von Kriegszerstörungen geprägt. Und wenn die Vision des Morgenthauplans verwirklicht würde, aus Deutschland einen Agrarstaat zu machen, brauchte das Land den Unimog sowieso. Den Bedarf erkannte auch die amerikanische Besatzungsverwaltung und erteilte Friedrich bereits am 20. November 1945 die „Production Order“ für zehn seriennahe Prototypen des späteren Unimogs.

          In Schwäbisch Gmünd entstand 1946 ein Unikat

          Entwickelt wurde der Prototyp in der Gold- und Silberwarenfabrik Erhard & Söhne in Schwäbisch Gmünd. Hier entstand 1946 ein Unikat, das dem späteren Serienmodell des vierradgetriebenen Universal-Motor-Geräts schon sehr nahe kam. Bei den Erprobungsfahrten Ende 1947 auf schlammigen Äckern und gefrorenen Pisten werkelte noch ein Benzinmotor unter der Haube, für die Serie versprach Mercedes-Benz, den neuentwickelten Dieselmotor des Typ 170 D zu liefern.

          Der Unimog U 400 aus dem Jahr 2000

          Der Unimog stieß zu Anfang auf Vorbehalte gerade in der Landwirtschaft, weil sich das Konzept stark von herkömmlichen Schleppern unterschied. Doch das änderte sich durch Vorführungen und auch mit der Präsentation 1948 auf der ersten Deutschen Landwirtschaftsausstellung nach dem Krieg. Vier gleich große Räder an Portalachsen und Allradantrieb mit Differenzialsperren sorgten für hervorragende Geländeeigenschaften. Zapfwellen und Anbaumöglichkeiten für Geräte machten den Wagen zum vielseitigen Helfer in Wald, Forst, Kommunaldienst und Industrie, die Fahrgeschwindigkeit von 50 km/h auf der Straße schließlich prädestinierte ihn als Zugmaschine.

          Insgesamt entstanden rund 600 Unimogs bei Boehringer

          Für die Entwicklungsarbeit waren Erhard & Söhne die richtigen Partner gewesen, aber die Serienproduktion verlangte größere Anlagen. Friedrich und seine Mitstreiter begeisterten die Göppinger Maschinenbaufabrik Boehringer für das Projekt, wo 1948 die Serienfertigung des Unimog begann und im Frühjahr 1949 die ersten Fahrzeuge mit dem Ochsenkopf als Markenzeichen ausgeliefert wurden. Insgesamt entstanden rund 600 Unimogs bei Boehringer, dann übernahm im Herbst 1950 Daimler-Benz die Produktion und siedelte den Unimogbau im Werk Gaggenau an. Von hier aus startete der Alleskönner endgültig eine Karriere, die ihn in die ganze Welt führte. Aus dem kantigen Urmodell mit seinem 25 PS starken Dieselmotor entwickelte Mercedes-Benz ein ganzes Fahrzeugsystem: Neben die Baureihe 401 trat 1953 die Baureihe 402 mit langem Radstand. 1955 ergänzte der Unimog S (Baureihe 404) das Programm. Dieser extrem geländegängige Lastwagen wurde bis 1980 vor allem für den Militäreinsatz gebaut, setzte sich aber auch in anderen Anwendungsbereichen durch. Die mittelschwere Baureihe 406 kam im Jahr 1963 dazu, schließlich erschien 1974 die erste schwere Baureihe 425. Dieser Verteilung entsprechen heute die drei Baureihen U 20 (dieser kleinste und jüngste Unimog wird seit 2007 gebaut), 405 (mit U 300, U 400 und U 500, seit 2000) sowie 437.4 (mit U 3000, U 4000 und U 5000, seit 2002).

          Der Unimog hat sich von seinen Wurzeln als Agrargerät und Militärlaster längst etabliert. Als Feuerwehrauto und Rallye-Wagen, im Dienst der Straßenwacht und als Zwei-Wege-Fahrzeug von Bahnbetrieben, als Geräteträger und Triebkopf von geländegängigen Spezialfahrzeugen: Der bullige Allradler schreibt 60 Jahre nach seiner Marktpremiere die Erfolgsgeschichte mit Namen Unimog fort. Sonderformen wie der von Brabus gestaltete U 500 Black Edition unterstreichen die emotionale Beziehung der Liebhaber zu diesem charakterstarken Arbeitsgerät.

          Dokumentiert ist die Biographie des Universal-Motor-Geräts, das seit 1953 den Mercedes-Stern am Kühler trägt, in zahlreichen Büchern. Zuletzt erschien „Das neue große Unimog-Buch“ von Lars Döhmann und Jost Niemeier im Heel-Verlag (220 Seiten, 39,90 Euro). Gebaut wird der Unimog seit 2002 in Wörth. Am alten Werksstandort in Gaggenau ist er dennoch weiter präsent. Denn hier erzählt das 2006 eröffnete Unimog-Museum seine außergewöhnliche Geschichte mit zahlreichen Exponaten.

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