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Stadtverkehr : Wie viel Fahrrad darf’s denn sein?

  • -Aktualisiert am

Radfahrer in Frankfurt Bild: Stefanie Silber

Gesund, kostengünstig und umweltfreundlich. Aber bis das Radfahren Spaß macht, muss noch viel passieren.

          Reisen bildet, heißt es so schön. Und ja, es stimmt. Alle, die während der Ferien im benachbarten Ausland unterwegs waren, dürften lehrreiche Eindrücke mit nach Hause genommen haben. Länder mit intaktem Schienenverkehr? Es gibt sie. Straßen müssen nicht in einem so desolaten Zustand sein wie daheim. Es besteht auch kein Zwang, Böschungen als Müllhalde zu benutzen und Rastplätze in hygienische Notstandsgebiete zu verwandeln. Man kann sich im Auto in einem entspannt gleitenden Fahrstil einrichten und trotzdem flott vorankommen.

          Jedes Mal aufs Neue tut es weh, wenn auf der Heimreise, beispielsweise aus Richtung Holland, auf der Autobahn nach dem Grenzübergang das Geholper beginnt. In den Niederlanden wird dem Besucher auch drastisch vor Augen geführt, wie rückständig Deutschland hinsichtlich des Fahrradverkehrs ist. Aus hiesiger Sicht erscheinen die Gegebenheiten dort, als bewegte man sich im Paradies des Fahrradfahrens: gepflegtes Netz breiter Wege, weitgehend getrennt vom sonstigen Verkehr, vorbildliche Ausstattung mit Wegweisern, Abstellplätze überall. Man braucht in Holland weder Ortskenntnis noch Navigationsgerät, um von A über B und C nach D zu radeln, ohne sich zu verfahren. Das Ganze hat System. Jede Kreuzung, jeder Abzweig ist numeriert. Auf dem Radweg parkende Fahrzeuge? Eher tritt das Königshaus ab.

          Derlei zeugt von einer Radfahr-Mentalität, die Politiker hierzulande angesichts grotesker Verstopfung der Städte und der neuen Umwelt-Aufmüpfigkeit der jungen Generation herbeizupredigen versuchen – ohne auch nur annähernd die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Wie auch? Die Versäumnisse von Jahrzehnten sind nicht so rasch aufzuholen. Er könne das Fahrradfahren nur jedem empfehlen, sagte dieser Tage der Düsseldorfer Oberbürgermeister auf einer Radfahr-PR-Tour durch seine Stadt. „Es ist gesund, umweltfreundlich, kostengünstig und macht Spaß.“ Weithin allerdings ist es nach wie vor mühsam, riskant und nicht besonders gesund, wenn man einen Lastwagen vor sich hat, der schwarzen Husten ausstößt. Verhältnisse wie in den Niederlanden animieren zu einem stressfreien, gesitteten Radfahren, im Gegensatz zum Rotlicht-Harakiri und Kampfstrampeln um Hindernisse herum, wie es in hiesigen Städten oft zu beobachten ist.

          Alltagstauglich trotz all der widrigen Umstände

          In Deutschland sind Radfahrer Mitwirkende eines Experiments, bei dem die Benutzer unterschiedlichster Verkehrsmittel auf engem Raum aufeinander losgelassen werden, neuerdings bereichert durch Elektro-Stehroller. Deren Verwendung als Funsportgerät auf Straßen und Radwegen wurde im naiven Glauben genehmigt, die kippeligen Dinger könnten einen Beitrag leisten zur Lösung von Verkehrs- und Platzproblemen in den Städten. Zwar hat sich herausgestellt, dass sie nur neue schaffen, doch hat ihre Anwesenheit für Radfahrer vielleicht auch ein Gutes: Im Unterschied zum E-Scooter wird das Fahrrad wieder verstärkt als das seriöse Verkehrsmittel wahrgenommen, was es zweifellos ist, dazu alltagstauglich trotz all der widrigen Umstände, mit denen es zurechtkommen muss.

          Auf einen schweren Fall von Ahnungslosigkeit lässt der Vorschlag des Frankfurter Verkehrsdezernenten schließen, die zugelassene Höchstgeschwindigkeit der E-Scooter von 20 auf 15 Kilometer in der Stunde zu reduzieren, um sie dem Fahrradtempo anzupassen. In Wirklichkeit sind sie nicht zu schnell, sondern stellen für fix bewegte Fahrräder eher ein Hemmnis dar. Ohnehin ist das Geschehen auf schmalen Radwegen oder -streifen schon ein sehr unharmonisches; die Zügigen kommen an den Zuckelnden nicht vorbei, ohne in den motorisierten Verkehr auszuscheren, und alle müssen auf die Mobiltelefon-Schlafwandler achtgeben.

          Aber es gibt Zeichen der Umkehr, und sie sind erfreulich. Nicht mehr täglich wird man als Radfahrer fast über den Haufen gefahren, sondern nur noch alle drei Tage. Wer schon viele Jahre das Fahrrad im Alltag nutzt, früher besonders im Winterhalbjahr als Einziger weit und breit, bemerkt: Die Stimmung dreht. Man fühlt sich nicht mehr als störende Randerscheinung, dazu sind es mittlerweile viel zu viele, und es werden immer mehr. Das macht den Autofahrern zu schaffen, aber dennoch verbessert sich allem Anschein nach das Miteinander deutlich in Richtung Rücksichtnahme. Radstreifen werden dort markiert, wo früher keine waren. Das ist oft lediglich Stückwerk, aber immerhin. In Deutschland sind Radfahrer für Kleinigkeiten dankbar.

          Am falschen Platz

          Dankbarkeit wäre auch die Folge, wenn endlich konsequent gegen all die Warnblinklicht-Parker vorgegangen würde, die sich das Recht nehmen, Rad- und Fußwege zu blockieren. Ob dafür die Bußgelder erhöht werden müssen, wie vom Verkehrsministerium angeregt, sei dahingestellt. Es wäre schon hilfreich, wenn Ordnungshüter einfach nur kontrollierten und Verstöße ahndeten, anstatt demonstrativ wegzusehen.

          Kleine Fortschritte lassen sich leicht erzielen. Größere wären wohl nur durch eine grundlegende Umverteilung des Platzes in unseren Städten zu erreichen, auf Kosten des Autoverkehrs. Wären wir dazu wirklich bereit? Wie weit würden wir gehen?

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

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