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Türkischer TÜV : Ganz neue Erfahrungen am Bosporus

  • -Aktualisiert am

Unter-Suchung: In der Türkei wird jetzt genau hingesehen Bild: Peter Thomas

Neue Erfahrungen für türkische Autofahrer: Seit vergangenem Monat müssen alle Kraftfahrzeuge zwingend zum TÜV. Nach deutschem Vorbild wird ein Prüfsystem für Kraftfahrzeuge aufgebaut. Der TÜV bekommt ein Monopol für zwanzig Jahre.

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          Leise Zweifel im Blick, nervöse Finger streichen den prächtigen Schnauzbart: Der Besitzer des 19 Jahre alten Renault beobachtet mit Anspannung, wie die Mitarbeiter der TÜV-Station Catalca in Istanbul sein Auto unter die Lupe nehmen. Die Plakette steckt griffbereit auf dem Klemmbrett von Prüfer Mujdat Kizilyar – ob er sie nachher auf das vordere Kennzeichen kleben wird, ist aber noch offen. Der Fahrer der französischen Limousine hat einige Schweißperlen auf der Stirn. Das gehört in der Türkei offenbar genauso zur Fahrzeuguntersuchung wie in Deutschland.

          Neue Erfahrungen für türkische Autofahrer. Denn erst seit vergangenem Monat müssen alle Kraftfahrzeuge zwingend zum TÜV. Und das ist in diesem Fall ganz wörtlich gemeint. Denn die Fahrzeuguntersuchungen führt ausschließlich der privatwirtschaftliche TÜV TURK aus, gegründet vom Münchener TÜV Süd zusammen mit den türkischen Unternehmen Dogus und Akfen. Im Februar 2009 wurde der Aufbau der landesweit 189 Prüfstationen und 81 mobilen Prüfstellen abgeschlossen, damit sind nun die Stationen der staatlichen Vorgängerbehörde nach einer Übergangszeit von anderthalb Jahren flächendeckend geschlossen.

          Technische Untersuchung nach dem in Deutschland geltenden Prüfstandard

          Eine Alternative zur Prüfung bei TÜV TURK gibt es für türkische Autofahrer nicht mehr. Mindestens zwanzig Jahre lang wird dies auch so bleiben. Denn so lange gilt das Prüfmonopol des TÜV für alle Fahrzeuge vom Traktor bis zum Schwerlastwagen. Das sind für den Technischen Überwachungsverein traumhafte Bedingungen im Vergleich zu Deutschland, wo der TÜV mit zahlreichen Prüforganisationen um die technische Abnahme (amtlicher Begriff: Hauptuntersuchung) konkurriert.

          Der Weg zur Plakette ist mit dem Aufbau der neuen Organisation für die türkischen Autofahrer deutlich schwieriger geworden als bisher. Wurde bisher eigentlich nur geprüft, ob Fahrzeugdokumente und Fahrgestellnummer übereinstimmen, wird jetzt eine technische Untersuchung nach dem auch in Deutschland geltenden Prüfstandard 96/96 EG ausgeführt.

          Immerhin kostet die zweite Überprüfung keine Gebühr

          Noch werde das Prüfergebnis zwar nicht so streng bewertet wie in der Bundesrepublik, sagt Thomas Aubel, Mitglied in der Geschäftsführung der TÜV Süd Auto GmbH. Aber bei sicherheitsgefährdenden Mängeln werde die Plakette ohne Ausnahme verweigert. Auf diese Weise soll die Verkehrssicherheit in der Türkei schnell und deutlich verbessert werden. In den kommenden Jahren wird der Maßstab der Prüfungen außerdem sukzessive an den deutschen Standard angepasst, wie Aubel mitteilt. Der Ingenieur war während der Aufbauphase Projektleiter des TÜV TURK, im Februar hat Bernhard Horak diese Aufgabe übernommen.

          Die neuen Maßstäbe bekommt auch der Renault-Fahrer nach dem abschließenden Lichttest zu spüren: Der silberfarbene R 9 ist für sein Alter und die Strapazen des Stadtverkehrs von Istanbul auf den ersten Blick noch gut im Schuss, die früher übliche Prüfung mit optionaler Sichtkontrolle hätte er wahrscheinlich ohne Schwierigkeiten gemeistert. Doch die Mängelliste des angehenden Youngtimers erweist sich dennoch als zu lang, wie ihm Mujdat Kizilyar zu verstehen gibt: Unter anderem muss der Frontscheinwerfer links erneuert werden, die Batterie sitzt lose, und ein Vorderreifen ist beschädigt. An diesem Tag gibt es also keine TÜV-Plakette, der Wagen muss in den nächsten vier Wochen noch einmal vorgeführt werden. Immerhin kostet die zweite Überprüfung keine Gebühr.

          Bei gut 1,7 Millionen Prüfungen sind 37 Prozent der Fahrzeuge durchgefallen

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