https://www.faz.net/-gy9-9by

Truck-Grand-Prix auf dem Nürburgring : Karacho statt Kriechspur

  • -Aktualisiert am

Ausgebremst: Die Curbs sind kein Hindernis, Trucksport ist Kontaktsport Bild:

„Trucksport ist Kontaktsport“: Am Freitag beginnt der 26. Truck-Grand-Prix auf dem Nürburgring. Das spektakuläre Festival lockt dabei mehr Besucher als die Formel 1.

          4 Min.

          12,8 Liter Hubraum, 1140 PS, 6200 Newtonmeter und von 0 auf 100 km/h in 2,8 Sekunden – beim Autoquartett hätte Markus Oestreich mit seinem Dienstwagen beste Karten. Nur wenn es ums Image geht, hat er ein Problem. Denn Oestreich sitzt weder in einem Sportwagen noch einer Luxuslimousine. Sondern er ist Lastwagenfahrer. Allerdings steuert der Endvierziger aus Fulda keinen gewöhnlichen Lastwagen. Und er kriecht auch nicht auf der rechten Spur der Autobahn durch halb Europa. Während sich seine Berufskollegen den Groll der Autonation aufhalsen, sitzen die Autofahrer bei dem PS-Profi zu Hunderttausenden auf der Tribüne und jubeln. Denn Oestreich ist Rennfahrer und einer der Favoriten beim europäischen Truck-Grand-Prix, der am kommenden Wochenende am Nürburgring Station macht.

          Mit einem konventionellen Lastwagen hat sein Koloss nur noch die Silhouette und den Namen gemein. „Zwar dürfen wir laut Reglement nur Serienteile verwenden, doch ein bisschen Spielraum haben wir schon“, sagt Oestreichs Teamchef Mario Kress, der den Renault Premium zum Expressfrachter umgebaut hat: In der Serie zum Beispiel leistet der Reihensechszylinder maximal 500 PS und kommt höchstens auf 2400 Nm. Im Rennen dagegen kann Oestreich beim Kickdown etwa die zweieinhalbfache Kraft entfesseln. Kein Wunder, dass der Goliath bei Vollgas davonstürmt wie der wütende Büffel, den Teamsponsor Meritor überall auf das Fahrerhaus geklebt hat. Einen DTM-Rennwagen zum Beispiel würde sein Racetruck locker stehenlassen, sagt Oestreich und nennt noch einmal die fabelhafte Sprintzeit von 2,8 Sekunden.

          Nur zum Vergleich: Selbst der neue Lamborghini Aventador – nicht einmal ein Drittel so schwer und mit zwölf Zylindern, 6,5 Liter Hubraum und 700 PS auch nicht gerade schmächtig – braucht für diese Disziplin eine Zehntelsekunde länger. Lediglich bei der Höchstgeschwindigkeit sieht Oestreich vergleichsweise blass aus. Zwar können normale Trucker von seinem Tempo nur träumen. Doch weil die meisten Rennstrecken für die kolossalen Kraftmeier eigentlich viel zu eng und zu schmal sind, ist die Höchstgeschwindigkeit auf 162 km/h limitiert.

          Eng und funktional: Das Lastwagen-Cockpit
          Eng und funktional: Das Lastwagen-Cockpit :

          Zwei Meter über dem Asphalt

          Ausgereizt sei der Motor damit aber noch nicht, sagt Konstrukteur Kress, den sie nach einem runden Dutzend Meistertiteln im Truckracing so verehren wie Ross Brawn in der Formel 1: „Ohne die elektronische Begrenzung würden wir sicher um die 230 km/h schaffen. Und wenn wir den vom Reglement vorgeschriebenen Luftmassenbegrenzer ausbauen dürften, wären bis zu 1700 PS und damit bis zu 270 km/h drin.“

          Wie man diese Leistung unter Kontrolle kriegen soll, kann man sich nur schwer vorstellen. Schon jetzt hat Oestreich ganz offensichtlich seine liebe Mühe, das Ungetüm auf Kurs zu halten. Fast sechs Tonnen Stahl, 6,10 Meter lang und 2,62 Meter hoch, entwickeln in den engen Kehren des Kurses ihre ganz eigene Dynamik. Und die Sitzposition über und vor der gelenkten Achse machte die Sache nicht einfacher, sagt Oestreich: Er hat nicht nur das offene Lenkgestänge zwischen den Beinen, sondern muss sich auch ganz gehörig umstellen, wenn er mit dem schwarzen Büffel durch die Kurven driftet. „Anfangs habe ich gar nicht richtig gespürt, wenn der Wagen hinten quer kam, weil das alles so weit weg war“, plaudert er über seine Jungfernfahrt vor fast 20 Jahren. Auf elektrische Helfer kann er sich dabei nicht verlassen. Und hoch oben im Cockpit, fast zwei Meter über dem Asphalt, sieht eine Rennstrecke plötzlich ganz anders aus. Ein Gefühl für die Straße? Den besten Blick für die Ideallinie? Eine zuverlässige Rückmeldung von den Reifen? Was sich im normalen Rennwagen beinahe von selbst einstellt, ist beim Truck-Racing vor allem eine Frage des Trainings.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Einzelzimmer in einem Krankenhaus in Stralsund

          F.A.Z. Exklusiv : Private Krankenversicherungen werden deutlich teurer

          Um 8,1 Prozent steigen die Beiträge für die Private Krankenversicherung im kommenden Jahr an. Das liegt unter anderem an höheren Kosten für Ärzte, Krankenhäuser und Arzneimittel. Der Verband versucht, die Erhöhung zu relativieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.