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Triumph Rocket III Roadster : Machtschlappen statt Schlappmachen

Leben auf großem Fuß: Niemand legt sich mit der Rocket an, es sei denn, er hat keine Ahnung Bild: Hersteller

Aber warum hast du einen so dicken Reifen? Damit ich dich besser plattmachen kann! Märchenhaft ist das Drehmoment der Rocket III Roadster von Triumph. Und nicht nur das Drehmoment.

          Das letzte vergleichbare Knieschlottern liegt schon viele Jahre zurück. Das war damals, als im Frankfurter Zoo der Zaun des Nashorngeheges umgefallen war. Die grauen Ungetüme stürmten durch den Tierpark, dass der Boden bebte, und „Bernhard“, das größte, furchterregendste von ihnen, mit gesenktem Horn direkt auf den Autor zu.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Was tun? Das Einzige, was in solch einem Moment hilft, ist es, „buh!“ zu rufen und mit dem Fuß aufzustampfen. So geschah es, das Tier erschrak seinerseits und erstarrte, so dass sich die Gelegenheit ergab, ihm die Spitze des Zeigefingers zwischen die Augen zu legen und es in sein Gehege zurückzuführen.

          Nun steht vor einem die Triumph Rocket III Roadster. 370 Kilogramm Muskeln und Eisen, Hubraum wie kein anderes Serienmotorrad auf der Welt, Blick wie Bernhard und ein wirklich langer Radstand. Überquert man auf der Coventry Road von Hinckley den Ashby-Kanal, erreicht ihr Vorderrad das neue Ufer genau in dem Moment, in dem das Hinterrad mit seinem walzenartigen 240er Reifen das alte verlässt. Es gibt kein Schlappmachen, signalisiert dieser Machtschlappen.

          Alles ist eine Nummer größer und maskuliner

          Das Schlimme, äh, Schöne an der neuen Rocket III ist nämlich, dass nun immer das volle Drehmoment zur Verfügung steht. Bisher wurde in den Gängen eins bis drei des Fünfganggetriebes elektronisch abgeregelt. Das war im Grunde eine vernünftige Sache, wenn man bedenkt, dass das Drehmoment schon im Standgas ungeheuerlich ist und laut Datenblatt bei 2750 Umdrehungen der Kurbelwelle exorbitante 221 Newtonmeter erreicht und somit etwa das Doppelte von dem, was viele andere, als stark geltende Motorräder mitbringen. „Na“, rief ein Harley-Fahrer beim Ausrollen vor der roten Ampel mit Kennerblick auf die neue Rocket herüber, „dann reiß mal den Asphalt aus der Straße!“

          Die dritte Gewalt: Mit 2,3 Liter Hubraum katapultiert sich die Triumph an die Spitze des Powercruiser-Segments Bilderstrecke

          Von Eingeweihten wird dem britischen Brocken hohe Achtung entgegengebracht, jetzt mehr denn je. Wenn schon Rocket, dann richtig, mag man sich in Hinckley gedacht haben. Passend zur Maßnahme des uneingeschränkten Öffnens der Drehmomentschleusen, wurde zum Modelljahr 2013 das Design deutlich in Richtung Dunkel verändert, durch Verminderung des Chromanteils nämlich. Die Gehäuse der markentypischen Zwillingsscheinwerfer, die Luftfilter- und Kühlerabdeckungen, die Sensorringe des ABS-Systems sind jetzt schwarz. Blickt man von oben auf die Maschine, fallen die herrlich angeberischen Rallyestreifen ins Auge.

          Beeindruckender noch ist der Blick auf die rechte Fahrzeugseite, wo der einmalige Dreizylinder-Reihenmotor mit 2294 Kubikzentimeter Hubraum und nominell 148 PS (109 kW bei 5750/min), längs eingebaut, seine Abgase über ein Trio von Chromröhren zu den ebenso glänzenden Schloten links und rechts des Hinterrads leitet. Alles - abgesehen vom recht mickrigen Soziuspolster - ist eine Nummer größer und maskuliner an diesem Roadster, die mächtige Kardanwelle, der Riesenkühler, das 24-Liter-Spritfass, das Lenkergeweih. Und trotzdem gibt es noch vereinzelt Fälle, in denen er unterschätzt wird. Da war zum Beispiel der 911er mit Krawallauspuff, der an der Ampel mit überheblichem Grinsen um einen Beschleunigungsvergleich nachsuchte, dann aber nicht so recht von der Stelle kam im Vergleich zur Rocket, obschon deren Drosselklappen dabei gerade einmal zur Hälfte geöffnet wurden. Halbe Öffnung reicht, dass einem hinterher die Knie zittern.

          Man überholt mit einem Zucken der rechten Hand

          Die Rocket III galoppiert los wie ein Supersportmotorrad, nur lässiger und ohne die Gefahr eines steigenden Vorderrads. Überhaupt hat Triumph es hinbekommen, dass die Gewalten gut beherrschbar sind. Die Kraft des Dreizylinders lässt sich einwandfrei dosieren. Wer behutsam agiert, verhindert, dass all die Drehmomentmassen in einem Tumult über ihn herfallen wie ein Rudel Wölfe und das Motorrad ihm unterm Gesäß wegfährt. Wer jedoch energisch am relativ schwergängigen Gasgriff dreht, lässt es erbarmungslos qualmen.

          Weil einem das immer so den Puls in die Höhe jagt und die Arme langzieht, gewöhnt man sich alsbald das genussvolle Cruisen an. Schaltfaul-souveränes Dahinreiten ist die eigentliche Stärke des Roadsters, das hat etwas von Surfen auf der perfekten Welle. Handlich ist die Rocket keineswegs, ihr breiter Schlappen sträubt sich gegen Schräglage, sorgt beim Überfahren von Asphaltverwerfungen und Rinnen im Belag mit ungeplanten Richtungsänderungen für Überraschungen. Um das Motorrad durch den Bogen zu führen, muss Druck ausgeübt werden. Macht aber Spaß.

          Ergibt sich die Notwendigkeit des Überholens, ist das mit einem Zucken der rechten Hand erledigt. Die Arbeitsauffassung der Bremsanlage ist beeindruckend, die Sitzhaltung entspannt, aber ungeeignet für dauerhaft hohes Tempo auf der Autobahn. Ab 140 km/h liegt der Fahrtwind schwer auf der Brust. Die Höchstgeschwindigkeit ist laut Zulassung auf 193 km/h begrenzt. So weit haben wir es nicht kommen lassen. Unser Kraftstoffverbrauch - im Durchschnitt 7,2 bis 9,0 Liter auf 100 Kilometer - war dennoch haarsträubend. Überdurchschnittlich dürfte auch der Reifenverschleiß ausfallen. Das Privileg, ein solch außergewöhnliches Motorrad zu bewegen, hat seinen Preis.

          Dagegen erscheinen die Anschaffungskosten von 17.390 Euro angesichts der Exklusivität und piekfeinen Machart der Rocket III nicht übertrieben, sondern fair und ehrlich. Und wenn die Nashörner nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

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