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Triumph Street-Modelle : Im Gentleman-Modus über Street und Stein

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Triumph hat der zweiten Street-Twin-Generation ein paar PS mehr spendiert. Gleiches gilt für das Schwestermodell Street Scrambler. Beide funktionieren noch deutlich besser als zuvor.

          So viel Irritation war selten wie im Dezember 2015 in Valencia: Der englische Motorradhersteller Triumph präsentierte mit der Street Twin das erste Modell seiner neu aufgesetzten Klassik-Baureihe, verriet aber zunächst die Motorleistung nicht. Die Journalisten aus aller Herren Ländern sollten erst einmal vorurteilsfrei eine Runde drehen, bevor sie sich ihre Meinung über den neu entwickelten 900-Kubik-Reihenzweizylinder bildeten. Die Engländer waren überzeugt vom bulligen Charakter ihres Triebwerks, hatten jedoch offensichtlich Angst vor einem Verriss wegen vermeintlichen Leistungsmangels. 40 kW (55 PS) standen in den Papieren, wie der Hersteller schließlich herausrückte, in der Tat ungewöhnlich wenig für eine ausgewachsene, 215 Kilo wiegende Neunhunderter.

          Im Gegensatz zu manchem schreibenden Tester juckte das viele Kunden nicht. Die Street Twin entwickelte sich im Laufe der vergangenen drei Jahre zum am meisten verkauften Modell der Modern-Classics-Familie. 17.500 Stück wurden abgesetzt, rund 1050 davon fanden den Weg nach Deutschland. Dennoch hat Triumph nun nachgelegt und der zweiten Street-Twin-Generation zehn Pferdestärken mehr spendiert, obendrein diverse Verbesserungen im Detail. Gleiches gilt übrigens für das 2017 erstmals vorgestellte Schwestermodell Street Scrambler. Und siehe da: Beide funktionieren noch deutlich besser als zuvor.

          Besonders beliebt waren die Street Sisters wegen ihrer Zugänglichkeit. Ausreichend Kraft bei niedrigen und mittleren Drehzahlen, eine niemanden überfordernde Leistung, moderate Sitzhöhe und einfache Handhabung wurden von Frauen wie Männern geschätzt. Trotz der jetzt erfolgten achtzehnprozentigen Leistungsspritze gilt all das auch künftig uneingeschränkt. Hinzu kommen: besser dosierbare Bremsen vom Branchenprimus Brembo, eine feiner ansprechende Vorderradgabel, im Falle der Twin die zwei Fahrmodi Rain und Road (bei der Scrambler zusätzlich Offroad), welche auch das Ansprechen der Traktionskontrolle und die Regelung des neuerdings von Conti bezogenen ABS beeinflussen. Beim Ziehen des Kupplungshebels, schon bisher weiß Gott kein Kraftakt, fühlt man sich nun wie Schwarzeneggers Zwilling.

          Wirkt handfester, kerniger und unkomplizierter

          Auch wenn die in Basisausstattung 9300 Euro kostende Street Twin und die mindestens 1600 Euro teurere Street Scrambler engstens verwandt sind, so offenbaren sie beim Fahren doch beträchtliche Unterschiede. Die 169 km/h schnelle Street Twin mit vier Zentimeter niedrigerer Sitzbank sowie 5,5 Zentimeter schmalerem und deutlich tiefer montiertem Lenker ist für kleiner gewachsene Personen wie auch sehr gelenkige Größere geeignet. Die mit Enduro-Straßenreifen (Metzeler Tourance Next) bereifte, mit 163 km/h angegebene Scrambler-Schwester wirkt handfester, kerniger und beim engagierten Fahren wegen der aufrechteren Sitzposition unkomplizierter. Trotz identischer Leistung ist man deshalb mit ihr auf Landstraßen flotter, ohne aber in Versuchung zu geraten, das Messer auszuklappen.

          Wer auf der sanften, nie zu Hektik auffordernden und deshalb bestens in die heutige Zeit passenden Street Twin als Gentleman daherrollt, wird diesen Status auf der Scrambler ebenfalls pflegen. Allerdings kann die auch anders, ist mit ihrem Fahrwerk, dem drehfreudigen Motor, Scheibenbremsen vorne und hinten machen etwas breitbandiger, vielseitiger. Vermissen lassen beide Versionen einen automatisch rückstellenden Blinker, obwohl Triumph diese Technik in anderen Modellen einsetzt.

          Und obgleich Triumph je Modell jeweils an die 150 Zubehöroptionen sowie drei Zubehörpakete, „Inspiration Kits“ genannt, offeriert, bleibt für Touring-Enthusiasten der Wunsch nach einem großvolumigen Gepäcksystem unerfüllt; logischerweise ist der hochgelegte, wunderschöne Auspuff der 220 Kilo wiegenden Scrambler eine zusätzliche Hürde. Eine einzelne, linksseitig montierte Gepäcktasche hilft trotz der enorm hohen Zuladung von 223 Kilogramm nicht wirklich und ist zudem nicht nach jedermanns Geschmack. Während die Street Twin auf Alugussrädern des Formats 18 (vorn) und 17 Zoll rollt, bewältigt die dezent grobstollig auftretende Scrambler mit ihren 19 und 17 Zoll messenden Stahlspeichenrädern auch leichtes Gelände lässig. Beim Fahren im Stehen jedoch stört auf Dauer der viel Platz beanspruchende Auspuff.

          Viele andere Dinge sind erfreulich gelöst: Dazu zählen die Lenkerschalter, die Übersichtlichkeit des Bordcomputers, die Winkelventile der Reifen, die sehr wertig gestalteten Spiegel mit guter Sicht nach hinten. Ganz besonders gefällt neben der piekfeinen Verarbeitung der Sound des Reihenwins. Der bollert sonor, ohne jemals den Fahrer oder die Umwelt zu nerven. Ja, es ist alles besser geworden an den neuen Street Sisters. Die nun gebotenen 65 PS erfreuen auch anspruchsvolle Ladys und Gentlemen. Start your engines.

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