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Trike von Harley-Davidson : Au dreia

Die CVO Tri Glide sieht von vorn aus wie ein Motorrad von Harley-Davidson ... Bild: Hersteller

Wir hatten eine Verabredung mit der Teuersten aller Harleys. Doch am Tag vor unserer geplanten Proberunde kam ein Kollege aus Indien vom rechten Weg ab.

          4 Min.

          Das derzeit teuerste Motorrad von Harley-Davidson – hat drei Räder. Es ist also genaugenommen gar kein Motorrad, sondern ein Trike. Beziehungsweise ein Motorrad für all jene, die nicht Motorrad fahren wollen oder können oder dürfen. Es fällt nicht um, es fährt aufrecht durch die Kurve, es heißt CVO Tri Glide und kostet 53.495 Euro zuzüglich 1260 Euro Transport- und Aufbaupauschale, summa summarum 54.755 Euro.

          Walter Wille

          Redaktion „Technik und Motor“

          Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte bietet Harley-Davidson ein CVO-Sondermodell eines Trikes an. Bisher waren das immer nur Einspurfahrzeuge, seit dem Jahr 1999, als das Unternehmen die Custom Vehicle Operations in Dienst stellte. CVO nennt sich die Spezialeinheit, die Jahr für Jahr besonders aufwendig gestaltete, oft rasch ausverkaufte Maschinen in streng limitierter Auflage fertigt. Räumlich vom Rest der Produktion getrennt, montieren in den Harley-Werken speziell geschulte Mitarbeiter etwa zwei Motorräder am Tag. Jeweils eine Person ist für ein Fahrzeug verantwortlich, das an fünf Arbeitsstationen entsteht und nicht an 15 bis 25 Stationen wie im Fall der gewöhnlichen Modelle.

          Vom Rest des Programms heben sich CVO-Versionen durch besonders mehrfarbige Effekt-Lackierungen, durch Materialien, technische Weiterentwicklungen und Finessen in der Ausstattung ab, die mit Zeitverzögerung manchmal den Weg ins Serienportfolio finden. Diesmal ist das beispielsweise eine Kurvenlichtfunktion im Scheinwerfer. Stets werden ausschließlich die CVO vom hubraumstärksten Motor angetrieben, den die Amerikaner zu bieten haben. 2020 ist das der 1923 Kubikzentimeter große Milwaukee-Eight 117 mit Vierventilköpfen, Doppelzündung, „High-Performance-Nockenwelle und Screamin’-Eagle-Luftfilter, der etwas mehr als hundert Pferdestärken sowie je nach Modell ein Drehmoment von rund 170 Nm lockermacht. Zum Modelljahr 2020 rollen der Supertourer FLHTKSE CVO Limited für 43.155 Euro, der Hot-Rod-Bagger FLHXSE CVO Street Glide für 40 555 Euro und ebendie CVO Tri Glide. Die teuerste Harley hat auch den längsten Modellcode von allen: FLHTCUTGSE.

          ... und wirkt von hinten mit dem dritten Rad etwas adipös. Bilderstrecke

          Wem beim Anblick spontan ein Kentaur – vorne Mensch, hinten Pferd – in den Sinn kommt, der liegt nicht ganz falsch. Um ein Mischwesen handelt es sich auch bei der FLHTCUTGSE, die in einer limitierten Auflage produziert wird. Vorne bis zum Sattel eindeutig ein Motorrad im Stil eines Harley-Tourers mit Batwing-Verkleidung, hinter dem Sattel ein ausuferndes Hinterteil mit 215er Reifen an der Starrachse. In Deutschland erlaubt das Straßenverkehrsreglement, dergleichen mit dem Autoführerschein zu bewegen. Nicht aber in Amerika. Dort wird die Motorradlizenz verlangt. Dennoch sind Dreirädrige dort viel beliebter als hierzulande.

          In den Vereinigten Staaten rangieren Trikes unter den Top 10 der meistverkauften Harleys. Dort mischen sich deren Fahrerinnen und Fahrer wie selbstverständlich unter die Motorräder, ohne das Gefühl zu haben, sich genieren zu müssen, weil sie sich ein Motorrad vielleicht nicht (mehr) zutrauen. In Deutschland scheinen echte „Biker“ beim Anblick eines Trikes zu verkrampfen und sich schwerzutun, ein Dreirad als Teil ihrer Welt zu akzeptieren.

          Sollte die CVO Tri Glide, selten, wie sie ist, irgendwann irgendwo mal auftauchen, wird sie Eindruck hinterlassen. Das pompöseste Trike seit der Antike wird in zwei Farbkompositionen angeboten. Eine davon heißt „Blizzard White Pearl with Lightning Silver & Stormcloud“, die andere „Black Stardust with Magnetic Gray & Wicked Red“. Man hat also die Wahl zwischen Weiß und Schwarz. Die Weiße zeichnet sich durch Tomahawk-Räder mit „Gray Contrast Cut und Applikationen in Bright Chrome“ aus. Die Schwarze hat Tomahawk-Räder mit „Gloss Black Contrast Cut“. Feinheiten, die zählen.

          Navi und Farbbildschirm weisen den Weg

          Zwischen den Tomahawk-Hinterrädern findet sich ein 125-Liter-Stauraum mit Funkfernentriegelung und Innenbeleuchtung, darüber noch ein 65-Liter-Topcase und obendrauf ein Gepäckträger. Für Boston–San Diego reicht das ebenso wie für den Ritt von Neapel zum Nordkap. Navi und Farbbildschirm weisen den Weg. Die Lenkerarmaturen sind beleuchtet, Griffe und Sitze beheizbar, Rückenlehnen vorhanden, Das „Boom! Box GTS Infotainmentsystem“ tönt mit 300 Watt aus vier Lautsprechern, ein kabelloses Headset zählt zum Lieferumfang, „H-D Connect“ vernetzt Trike und Smartphone. Der elektrisch betriebene Rückwärtsgang verhindert, dass die Besatzung mit ihrem 580-Kilo-Trumm strandet, das gekürzte Frontschutzblech gewährt „einen freien Blick auf das Custom-Vorderrad“. Pedale, Fahrer- und Beifahrertrittbretter sowie die Schalldämpferendkappen entstammen der „Kahuna-Kollektion“, wie Harley-Davidson hervorhebt.

          Etwas Besonderes ist in jedem Fall der Motor vom Typ Milwaukee-Eight 117, mit 117 Kubikzoll Hubraum – 1923 Kubikzentimeter – das mächtigste ab Werk verbaute Triebwerk der Amerikaner. 168 Newtonmeter setzt es frei, schon bei 3500 Umdrehungen. Die Spitzenleistung beträgt laut Datenblatt 109 PS (80 kW) bei 5450/min, das ruhige Bollern treibt keine Bürgerinitiative auf die Barrikaden. Angetrieben werden beide Hinterräder, die Übertragung der Kraft erfolgt über Zahnriemen und Differential. Die Verwaltung der Kraft wird durch Harley-Davidsons auch in den Touring-Zweirädern neu eingeführtes RDRS-System vereinfacht: Kombi-Bremssystem, Kurven-ABS und Traktionskontrolle sind hier speziell aufs Dreirad ausgelegt.

          Und wie fährt sich das? Von früheren Versuchen mit Harley-Trikes wissen wir: Sperrig. Unhandlich. Gewöhnungsbedürftig. Für Schräglagen liebende Motorradfahrer auf der Höhe ihrer Schaffenskraft keine Option. Man legt sich nicht mit dem Fahrzeug in die Kurve, sondern nur mit dem Oberkörper. Verglichen mit der Eleganz des Dahingleitens auf einem Zweirad ist es ein Gewürge. Abbiegen bedeutet einen ausholenden Kraftakt am Lenker, wobei darauf zu achten ist, mit dem Heck nicht irgendwo hängen zu bleiben. Andererseits zählt aber nur dies: Das Trike gibt manch einem die Möglichkeit, dabei zu sein, statt zu Hause zu bleiben, weiterhin mit den Freunden auf Tour zu gehen, beim Harley-Treffen die Parade mitzufahren, statt nur vom Straßenrand aus zuzuschauen. Im Fall der CVO Tri Glide können wir leider keine Fahreindrücke schildern. Am Tag vor unserer geplanten Proberunde kam ein Kollege aus Indien vom rechten Weg ab, nutzte die Testmaschine für Rodungsarbeiten und schlug eine 50 Meter lange, 54.755 Euro teure Schneise ins Unterholz. Merke: Auch mit einem Trike muss man umgehen können. Der Inder kam zum Glück glimpflich davon.

          In der Beurteilung kommt es auf den Blickwinkel an. Aus Sicht des Motorradfahrers: Na ja. Aus der Perspektive des Autofahrers: Lässig! 600 Kilo ohne Umfallgefahr! Stabil, gar nicht mal so unhandlich. Und beinahe so komfortabel wie ein gut ausgestattetes Audi A4 Cabriolet, das man etwa zum gleichen Preis bekäme, das aber weder Kahuna-Pedale noch Dreifach-Zierlinien zu bieten hat und schon gar keinen freien Blick aufs Custom-Vorderrad.

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