https://www.faz.net/-gy9-z6g2

Tragschrauber : Kein Hubschrauber und kein Flugzeug

  • -Aktualisiert am

Die Fluggeräte mit Rotor und dem Propeller am Heck ähneln der fliegenden Wanne aus dem Bond-Streifen „Man lebt nur zweimal“. 40 Jahre später begegnet man diesen Konstruktionen in wachsender Zahl auf Sportflugplätzen.

          Tragschrauber, oft auch Autogiro oder Gyrocopter genannt, ähneln auf den ersten Blick einem Helikopter, technisch gesehen sind sie aber Zwitter aus Hubschrauber und Flugzeug. Der große Rotor wird zwar nur durch den Fahrtwind angetrieben, dennoch hebt er das Gerät empor – wenn der kleine Propeller im Heck hinter dem Passagierabteil das Luftgefährt vorantreibt.

          Vom Prinzip her ist das alles nicht neu, schon am 3. Januar 1923 – vor fast genau 86 Jahren – absolvierte der Spanier Juan de la Cierva den ersten Flug mit seinem krude zusammengeschusterten Drehflügler. Fünf Jahre später kaufte der amerikanische Flugzeug-Enthusiast Harold Pitcairn von Cierva einen verbesserten Nachfolgetyp und war so angetan davon, dass er 1929 die „Pitcairn-Cierva Autogiro Company“ gründete. Seine lizenzgefertigten Tragschrauber verkauften sich prächtig, und 1931 flog die berühmte Pilotin Amelia Earhart einen Pitcairn-Tragschrauber auf die Rekordhöhe von 5615 Meter.

          Immer öfter heben sie von deutschen Sportflugpätzen ab

          Im Zweiten Weltkrieg meldete das Militär Interesse an. So baute der deutsche Flugzeughersteller Focke-Wulf den Tragschrauber Focke-Achgelis Fa 330 „Bachstelze“. An einer Leine befestigt, wurde das unmotorisierte Gerät hinter U-Booten hergeschleppt und diente als fliegender Ausguck. 115 Stück wurden gebaut. Nach dem Krieg wurde es ruhig um die Tragschrauber. Denn inzwischen hatten sich Hubschrauber als weitaus vielseitigere, wenn auch extrem teure Fluggeräte etabliert. Die Möglichkeit, mit einem Hubschrauber über dem Boden stillzustehen, hatte den Ausschlag gegeben. Mit Tragschraubern ist das prinzipbedingt nicht möglich, da der Antrieb des Rotors durch die Relativbewegung des Fluggeräts gegenüber der ruhenden Umgebungsluft erfolgt.

          Der zweisitzige Xenon-Tragschrauber gilt als Ultraleichtflugzeug und ist günstig zu unterhalten

          Da aber Anschaffung und Unterhalt eines Tragschraubers wegen der vereinfachten Rotorkonstruktion jeweils nur ungefähr zehn Prozent der Kosten eines Hubschraubers ausmachen, sind solche Nachteile für Hobbypiloten verschmerzbar. Immer öfter heben sie von deutschen Sportflugpätzen mit Gyrocoptern ab. Zum Preis eines gebrauchten Porsche 911 kann man mit diesen Sportgeräten eine schnelle Runde über dem Rhein fliegen oder über verstopfte Autobahnen hinweg zum Geschäftstermin nach Stuttgart eilen. Die Wartungskosten sind niedrig, vergleichbar mit denen eines Motorrads.

          Handfeste Vorteile gegenüber Starrflüglern

          Auch Behörden müssen sparen, und so prüft derzeit die Polizei von Brandenburg, ob Tragschrauber für Zwecke der Luftaufklärung und Dokumentation einsetzbar sind. Das Innenministerium hat schon grünes Licht für eine zügige Indienststellung gegeben, allerdings gibt es Widerstand von der Polizei-Gewerkschaft.

          Tragschrauber sind dem Vernehmen nach äußerst sichere Fluggeräte, mängelfreie Konstruktion und ausreichende Wartung vorausgesetzt. Gegenüber Starrflüglern haben sie handfeste Vorteile: Sie benötigen nur minimale Startstrecken von 50 bis 100 Meter, die Landung kann auf fünf bis zehn Meter gelingen. Außerdem ist langsames Fliegen (30 km/h sind die Untergrenze) möglich. Eine einmotorige Cessna stürzt unter Umständen schon bei 120 km/h ab, sofern die Strömung abreißt. Bei Ausfall des Motors kann ein Tragschrauber im Regelfall mittels Autorotation noch sicher gelandet werden.

          Das Fliegen ist sehr gewöhnungsbedürftig

          Flieger mit empfindlichem Magen freuen sich über den prinzipbedingten Wegfall des „Durchsackens“ bei Turbulenzen. Auch böiger Seitenwind, der den Piloten einer Cessna zum Durchstarten zwingt, beeinträchtigt in keiner Weise die sichere und kontrollierte Landung in einem Tragschrauber. Der kann auch nicht durch Überziehen oder einseitigen Strömungsabriss (Trudeln) außer Kontrolle geraten, was die beiden häufigsten Absturzursachen bei Flächenflugzeugen sind. Allerdings muss der Pilot eines Tragschraubers dafür Sorge tragen, dass der Rotor vom Fahrtwind stets von unten angeströmt wird. Trifft der Fahrtwind aufgrund grober Steuerfehler von oben auf die Rotorblätter, würde deren Umlaufgeschwindigkeit innerhalb von Sekunden unter einen kritischen Wert sinken und zum sicheren Absturz führen.

          Der kleine Tragschrauberboom in Deutschland begann vor gut fünf Jahren mit der Vorstellung des „MT 03“ durch den Hildesheimer Hersteller AutoGyro. Bei diesem offenen Fluggerät sitzen Pilot und Passagier hintereinander. Ein MT 03 wird immer mit Helm und Thermobekleidung geflogen. Um diesem hinderlichen Zustand abzuhelfen, plant der Marktführer die Einführung einer geschlossenen Version namens Calidus, die dann auch für Winterbetrieb geeignet ist. Die Preise für solch ein Fluggerät beginnen bei knapp 50.000 Euro. Das Fliegen ist aber sehr gewöhnungsbedürftig, weil man im Freien sitzt. Man kann sich wegen des Lärms nur über Kopfhörer unterhalten.

          Wer nur mitfliegen will, zahlt etwa 100 Euro je Stunde

          Norbert Braun, Geschäftsführer beim Aerolightcenter Müritz und Repräsentant des Unternehmens Celier Aviation, ist schon einen Schritt weiter. Im vergangenen Sommer hat er die Deutschland-Zertifizierung für den zweisitzigen Xenon abgeschlossen. Braun verkauft den geschlossenen Tragschrauber zu Preisen von 49.900 Euro an. Im angeschlossenen Flugzentrum Rechlin an der Müritz kann die vorgeschriebene Ausbildung zum UL-Tragschrauberpiloten absolviert werden. Dies ist bisher die einzige Möglichkeit, einen Tragschrauber zu fliegen, eine andere Zulassung (UL steht für Ultraleicht) ist in Deutschland nicht möglich. Der geforderte Flugschein dafür kostet rund 5200 Euro, wer schon einen (Privat-)Pilotenschein hat, muss mit rund 3500 Euro rechnen. Wer einfach nur mitfliegen will, zahlt etwa 100 Euro je Stunde.

          Für (Klein-)Flugzeugpiloten ist das Fliegen in einem Xenon-Tragschrauber eine besondere Erfahrung. Hat man in der lichtdurchfluteten Kabine Platz genommen, weicht die anfängliche Scheu sehr schnell einem Gefühl des Vertrauens. Alles wirkt durchdacht und sorgfältig konstruiert. Das beheizbare Cockpit suggeriert Geborgenheit und Sicherheit. In den Kontursitzen sitzt man aufrecht und bequem. Die Innenraumbreite von 1,25 Meter (25 Zentimeter mehr als bei einer Cessna 172) lässt keinerlei Platzangst aufkommen. Die wenigen Instrumente sind übersichtlich in einem Geräteträger auf der Mittelkonsole angeordnet. Hinter den Sitzen ist Platz für kleines Gepäck und einen Laptop. Unsere Xenon wurde von einem Rotax-Motor mit 74 kW (100 PS) angetrieben, es werden auch stärkere Motorversionen mit 85 und 90 kW (115/122 PS) angeboten.

          In der Hobbyfliegerei allerbeste Chancen auf eine weite Verbreitung

          In der Luft fühlt sich der Xenon wendig und agil an und überzeugt mit guter Steigleistung. Die Steuerimpulse über Knüppel und Pedale werden sauber und nahezu verzögerungsfrei umgesetzt. Die fliegerische Umgewöhnung fällt relativ leicht. Die einwandfreie Beherrschung des Fluggeräts erfordert dennoch eine fundierte Zusatzausbildung. Auffällig ist die Ruhe im Cockpit bei Reisegeschwindigkeiten um 150 km/h. Die Unterhaltung zwischen Pilot und Passagier ist immer noch ohne die sonst obligatorischen Kopfhörer möglich. Ungewohnt ist die Lage des Kraftstofftanks hinter den Sitzlehnen. Aufgrund der typbedingten Beschränkung des Abfluggewichts auf 450 Kilogramm ist die Tankkapazität auf 26 Liter limitiert. Aufgrund einer geplanten Änderung der Vorschriften könnten es aber schon bald 70 Liter sein. Bei einem Verbrauch von 15 bis 17 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer wären dann 400 Kilometer Flugstrecke möglich.

          Zurzeit liefert das Herstellerwerk in der Nähe von Warschau jeden Monat neun Maschinen aus. Auch eine größere, dreisitzige Version des Xenon ist lieferbar, für den deutschen Markt ist dieser Tragschrauber aber nicht zulassungsfähig. Wie es scheint, haben Tragschrauber in der Hobbyfliegerei allerbeste Chancen auf eine weite Verbreitung. Vor allem der kostengünstige Betrieb und die im Vergleich geringen Einstandskosten sprechen für diese Art Fluggerät.

          Weitere Themen

          Eine ingeniöse Meisterleistung Video-Seite öffnen

          F.A.Z.-Fahrbericht Audi e-tron : Eine ingeniöse Meisterleistung

          Das erste Voll-Elektro-Auto der Vier-Ringe-Marke ist nur vordergründig eine Vernunft-Entscheidung gegen Abgase und für bessere Luft. Denn mit 80.000€ schlägt ein Preis zu buche, der eine ingeniöse Meisterleistung verspricht, die es zu Erfüllen gilt.

          Das Darknet - Ort der Kriminalität? Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : Das Darknet - Ort der Kriminalität?

          Die internationalen Polizeibehörden haben ein Pädophilen-Netzwerk zerschlagen, das im Darknet operierte. Diesen dunklen Bereich des Internets nutzen Menschen, die verborgen unterwegs sein wollen. Dazu gehören neben Schwerkriminellen auch Whistleblower und Regimekritiker, die Zensur umgehen wollen.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Martin Benninghoff

          FAZ.NET-Sprinter : Grüne auf der Main-Stage

          Nach ihrem Wahlerfolg auf europäischer Bühne stimmen die Grünen Siegesgesänge an. Bei der SPD stellt sich nach dem nächsten Debakel die Frontfrau-Frage. Was heute sonst noch wichtig ist, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.