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Riesenbagger : Monstrum mit Herz und Hirn

Der Bagger wird das Erz über Jahre ohne Unterbrechung transportieren. Bild: Christoph Hein

Thyssen-Krupp baut in Australien das größte Schienenfahrzeug der Welt. Der RC03 soll China pro Stunde mit 20.000 Tonnen Erz versorgen.

          3 Min.

          Schweißnähte sind öde. Echte Ingenieure aber vermögen ein fast erotisches Verhältnis zu ihnen zu entwickeln. So auch Zoran Matijevic. Sein Blick geht in die Höhe, wandert über die mattgrün lackierte Trägerkonstruktion, verklärt sich: „Solche Schweißnähte, die finden Sie nirgends. So was können nur ganz wenige Firmen“, sagt der promovierte Ingenieur, ein Kanadier, der in deutschen Diensten in Australien arbeitet. Der Fünfundvierzigjährige verantwortet den Bau des größten Schienenfahrzeugs der Welt in Westaustralien. Auf dem staatlichen Australian Marine Complex (AMC) wächst unter einer riesigen Halle ein Monstrum heran, das der Ingenieur stolz „unser Baby“ nennt: „Wir sind für jedes Teil voll verantwortlich“, sagt der Projektleiter von Thyssen-Krupp Industrial Solutions (TK) in Perth, der Bergbau-Hauptstadt der Welt.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Auftraggeber für den Riesenbagger ist der führende Bodenschatzkonzern, die australische BHP. „Wir werden ihn in unserer Erzgrube South Flank einsetzen“, sagt Simon Thomas, der das Minen-Projekt im Wert von mehr als drei Milliarden Euro für die Australier leitet. Von 2021 an soll es in der Wüste der Pilbara, fast zwei Flugstunden nördlich von Perth, zu einer der größten Erzminen der Welt heranreifen. 2500 Arbeiter schaffen die Infrastruktur rund um das Camp Mulla-Mulla. „Alles, was wir hier einsetzen, ist riesig“, sagt Thomas.

          Dem kann Gustav de Wet nur zustimmen: „Die größte Herausforderung war schlicht die Größe“, sagt der Technikchef von TK in Australien. „Wir treiben die Grenzen bis ins Extreme.“ Der Riesenbagger, ein sogenannter Reclaimer, wird 20.000 Tonnen Erz transportieren – so viel, wie ein ausgewachsener Eisbrecher wiegt. Und das Stunde für Stunde, über Jahre, ohne Unterbrechung. „Da kommen unglaubliche Kräfte auf. Zumal wir davon ausgehen müssen, dass der Betreiber die Grenzen im Dauerbetrieb ausloten oder sogar überschreiten wird“, schätzt de Wet. Bislang lag der Rekord eines Erzbaggers bei 16.000 Tonnen stündlich. 4000 Tonnen mehr in der Stunde aber sind für die Konstrukteure Welten. „Für so einen Sprung brauchten wir Jahre der Erfahrung. Irgendwo haben alle Bauteile ihre Belastungsgrenze. Insbesondere unter ständiger Bewegung, wie Rütteln. Die Kräfte, die da aufkommen, können fast alles zerreißen.“ Deshalb legten die Ingenieure von TK den Riesenbagger auf Überlasten aus – 28.000 Tonnen stündlich könnte „RC03“ bewegen.

          „Die größte Herausforderung war schlicht die Größe“, sagt der Technikchef von TK in Australien. Bilderstrecke
          Riesenbagger : Monstrum mit Herz und Hirn

          Um Risiken so weit wie möglich auszuschließen, ließen sie ein zweites Modell außerhalb des Hauses entwickeln. So konnten man das Design prüfen. Zudem seien die Herausforderungen im Bergbauland Australien höher als in Deutschland, sagt der Thyssen-Mann: „Alles muss hier rund 20 Prozent stärker sein als vom Kunden verlangt.“ Dies sei einer der Gründe gewesen, warum die Deutschen den Bagger vor Ort bauten, in einer Miethalle zwischen Kriegsschiffen der australischen Marine, die repariert werden. Bei AMC setzen rund 70 Arbeiter die zum ganz überwiegenden Teil aus Australien gelieferten Einzelteile zu Modulen zusammen. Zum Lieferumfang gehören zwei Absetzer, die das Eisenerz in Lagerplätze aufhäufen, sowie der Rücklader, der das Erz für den Schienentransport nach Port Hedland in Eisenbahnwaggons schaufelt – von dort geht es dann per Schiff nach China.

          Unterstützung haben die Konstrukteure in Australien von Thyssen-Fachleuten, die von Südafrika bis Vietnam an ihren Computern sitzen. „Unsere größte Herausforderung bleibt es, den Informationsfluss richtig zu steuern, auch über Zeitzonen hinweg“, sagt Bauleiter Anthony Squire. Das Volumen des 150-Millionen-Euro-Vorhabens haucht dem Hünen aus Südafrika keine Angst ein, sehr wohl aber Respekt: „ Bei uns muss schon der Prototyp funktionieren. Und das mit 20.000 Tonnen Last pro Stunde.“ Noch nie sei eine solche Maschine in einer so kurzen Zeit auf die Räder gestellt worden – erst im Oktober 2018 begann der Designprozess.

          Die Varianz der Stahlträger, die am Ende einen 40 Meter hohen und 105 Meter langen Schienenbagger auf 27 Achsen je Seite ergeben, darf weniger als einen Millimeter betragen. „Wir testen hier jedes Modul so lange, bis alles, aber auch alles funktioniert. Beim Zusammensetzen der sechs Module in der Mine wird es dann keine Überraschung mehr geben“, sagt de Wet.

          Bis dahin aber ist es noch ein Weg voller Hürden. Für den Transport der bis zu gut 80 Meter langen Stahlträger ist der deutsche Logistiker DB Schenker in Australien zuständig – Schenker ist auch Down Under bekannt als gute Adresse für schwere Fälle. Die Deutschen lieferten schon alles, was Olympia 2000 in Sydney brauchte – von Springpferden bis zu Segelbooten. Und sie waren verantwortlich für den Schwertransport beim Bau der riesigen Flüssiggasfabrik Gorgon von Chevron, Exxonmobil und Shell vor der Nordwestküste Australiens. Nun bringen die Bahner auf zwei gecharterten Spezialschiffen der Hamburger Reederei Zeamarine, die eine Fracht von 60 mal 15 Metern aufnehmen können, am 3. Januar 2020 und dann im März die großen Segmente von AMC in den Minenhafen Port Hedland im Norden Australiens. „Sie müssen dort zeitgleich mit Lieferungen aus China ankommen“, weiß Brian Hodge, der Projekt-Manager von Schenker in Perth. Von Port Hedland gehen die 290-Tonnen-Bauteile für einige hundert Kilometer auf die – in dieser Bergbau-Region – menschenleeren Straßen. In South Flank wird dem Monstrum von 2750 Tonnen dann Leben eingehaucht.

          Ist der Bagger im Juni nächsten Jahres zusammengesetzt, South Flank arbeitsfähig, wird ein Operator im Steuerzentrum von BHP im gut 1000 Kilometer entfernten Perth „RC03“ über einen Bildschirm und Joystick fahren. Nur auf den ersten Blick erinnern die Stahlbrücken im Hof von AMC an den Bau einer riesigen Brücke. „Das hier ist keine tote Brücke. Das ist ein Riesen-Roboter, der spricht und sich bewegt. Wir haben dem Ding ein Herz, ein Hirn und Erinnerungsvermögen eingesetzt“, sagt Matijevic.

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