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Fahrbericht Kawasaki Z 300 : Warten auf den Überschallknall

Bild: F.A.Z., Hersteller

Kinn zum Tank, rechte Hand am Anschlag, Vollgas! Welch eine Gaudi. Egal wie alt - man ist wieder jung. Ein großes Erlebnis mit der Kawasaki Z 300.

          2 Min.

          Kinn zum Tank, rechte Hand am Anschlag, Vollgas! Welch eine Gaudi. Egal wie alt - man ist wieder jung. Wann hat man mal Gelegenheit, einen Gasgriff auszuquetschen wie einst der Seewolf die Kartoffel? Schon Mittelklassemotorräder haben heutzutage mehr Leistung, als viele Fahrer wirklich nutzen können. Hier ist das anders.

          Walter Wille
          (lle.), Technik & Motor, Wirtschaft

          Wenn kein PS zu viel vorhanden ist, zählt fürs flotte Fahren plötzlich wieder die wahre Kunst: saubere Linie finden, passenden Gang wählen, Drehzahl auf Niveau halten, Schwung in die Kurve mitnehmen. Ein Motor, der es am Ende des Bogens nicht mit Kraftüberschuss lässig rausreißt, lässt einen jeden Fahrfehler spüren. Man ist gefordert, lernt den Windschatten wieder zu schätzen.

          Herrlich, dieses intensive Erlebnis mit der neuen Z 300. Kawasaki erweitert damit seine Z-Baureihe nach unten in die Klasse der Sparsamkeit und Genügsamkeit. Der Buchstabe, der immer der letzte ist, steht bei den Japanern zuallererst für zackige Naked Bikes, die auf wilde Wutz machen, sich beim zweiten Hinsehen aber als durch und durch ehrliche Haut erweisen. Klare Kante, böser Blick sind Ehrensache, die Z 300 bereitet der Familie in dieser Hinsicht keine Schande. Erkennbar waren Z 1000 und Z 800 die großen Vorbilder für die Kleine. Allerdings ist im Vergleich zu den beiden Schwestern alles zwei Nummern zierlicher, schlanker, günstiger.

          Verzicht hat Vorteile: Für 5195 Euro ist die Maschine zu haben, inklusive ABS. Lediglich 170 Kilogramm bringt sie vollgetankt auf die Waage, ist wunderbar wendig und leicht zu dirigieren. Dabei sieht die Z 300 nicht nach Verlegenheitslösung aus, für die man sich am Treffpunkt genieren muss, sondern nach einem ziemlich erwachsenen, gut verarbeiteten Motorrad. Das Lampenbauteil mit dem Multireflektor-Scheinwerfer übernimmt sie original von der Achthunderter. Und der Tank mit dem erstaunlichen Fassungsvermögen von 17 Liter ist eines Big Bike würdig, erlaubt angesichts eines Verbrauchs von vermutlich nur 3,5 bis 4 Liter je 100 Kilometer Reichweiten von 400 Kilometer und mehr.

          Mit Skepsis wurde noch vor wenigen Jahren das wiederentdeckte Segment um 300 Kubikzentimeter Hubraum betrachtet. Längst gilt es als ein bedeutsames, rasch wachsendes. KTM brachte im vergangenen Jahr in Deutschland fast 1500 Exemplare des Modells Duke 390 unter die Leute. Kawasaki verkaufte 524 Stück der seit 2013 angebotenen Ninja 300 mit sportlicher Verkleidung, die als technische Basis für die nackte Z 300 dient. „Das ist eine ganz wichtige Klasse“, urteilt Kawasaki-Sprecher Andreas Seiler. Angesprochen werden sollen Inhaber des A2-Einsteiger-Führerscheins, Kunden, die aufs Geld schauen. Nicht zuletzt soll die Z 300 junge Menschen an die Marke heranführen.

          100 Sachen fühlen sich nach Höllentempo an

          Theoretisch geht sie mit einem Handicap an den Start: Der 296 Kubikzentimeter messende Reihenzweizylinder reizt mit seiner Höchstleistung von 39 PS (29 kW, bei 11 000/min) das 48-PS-Limit der A2-Lizenz nicht aus. In der Praxis lässt sich damit gut leben. Das drehfreudige Triebwerk agiert lebendig, gefällt durch Laufruhe, sanftes Ansprechen und eine sehr gleichmäßige Kraftentfaltung. Erwartungsgemäß spielt sich im untertourigen Betrieb nicht allzu viel ab, oberhalb von 6000/min ist der Twin in seinem Element. Mit 39 PS kommt man sehr zügig voran und an Vierrädrigen vorbei. Um aus dem Stand 100 km/h zu erreichen, dauert es ein paar Sekunden länger als von den allmächtigen Böcken gewohnt. Ein wenig Geduld indes wird belohnt: 100 Sachen fühlen sich nach Höllentempo an, bei 140 macht man sich auf den Überschallknall gefasst. 166 km/h lautet die offizielle Höchstgeschwindigkeit. Hünen wirken auf dem graziösen Fahrzeug ulkig, aber auch mit einsfünfundachtzig sitzt es sich entspannt.

          Die wesentlichen Unterschiede der Z 300 zur 300 Euro teureren Ninja 300: breiterer Lenker, schönere, geschwungene Krümmerrohre (weil die ohne Verkleidung nun im Blickfeld liegen), dezente Veränderungen am Kühlsystem und an der Fahrwerksgeometrie, weißes statt schwarzes Zifferblatt in der übersichtlichen Instrumenteneinheit. Identisch sind die solide Bremsanlage, die butterweiche Kupplung, die präzise Schaltung. Wenn etwas den Verdacht von Sparsamkeit erregt, dann die Thailand-Reifen der Erstausstattung. Dennoch: Ein erschwinglicher Traum für Jugendliche jeden Alters.

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